Geblättert: „Jenseits der Exklusion. Lernen vom Erfolg – Auf dem Weg zur Gegenseitigkeit“ von Jona Michael Rosenfeld

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Jenseits der Exklusion. Lernen vom Erfolg – Auf dem Weg zur Gegenseitigkeit

von Jona Michael Rosenfeld

S. 91-96

 

IV. Pfade zum „Lernen vom Erfolg“ – Sieben Beispiele

Es gibt vielfache Quellen des Wissens, um „die Welt zu erklären“ oder um „sie zu verändern.“29

 

1. Unerwartete Vorläufer für das Programm „Lernen vom Erfolg“

Mein ganzes Arbeitsleben hindurch habe ich mich darauf konzentriert, die Welt zu verändern statt sie zu erklären. Allerdings sind die Quellen für ein auf Veränderung gerichtetes Wissen in vielen Situationen eher eingeschränkt. Insofern ist das Lernen vom Erfolg nicht nur effektiv, sondern auch eine Gelegenheit gewesen, die es nicht zu versäumen galt. Die erfolgreichen Methoden des Lernens vom Erfolg wurden während der letzten zwei Jahrzehnte von der Abteilung „Lernen vom Erfolg und Weiterbildung in den Humanen Diensten“ am Myers-JDC-Brookdale Institut in Jerusalem entwickelt. Dort haben wir uns auf die Bestimmung dessen konzentriert, was Argyris und Schön „implizites Wissen“ genannt haben, ein Wissen, das effektive Handlungen und, auf dieser Grundlage, die „Handlungsprinzipien“ beschreibt, die in der Vergangenheit zu Veränderungen geführt haben und in ähnlichen Situationen als Richtlinien für Handlungen in Gegenwart und Zukunft dienen können (Chaskin und Rosenfeld 2008).

Erwähnenswert sind die unvorhergesehen übereinstimmenden Schlüsse, die sich aus den sieben Abschlussberichten über den von mir so genannten „Schritt von der Exklusion zur Reziprozität“ ergaben. In jedem der Berichte ist ein impliziter Bezug auf das auslösende Moment der so genannten Reziprozität enthalten, worauf dann die Hinführung zu dem folgt, was Veränderung im Leben der Ausgeschlossenen bewirkt hat. Von daher liegt der Schwerpunkt dieses Abschnitts über „Lernen vom Erfolg“ darauf, diejenigen Handlungen herauszuarbeiten, die den Anstoß zur Überwindung der Exklusion gegeben haben, sowie diejenigen, die den Prozess der Veränderung ermöglicht haben, d. h. den Erfolg in Gestalt der Handlungen, die den Schritt von der Exklusion zur Reziprozität bewirkt haben. Beide Handlungsstränge begannen als implizites Wissen aus der Vergangenheit und wurden entfaltet, d. h. sie wurden zu umsetzbarem Wissen in der Gegenwart und für die Zukunft. Das Bewusstsein dieser beiden Komponenten des Lernens vom Erfolg sowie des Schrittes von der Exklusion zur Reziprozität stellte sich bei mir erst im Nachhinein ein.

 

2. Training für Piloten der Luftwaffe in Israel 1954/55 – oder wie man exzessive Durchfallraten in der Ausbildung von Offiziersanwärtern beenden kann

Eine meiner frühen Studien und die erste soziologische in der Israelischen Luftwaffe bezog sich auf die Ausbildung von Kadetten um 1954–55, einige Jahre nach Errichtung des Staates. Zu dieser Zeit war die Macht des Kollektivs innerhalb der Armee noch sehr groß und die Errichtung hierarchischer Strukturen daher problematisch. Als die Anzahl von Kadetten, die die Ausbildung erfolgreich abschlossen, übermäßig absank, war General Dan Tolkovsky, der damalige Chef der Israelischen Luftwaffe, alarmiert. Er besprach das Thema mit seinem Freund Professor Shmuel Eisenstadt, dem Vorsitzenden der Soziologischen Fakultät an der Hebräischen Universität, der mein Lehrer und persönlicher Freund war.

