Geblättert: „Kindheit und Arbeit“ von Manfred Liebel

Kinderarbeit © Pixabay 2020 / Foto: suvajit

Kindheit und Arbeit. Wege zum besseren Verständnis arbeitender Kinder

Manfred Liebel

Arbeitende Kinder sind weder ein Relikt vergangener Zeiten noch vermeintlich „zurückgebliebener“ Gesellschaften. Mit Blick auf Afrika, Asien und Lateinamerika ebenso wie auf Europa und Deutschland schärft Manfred Liebels neue Publikation den Blick für die Vielfalt der Formen und Bedeutungen, die Arbeit für Kinder hat. Der Autor stellt festgefahrene Reflexe und vermeintliche Gewissheiten und Urteile in Frage und zeigt anhand von Studien, dass bisherige Maßnahmen gegen Kinderarbeit kritisch zu hinterfragen sind.

Leseprobe: S. 17-23

 

1. Arbeitende Kinder als Subjekte

Mir geht es in diesem Buch darum, eingeschliffene Reflexe und vermeintliche Gewissheiten und Urteile über die Arbeit von Kindern zu hinterfragen. Dabei will ich nicht die heute in der Welt verbreiteten und sich weiter ausbreitenden Formen der Ausbeutung und des Missbrauchs von Kindern kleinreden, sondern den Blick schärfen für die Vielfalt der Formen und Bedeutungen, die Arbeit auch für Kinder hat und haben kann. Und vor allem will ich deutlich machen, dass Kinder mit ihrer Arbeit wichtige Beiträge für ihre Familien und Gesellschaften erbringen, deren Anerkennung bis heute weitgehend aussteht, und dass sie sich auf vielfach beeindruckende Weise in die öffentlichen und vor der Öffentlichkeit verborgenen Angelegenheiten einmischen und eigene Visionen eines besseren Lebens und einer Arbeit entwickeln, die auch ihnen zugutekommt. Zumindest in den Ländern des globalen Südens haben sich arbeitende Kinder – über nationale Grenzen hinweg – als Protagonist*innen einer Gesellschaft erwiesen, in der die Würde der Kinder ebenso wie die aller Menschen geachtet wird.

 

1.1 Stimmen arbeitender Kinder

Dies möchte ich mit einer Episode veranschaulichen. Als im Mai 1998 einige arbeitende Kinder aus Nicaragua auf Einladung der Kinderrechtsorganisation terre des hommes in Deutschland zu Besuch waren, versetzte ein zwölfjähriges Mädchen eine Journalistin in Ratlosigkeit. Auf deren suggestive Frage, sie würde doch wohl nicht mehr arbeiten, wenn ihre Mutter allein genug Geld heimbrächte, hatte das Mädchen geantwortet: „Wieso denn nicht? Selbst etwas zu verdienen macht mich stolz. Ich lerne mit Geld umzugehen. Es bringt mir Unabhängigkeit.“ Und die anderen Kinder sekundierten: „Wir wollen arbeiten, aber wir wollen menschenwürdige, respektierte Arbeit.“

Aus meiner siebenjährigen Praxis mit arbeitenden und auf der Straße lebenden Kindern in Lateinamerika und aus sporadischen Erfahrungen in Afrika und Indien habe ich gelernt, dass diese Kinder sich Gedanken über ihr Leben und ihre Arbeit machen, die Erwachsene üblicherweise nicht einmal ahnen und die weit entfernt sind von den gängigen Formeln über die Kinderarbeit.2 Wenn die Kinder – wie das Mädchen aus Nicaragua – sagen, dass sie mit ihrer Arbeit Geld verdienen wollen, tun sie es in dem Bewusstsein, dass in den kapitalistisch durchökonomisierten Gesellschaften selbst die Grundbedürfnisse einen Preis haben. Sie sagen z.B.: „Wenn wir kein Geld verdienen, können wir unsere Zähne nicht in Ordnung halten und die Schule können wir auch vergessen.“ Wer nur die Gefahren und negativen Folgen der Arbeit für Gesundheit und Bildung der Kinder wahrnimmt, wägt nicht den Preis ab, den die Kinder bezahlen müssten, wenn sie nicht arbeiten würden. Sie selbst sagen: „Wenn wir nicht arbeiten würden, blieben wir Analphabeten, müssten wir in Unterhosen leben, im Elend verkommen und vor Hunger sterben.“