Shmuel wandte sich an drei seiner Studenten, Eliezer Rosenstein, Moshe Lissak und mich, und schlug vor, dass wir uns mit den Offizieren träfen, die für die Ausbildung der Piloten verantwortlich waren. Wir trafen diese äußerst unduldsamen Ausbilder, die sich offen beschwerten, ihre Arbeit nicht ausstehen zu können und am liebsten zu dem Zustand, „wirkliche“ Piloten zu sein, zurückkehren zu wollen. Sie empfanden sich als isoliert und von ihren Kommandeuren im Stich gelassen und waren neiderfüllt und feindselig gegenüber den Kadetten, die sie als schuldig daran betrachteten, am eigenen Fliegen gehindert zu sein.

Wir staunten über die Art, wie Eisenstadt an die Sache heranging. Gestützt auf seine Erfahrung und Intuition verstand er, dass die übermäßige Durchfallrate der Kadetten mit dem Neid der Ausbilder zu tun hatte. Als dann, während eines Treffens mit uns und den Ausbildern, der scharfsinnige Chef der Luftwaffe den Raum betrat, erzählte er den Ausbildern und ihren Kommandeuren die folgende Geschichte, die, wie wir sehen werden, sein Verständnis der Lage illustrierte: „Es war einmal ein junger Mann, der eine Freundin hatte. Sie lebten zusammen, aber er wollte sie nicht heiraten. Eines Tages aber musste er sie heiraten, weil sie schwanger geworden war.“ Und er fügte hinzu: „Sehen Sie, er hatte keine andere Wahl als zu heiraten. Sie als Ausbilder sind die einzigen, die für die Ausbildung der Kadetten verantwortlich sind. Also hat die Israelische Armee keine andere Wahl, Sie aber auch nicht.“ Er verließ festen Schritts den Raum, nachdem er dem Leiter der Flugschule aufgetragen hatte, dafür zu sorgen, dass jedem Ausbilder mehr Gelegenheit gegeben werde, sein eigenes Flugzeug zu fliegen. Er befahl dies, weil auch er den Mangel an solcher Gelegenheit als eine mögliche Erklärung für die Tendenz zur hohen Durchfallrate so vieler Kadetten hielt. Bald darauf stieg die Zahl der Kadetten in Ausbildung, die erfolgreich Piloten wurden, erheblich an.

Hinzu kam ein weiteres Ereignis, das ich nie vergessen kann. Nach dem Treffen wurde dem Chefausbilder und zwei anderen aufgetragen, jeden von uns zu einem Flug in einem Militärflugzeug einzuladen. Der Chefausbilder kam zu mir, dem Ältesten von uns dreien, und bat mich, ihm zu seinem Flugzeug zu folgen. Er war alles andere als ein liebenswerter Mensch, und als wir in der Luft waren, stellte er das Flugzeug, und uns mit ihm, auf den Kopf. Während dessen sagte er mir über Kopfhörer in betont ruhigem Ton: „Damit du weißt, was eine ‚Rolle‘ ist,“ und ließ gleich danach das Flugzeug tanzen. Überwältigt und voller Furcht, wenngleich den Gelassenen mimend, fragte ich ihn mit zitternder Stimme über Kopfhörer: „Ist das das Sharon Hotel da unten?“ Er murmelte: „Ja“, wendete das Flugzeug und landete sogleich. Unten am Boden, ich wusste kaum, wo ich war, sagte er zu seinen Kollegen ganz gleichmütig: „Als ich ihm zeigte, was eine Rolle ist, fragte mich dieser Halunke, ob die Rolle über dem Sharon Hotel gewesen war.“ Danach ging er davon ohne ein Wort des Abschieds. Das war hingegen kein großer Schade, da ich Zeit zum Nachdenken darüber hatte, ob und in welcher Weise wir einen positiven Beitrag zur Israelischen Luftwaffe geleistet hatten – was, wie sich zeigte, wir getan hatten.