Die arbeitenden Kinder des Südens erinnern uns daran, dass wir ihre Arbeit nicht verstehen und bewerten können, ohne die konkreten Umstände zu bedenken, in denen die Kinder leben. Viele arbeiten nicht nur, weil ihnen kein anderer Ausweg bleibt und weil sie sich für ihre Familien verantwortlich fühlen, sondern auch weil sie mittels der Arbeit ihre Ohnmacht überwinden und ein neues Selbstbewusstsein gewinnen können. Die Kinder bemerken, dass ihre Arbeit ihnen mehr soziales Gewicht verleiht. Obwohl sie in vielen Fällen ihre Arbeit nicht anerkannt sehen, spüren sie, dass sie etwas Nützliches und Unverzichtbares für ihre Familie und die Gesellschaft machen. Nicht wenige der Kinder haben eine umfassende Sicht der Bedeutung und des Werts ihrer Arbeit: „Wenn wir nicht arbeiteten“, sagen sie, „lebten wir in einer wirtschaftlichen Krise, die schlimmer wäre als die, die wir heute erleben.“

Die Kinder sehen in ihrer Arbeit nicht einfach eine Last oder eine Notwendigkeit, sondern auch eine Gelegenheit, Dinge zu lernen, die ihnen die Schule nicht bietet. Sie sagen: „Unsere Arbeit hilft uns, uns zu bilden“, sie dient dazu, „die Erfahrungen der Erwachsenen aufzugreifen, uns verteidigen zu lernen, uns unabhängiger zu machen, das Leben zu meistern, uns vorzubereiten, jemand im Leben zu sein“. Was vielen arbeitenden Kindern gefällt, ist nicht immer die Arbeit selbst, sondern dass sie ihnen ermöglicht, „mit anderen Personen zusammen zu sein“. Die Kinder, die auf der Straße arbeiten, sagen häufig: „Wir finden Freunde und können miteinander spielen.“ Auch gefällt es ihnen, „die Arbeit mit den anderen zu teilen“. Für viele Kinder in den Ländern des globalen Südens ist die Arbeit Anlass und Gelegenheit, sich in Gruppen zusammen zu schließen, sei es um sich bei der Arbeit gegenseitig zu helfen, sei es um ihre Interessen und Rechte zu verteidigen.

Es sind die Kinder, die vermeintliche Gewissheiten über die Kinderarbeit am ehesten und vielleicht auch am überzeugendsten in Frage stellen. Eines der wichtigsten Credos der Bewegungen arbeitender Kinder im Süden besteht darin, dass es nicht die Arbeit ist, die ihnen zu schaffen macht, sondern die Bedingungen, unter denen sie diese vielfach verrichten müssten. Sie wissen, dass sie in einer weniger von Armut und dem „Diktat des Geldes“ geprägten Situation mehr Möglichkeiten hätten, sich eine Arbeit auszusuchen, die ihnen gefällt und ihnen was bringt. Doch kaum ein arbeitendes Kind will sich zurückversetzen lassen in ein arbeitsfernes Kindheitsreservat, in dem es nichts zählt und auf Gedeih und Verderb den Erwachsenen ausgeliefert ist. Und kaum ein arbeitendes Kind hält es für hilfreich, den Kindern die Arbeit zu verbieten. Wenn schon Gesetze, dann wird von ihnen erwartet, dass sie den Kindern ebenso wie den Erwachsenen das Recht einräumen zu arbeiten und dafür sorgen, dass sie bei ihrer Arbeit besser geschützt werden und mehr zu sagen haben.

Seit den 1990er Jahren wird in der deutschen Öffentlichkeit wahrgenommen, dass die Arbeit von Kindern nicht auf die „armen“ Länder des Südens begrenzt ist. Studien, die seit 1989 in einigen Bundesländern durchgeführt wurden, haben sichtbar gemacht, dass auch hierzulande zahlreiche Kinder bezahlten Jobs nachgehen, in der Regel neben der Schule. Dies hat zu manchen besorgten Kommentaren geführt, in denen befürchtet wird, die Kinder seien dadurch in ihrer gesundheitlichen Entwicklung und ihren Schulleistungen gefährdet. Kaum wurde darauf geachtet, was die jobbenden Kinder selbst dazu zu sagen haben.

Als einige Studierende der Projektgruppe Kinderarbeit an der Technischen Universität Berlin, wo ich seit 1981 als Professor für Soziologie tätig war, der Frage nachgingen, warum Kinder in Deutschland arbeiten und was sie über ihre Arbeit denken, erhielten sie Antworten der folgenden Art:

  • „Ich hacke auch Holz… Wir wollen jetzt gucken, ob wir das Holz verkaufen können, weil hier in der Gegend sind auch so alte Häuser, da muss man ja auch heizen…“ (Junge, 10 J.)
  • „Ich habe mich auf Bohnen spezialisiert und Erbsen, und meine Bohnen, die sind wirklich gut gewachsen.“ (Mädchen, 13 J.)
  • „…deswegen will ich jetzt auch wieder Babysitten, ich mag total kleine Kinder.“ (Mädchen, 15 J.)
  • „Ich könnte, wenn man mir jetzt ein neugeborenes Kind geben würde, ich könnte es alleine erziehen – hab‘ ich doch auch mit meinem kleinen Bruder gemacht…“ (Mädchen, 15. J.)
  • „…wie das ist, so arbeiten… Man lernt, wie man mit Zeit umgeht und wie man mit anderen Menschen umgeht.“ (Mädchen, 15 J.)
  • „…da lernt man auch ganz viel, wie man was macht…“ (Junge, 10 J.)
  • „Ich hasse es, nur in der Klasse zu sein…“ (Mädchen, 10 J.)
  • „Auch Schülerjobs machste für Geld. Natürlich muss es auch ein bisschen Spaß machen und dass man es mit später verbinden kann…“ (Junge, 14 J.)
  • „…die Erfahrung, ich verdiene ja kein Geld dafür, und trotzdem helfe ich…“ (Mädchen, 15 J.)
  • „Das ist einfach toll, dass man da helfen kann. Es ist irgendwie – eine Herausforderung.“ (Junge, 10 J.)
  • „Hausarbeiten, das sollten auch Jungen lernen, das ist nicht so, dass nur Mädchen vor dem Herd stehen sollten…“ (Mädchen, 13 J.)
  • „…wenn ich dann so mein eigenes Geld verdiene, kann ich auch sagen: Ja, das kann ich mir davon schon leisten…“ (Mädchen, 14 J.)
  • „…später gehe ich ja auch nicht mehr zu meinen Eltern und sage: ,Ja ich möchte dafür Geld haben.‘ – da muss ich ja auch selber dafür arbeiten.“ (Mädchen, 15 J.)
  • „Wenn du unbedingt Geld brauchst…, dann würde mich nicht die Angst, dass ich nicht arbeiten gehen darf, zurückhalten. Ich würde es dann halt einfach machen.“ (Junge, 14 J.)

Die Arbeit von Kindern in Deutschland und anderen europäischen Ländern oder in Nordamerika zeigt große Unterschiede zur Arbeit von Kindern in den Ländern des Südens. Sie wird in der Regel nicht um des Überlebens willen ausgeübt und sie gefährdet und belastet die Kinder bei weitem nicht so stark. Doch über die Unterschiede hinweg fällt auf, dass das Denken der Kinder über ihre Arbeit viele Ähnlichkeiten aufweist. Es fällt auf, dass die wenigsten Kinder ihre Arbeit als aufgezwungen oder unangenehm erleben, sondern eher als eine Gelegenheit, etwas Ernsthaftes und Nützliches zu machen, auf das sie stolz sein können, eigenes Geld zu verdienen, über das sie selbst verfügen können, auf eigenen Füßen zu stehen und etwas zu lernen, das sie gebrauchen können.3 Im Buch wird ausführlich von Studien aus mehreren Ländern und Kontinenten die Rede sein, die diese Eindrücke unterstreichen und präzisieren.