Rückblickend wird mir klar, was geschehen war. Der Chef der Luftwaffe begriff, dass die Ausbilder verstehen mussten, dass er sich um sie kümmerte, sodass sie ihre Aufgabe erfüllen und die Luftwaffe zu ihren Piloten kommen konnte. Damals hätte ich dies nicht „Lernen vom Erfolg“ genannt. Aber das war es. Es ereignete sich, nachdem der Chef der Luftwaffe „stillschweigendes Wissen“ – den Neid der Ausbilder – in umsetzbare Begriffe verwandelt hatte, was den neidischen Ausbildern dazu verhelfen sollte, ihre eigenen Flugzeuge zu fliegen und mit ihrem Neid konfrontiert zu werden. Indem er diese beiden Einsichten herausstellte – das Gefühl der Ausbilder, im Stich gelassen zu werden, und ihren Neid auf die Kadetten –, trug er zum erwünschten Ergebnis bei: die Kadetten nicht durchfallen zu lassen. Dies war schließlich der Erfolg unseres gemeinsamen Lernprozesses und ein Vorläufer dessen, was dann noch kommen sollte.

 

3. Hilfe für Familien von Seeleuten der Israelischen Handelsmarine 196430

Ein Jahrzehnt später, in den frühen sechziger Jahren, kamen mein Freund Eliezer Rosenstein und sein Kollege Bilha Manheim31 vom Fachbereich „Allgemeine Studien“ am Haifa Technion auf mich zu, da ich als Offizier der Israelischen Armee im Bereich Psychiatrie Erfahrung besaß, um eine Untersuchung über ein scheinbar andersartiges Problem durchzuführen. Es sollte die erste israelische Untersuchung über Familien von Seeleuten sein. Gefördert vom Sozialdienst der Israelischen Handelsmarine, wurde sie als „Studie zum langen Wochenende“ bekannt, was sich auf die wenigen Tage des Wochenendes bezog, an denen der gewöhnlich abwesende Vater, der Seemann, zu seiner Familie kam. Man wollte Dienstleistungen für eine Population von Seemannsfamilien einrichten, deren Lebensumstände sich von den mit der Armee oder Polizei verbundenen Familien beträchtlich unterschieden. Nachdem wir erforscht hatten, was das spezifisch Kennzeichnende für das Leben dieser Familien war, sollte unsere Studie eine neue Grundlage für die zukünftige Arbeit dieses sozialen Dienstes darstellen.

Im Vorlauf zu dieser Studie gingen Eliezer und ich getrennt mit Schiffen der Handelsmarine auf Fahrt nach Europa. Etwa gleichzeitig interviewte Bilha einige der Familien in ihren Wohnungen. Anfangs waren wir überzeugt, dass nicht mehr als die Art von Diensten erforderlich war, die den Soldaten, Polizisten und Piloten der zivilen Luftfahrt zugute kam, aber wir stellten zu unserer Überraschung fest, dass es für diese Familien zwei typische Stresssituationen gab. Die erste war der Fall, wenn die Mutter, alleingelassen mit den Kindern, als einzige die Verantwortung für sie, das Haus und alle übrigen Familienangelegenheiten trug. Sie hatte überhaupt wenig soziale Kontakte, insofern sie nur Zwischenträgerin und niemandes Partner war, und empfand ein tiefes Gefühl der Einsamkeit. Die zweite Stresssituation trat mit der unberechenbar kürzeren oder längeren Anwesenheit des Vaters an Land ein, genannt „langes Wochenende“. Diese Zeiten waren ebenso von einem Gefühl der Unruhe gekennzeichnet wie der Sehnsucht nach der relativen Beschaulichkeit, die sich beim Einsatz des Vaters auf See im Hause einstellte. Mehr noch, während
der Wochen seiner Abwesenheit wurde die Trennung von ihm als eine Zeit der Erleichterung erfahren.