 

1.2 Die Rede von Kinderarbeit verzerrt die Wirklichkeit

Die im Terminus Kinderarbeit zum Ausdruck kommende Wahrnehmung der Arbeit von Kindern verstellt den Blick auf solche Aspekte. Sie ist von einem Arbeitsverständnis geprägt, das Arbeit nur als Belastung, Mühsal und Opfer versteht. Arbeit von Kindern zumal wird nur vorgestellt als Gefahr und Risiko, die zwangsläufig die kindliche Entwicklung behindert und den Kindern ihre Kindheit raubt. Ich werde deshalb in diesem Buch den Terminus Kinderarbeit nur aufgreifen, wenn ich mich auf Literatur beziehe, in der er verwendet wird, und stattdessen von „Arbeit der Kinder“ oder „Arbeit von Kindern“ sprechen. Im Englischen werden mitunter die Termini Child Labour und Child Work unterschieden, um auszudrücken, dass es sich bei Child Labour um eine für Kinder schädliche oder um ausbeuterische Arbeit handelt, während Child Work als „tolerabel“ gilt. Ich gebrauche hier den Terminus „Arbeit von Kindern“ allerdings nicht in diesem abgrenzenden Sinn, sondern um ohne Bewertung jede Art von Tätigkeit zu bezeichnen, die Produkte oder Dienstleistungen hervorbringt, die für andere Menschen von Nutzen sind. Um zu ermitteln, welche Wirkung oder Bedeutung eine Arbeit für die arbeitenden Subjekte, hier für arbeitende Kinder hat, müssen die spezifischen Bedingungen der Arbeit und soziale und kulturelle Rahmenbedingungen in Betracht gezogen werden. Im Umgang mit der Arbeit der Kinder wird dies noch immer zu wenig beachtet und es fehlen weitgehend „Perspektiven, in denen Arbeit zu jenen humanen Aktivitäten gehört, mit denen Welt angeeignet, verändert und immer auch neu produziert wird. Kurz: Die schöpferische Seite der Arbeit ist abwesend. Nicht beachtet wird auch jene Dimension, die für die Arbeitenden selbst einen Weg eröffnet zum ‚lernenden Umgang‘ mit ihrer Um-Welt“ (Lüdtke 1999, S. 99; kursiv im Orig.).

Solange solche Perspektiven fehlen, muss die Kinderarbeit als eine Art Betriebsunfall der Geschichte oder Schicksal erscheinen, dem Kinder bloß ausgeliefert sind. Und es ist dann auch kaum möglich, sich klar zu machen, dass Kinder in der Lage und daran interessiert sein könnten, tätig zu sein in einer Weise, die Bedeutung hat für ihre Umwelt, die ernst genommen wird, mit der etwas bewirkt werden kann. Typisch für diesen Mangel an Vorstellungskraft ist, dass die Arbeit von Kindern völlig getrennt erscheint von dem, was als „Leistung“ den Kindern zugetraut und von ihnen erwartet wird. Leistung wird Kindern nur in der Schule und bestenfalls im Sport zugebilligt, gerade hier hat sie aber nichts mit einem Produkt zu tun, das für die Erhaltung und Gestaltung des Lebens bedeutsam ist. Logischerweise ist die Anerkennung, die sie dafür erfahren, auch nur rein symbolischer Natur, eine Zensur (!), ein Diplom oder bestenfalls ein silbrig glitzernder Pokal.

Gemeinhin wird in unseren Breiten die Arbeit von Kindern als ein Phänomen aus einer fernen Vergangenheit oder fernen Welten verstanden. Einen anschaulichen Beleg hierfür bietet der Blick in ein Lexikon („Meyers Enzyklopädisches Lexikon“, Bd. 13). Dort wird unter dem Stichwort „Kinderarbeit“ vermerkt, es handele sich um ein Phänomen des 18. und 19. Jahrhunderts, das sich historisch erledigt habe. Damals sei es zu einem „unmenschlichen Kreislauf“ gekommen, in dem Eltern wie Kinder verzweifelt ihr Überleben gesucht und dabei lange Arbeitszeiten und ebenso riskante wie verschleißende Arbeitsverrichtungen akzeptieren mussten. Der öffentliche Diskurs über Kinderarbeit zeichnet sich seitdem durch eine hohe moralische Tonlage aus. Wenn Medien oder Politiker*innen sich des Themas annehmen, empören sie sich – gleich welcher politischen Couleur – unisono darüber, dass so etwas überhaupt noch existiert. Kinderarbeit gilt als eine rückständige Barbarei, die den Kindern die Kindheit raubt und der Volkswirtschaft schadet.

Dabei gerät so einiges aus dem Blick.

Es gerät aus dem Blick, dass die Arbeit von Kindern – im Norden wie im Süden – eine große Bandbreite aufweist, die von Formen der Zwangsarbeit bis zu selbstbestimmten und bedürfnisorientierten Formen der Arbeit reicht. Das UN-Kinderhilfswerk UNICEF hielt es deshalb in den 1990er Jahren immerhin für wichtig, „zwischen sinnvollen und gefährlichen Tätigkeiten zu unterscheiden und zu begreifen, dass ein Großteil der Kinderarbeit zwischen der Gefährdung der Kinder und der Förderung ihrer Entwicklung angesiedelt ist“ (UNICEF 1996, S. 29). In allen Ländern – ob arm oder reich – entscheide „die Art der von Kindern verrichteten Arbeit, ob sie ihnen schadet oder nützt – und nicht einfach die Tatsache, dass Kinder arbeiten“ (a.a.O., S. 23). Leider finden sich solche differenzierenden Stellungnahmen in neueren Publikationen von UNICEF kaum noch.

Es gerät aus dem Blick, dass gerade die Formen von Arbeit, die die Würde der Kinder am meisten verletzen und oft ihr Leben und ihre Gesundheit aufs Spiel setzen, keineswegs ein Resultat kultureller Rückständigkeit sind, sondern von der kapitalistischen Globalisierung hervorgebracht werden, sei es indem ein wachsender Teil der Menschen in ausweglose Armut gestürzt wird, sei es indem die flexible und billige Arbeitskraft von Kindern dazu dient, sich wenigstens einen kleinen Vorsprung in der sich verschärfenden Weltmarktkonkurrenz zu verschaffen.

Es gerät aus dem Blick, dass „unser“ moralisches Urteil und die geforderten „Maßnahmen gegen Kinderarbeit“ auf einem Verständnis und kulturellen Modell von Kindheit basieren, das unter bestimmten historischen Voraussetzungen in Europa entstanden ist und nicht umstandslos auf andere Gesellschaften und Kulturen übertragen werden kann.4 Zudem treten manche Probleme dieses Kindheitsmodells in der vermeintlich entwickelten Welt (wieder) hervor. So merkte der Erziehungswissenschaftler Hartmut von Hentig Anfang der 1990er Jahre an: „Wenn eine Gesellschaft ihre jungen Menschen bis zum 25. Lebensjahr nicht braucht und sie dies auch wissen lässt, indem sie sie in Schulen, an Orten von denen nichts ausgeht, kaserniert und mit sich selbst beschäftigt, sie von allen Aufgaben ausschließt, denen Erwachsene nachgehen und für die sie als Zeichen und Maß der Wichtigkeit bezahlt werden, dann zieht sie ihre eigenen Zerstörer groß“ (von Hentig 1993, S. 120 f.).

Schließlich gerät aus dem Blick, dass die arbeitenden Kinder auch Subjekte sind, die sich mit ihrer Situation auseinandersetzen und eigene Vorstellungen über ihre Arbeit und ihr Leben hervorbringen. Wenn die meisten Organisationen arbeitender Kinder im Süden z.B. auf einem „Recht zu arbeiten“ und der gesellschaftlichen Anerkennung ihrer Arbeit bestehen, geht dies gleichermaßen mit einer massiven Kritik an der kapitalistischen Ausbeutung wie an der eurozentristischen Arroganz derer einher, die sich eine „richtige“ Kindheit nur ohne Arbeit vorstellen können.5

 

2 Die im Folgenden wiedergegebenen Stimmen stammen aus Gesprächen und Untersuchungen mit arbeitenden Kindern in El Salvador, Guatemala und Nicaragua (siehe Liebel 1998a).

3 Zu bedenken ist auch, dass mit der Globalisierung und den weltweit sich ausbreitenden Wertvorstellungen und Bedürfnissen von Kindern eine „neue Art von Kinderarbeit“ entsteht, die nicht mehr nur aus materieller Not resultiert, sondern weil Kinder „einfach entscheiden, dass sie Geld brauchen“ (White 1996, S. 831).

4 Hierzu habe ich mich in meinem Buch Postkoloniale Kindheiten (Liebel 2017b) eingehend geäußert.

5 Zu den Zusammenhängen zwischen Kindheitskonzepten und der Rede von Kinderarbeit vgl. Liebel, Meade & Saadi (2012).

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Erschienen bei Budrich:

3D Cover LiebelManfred Liebel: Kindheit und Arbeit. Wege zum besseren Verständnis arbeitender Kinder

 

 

© Pixabay 2020/ Foto: suvajit