Darüber hinaus war der Seemann während der langen Wochenenden zwischen seinen Aufgaben an Bord des Schiffes im Hafen und seiner Verpflichtung gegenüber der engeren Familie sowie den weiteren Beziehungen hin- und hergerissen. Es war für gewöhnlich eine Zeit dauernder Übergänge von Phasen des unter sich Bleibens der übrigen Familienmitglieder zur Phase, da man zwischen der Verwöhnung der Kinder und der Ausübung von Autorität schwankte, die ansonsten fehlte. Zudem war es auch eine Zeit, da der ersehnte und scheinbar willkommene Vater Forderungen stellte, die von denen, die er zurückgelassen hatte und die er wieder verlassen sollte, abgelehnt wurden. Angesichts dessen konnte man nicht so leicht wissen, welche Dienste für die Familie und den Seemann angeboten werden sollten, sowohl wenn er zur See fuhr wie wenn er zuhause war. Wie sich zeigte, fühlten sich beide Partner, wenn sie augenscheinlich zusammen zuhause waren und wenn der Ehemann zur See fuhr, verlassen und einsam.

Sobald wir diese Lage verstanden hatten und das den Sozialdiensten, die für die Handelsmarine und deren Familien zuständig waren, mitgeteilt hatten, konnten sie von den vorgefassten Meinungen über die landläufige Vorstellung von der Abwesenheit des Vaters ablassen. Dadurch setzten wir sie in den Stand, ihren Dienst „Sozialdienst für Seeleute und ihre Familien“ zu nennen. Das erlaubte ihnen, die besonderen Bedürfnisse der Familien und damit spezifische Möglichkeiten der Unterstützung für sie zu entdecken, mit denen ihnen während der allzu langen Wochenenden mit dem Ehemann und der schuldbeladenen Erleichterung nach dessen Abschied zu helfen war. In der Tat war eine Veränderung des Bewusstseins erforderlich, die Anwesenheit des Vaters und die langen Wochenenden nicht länger als erwünschte und wünschbare Freizeit zu betrachten, wie man sie zuvor angesehen und erwartet hatte.

Damals reichte es anscheinend aus, darauf hinzuweisen, dass die vorgefasste Lebensart dieser Familien modifiziert werden musste. Daher schlugen wir vor, gemeinsam mit den Familien abzuklären, wie sie sich fühlten, wenn der Vater abwesend war, wenn sie alle zusammen waren und wie man offen die Auswirkung dieser Lebensart auf die Mitglieder der Familie erforschen konnte. Bald nach der schriftlichen Abfassung unseres Berichts verabschiedeten wir uns vom Sozialdienst der Handelsmarine und ihren Familien mit dem Gefühl, dass zumindest wir nicht viel zu bieten hatten.

Im Rückblick kann ich immerhin sagen, dass, wäre die Studie unternommen worden, als die „Lernen vom Erfolg“-Methode bereits vorhanden war, wir uns die Zeit genommen hätten herauszufinden, wie die Unterstützungsmöglichkeiten besser auf die spezifischen Bedürfnisse der Seeleute und ihrer Familien abzustimmen gewesen wäre.

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29 Christ Argyris zu Jona Rosenfeld in einer Privatunterhaltung, circa 1964
30 Rosenfeld und Rosenstein (1973); Rosenfeld, Rosenstein und Raab (1973)
31 Ich danke Bilha Manheim, eine unserer Partnerinnen bei diesem Vorhaben, für die Durchsicht dieses Abschnitts fast fünfzig Jahre später.

 

Erschienen bei Budrich:

3D Cover RosenfeldJona Michael Rosenfeld im Dialog mit Jean-Michel Defromont: Jenseits der Exklusion. Lernen vom Erfolg – Auf dem Weg zur Gegenseitigkeit

 

 

© Pixabay 2019 / Foto: Broesis