Geblättert: „Changemanagement für Hochschulabsolventen“ von René Merten

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Changemanagement für Hochschulabsolventen. Persönliche Lebensveränderungen meistern

René Merten

Flexibilität, Anpassungsfähigkeit und Veränderungsbereitschaft sind die Anforderungen an die Generationen Y und Z. Dieser Ratgeber wendet die Tools des Changemanagements auf persönliche Veränderungssituationen von Hochschulabsolvent*innen an: Studienabschluss, erster Job, die anstehende Familiengründung –– praxiserprobt mit Übungen, Tipps und Interviews.

 

1. Changemanagement und Sie

1.1 „Quarterlife Crisis“ – Ihr Viertelleben als Change-Prozess

Veränderungsbereitschaft, Flexibilität und Anpassungsfähigkeit scheinen die Anforderungen einer beschleunigten Globalisierung an fortgeschrittene Studierende und junge Hochschulabsolvent/innen der Generationen Y und Z zu sein. Beruflich wie privat, persönlich wie geschäftlich wird von Ihnen ständige Agilität gefordert, während sie in immer kleiner werdende Räume für individuelle Veränderung gedrängt werden. Wohin gehöre ich? Soll ich in meiner Studienstadt bleiben? Was ist mein Traumjob? War die Entscheidung richtig, mit meiner Freundin oder meinem Freund zusammenzuziehen? Was will ich eigentlich im Leben? Dies sind typische Fragen junger Hochschulabsolvent/innen. Gefangen zwischen einem gleichzeitigen Mangel an Sicherheit und Orientierung und einem Überfluss im Sinne einer Vielfalt an Bildungs- und Konsummöglichkeiten, befinden sie sich in einer Lebensphase der Übergänge und Veränderungen. Ob beim Studienwechsel, beim Übergang von der Hochschule in die Arbeitswelt oder von der Studierenden-WG in die eigene Wohnung: Der kanadische Psychologe Elliott Jaques hat zu dieser Phase gehäufter Verwirrung und Unsicherheit bereits im Jahre 1965 sinngemäß festgestellt, dass sie – anders als uns gerne glauben gemacht wird – nicht einfach zum Erwachsenwerden mit dazu gehört. Vielmehr bedeutet sie für viele eine oft krisengeschüttelte Übergangsperiode nach dem gefühlten ersten Lebensviertel (sog. „Quarterlife Crisis“), in der extreme persönliche Veränderungen anstehen. Allzu oft wird bei ihrer Bewältigung auf mentale Disziplin, persönliche Motivation oder individuelle Resilienz gesetzt, stehen Durchhalteparolen und Selbstoptimierung im Vordergrund. Streng dich an! Bereite dich ausreichend vor! Beiße dich durch! Dies sind nur einige der gutgemeinten Ratschläge, die aber wenig Erfolg versprechen.

Dabei existieren im Changemanagement bereits seit längerem erprobte Tools für die systematische Handhabung von Veränderungen, die sich dort als erfolgreich erwiesen haben. Begriff und Theorie des Changemanagements wurden vor allem durch strategische Unternehmensberatungen und die Betriebswirtschaft geprägt, die damit auf eine sich immer schneller und tiefgreifender verändernde Welt reagierten. Diese Veränderung betrifft aber nicht nur Unternehmen, sondern ebenso Menschen in ihren persönlichen Situationen. Hier wie dort sollten diese aber nicht als Bedrohung begriffen, sondern als Chance genutzt werden können. Richtig eingesetzt, ist Changemanagement ebenso effizient wie effektiv, motivierend und risikominimierend. Dieser Nutzen muss nicht auf Business Cases, Gewinnorientierung und wirtschaftliche Sachverhalte beschränkt bleiben. Persönlichen Veränderungssituationen wie etwa dem Studien- oder Jobwechsel, der frühen Familiengründung oder einem persönlichen Schicksalsschlag kann mit einer ähnlichen Herangehensweise begegnet werden, welche die Diagnose des Problems, die Bewertung von Alternativen, die Akzeptanz der Veränderungsnotwendigkeit, die Steuerung durch Zielfokussierung, einen klaren Transformationsprozess und vieles mehr umfasst.

Dabei werden Sie merken, dass Change-Prozesse ein bisschen wie Autofahren sind: Bei der Vorbereitung fragen Sie sich, ob Sie mit Stil die spritfressende Limousine von den Eltern ausborgen, eine Mitfahrzentrale kontaktieren oder bei sonnigem Wetter spontan den Daumen raushalten sollen. Sie überlegen, wann Sie wo ankommen wollen, wie lange die Fahrt wohl inklusive Staus und Baustellen dauert und ob Sie allein fahren oder sich mit Beifahrer/innen am Steuer abwechseln. Nehmen Sie die idyllische Überlandstrecke oder die mautbeschwerte Autobahn? Auf dem Weg selbst ist zu entscheiden, welche Abfahrten Sie nehmen und welche Umleitungen relevant sind. Wo machen Sie Rast und an welcher Stelle tanken Sie auf? Fühlen Sie sich fahrtüchtig und lesen alle Verkehrsschilder richtig? Genau wie beim Autofahren kann es bei persönlichen Veränderungsvorhaben sein, dass trotz bester Planung der Antrieb versagt, der Veränderungsmotor streikt oder gar das Fortkommen ganz stockt. Wie Sie auch diese Situationen meistern, ohne mit festgezogener Handbremse zu ruckeln, entdecken Sie in diesem Buch.

 

1.2 Veränderungsangst, Wunder und „Ikigai“ – Ihre Lebenssituation im Change-Kontext

Anders als die krankhafte Angst vor Veränderungen (sog. „Methatesiophobie“) ist die Quarterlife Crisis kein pathologischer Zustand, sondern beschreibt die Kumulation von Selbstzweifeln, Entscheidungsschwäche, Furcht vor Fehlern oder Kritik (vgl. oben 1.1). Wie bei jeder Krise sind es aber oft genau diese Aspekte, die uns reifen, Selbstbewusstsein aufbauen und lernen lassen. Die Tendenz, auf unüberschaubare Herausforderungen zunächst mit Zurückhaltung zu reagieren und Veränderung als erstes mit Gefahr und Anstrengung zu assoziieren, ist allzu menschlich. Zwar verändert die Menschheit sich fortwährend – evolutionsbiologisch aber hat der einzelne Mensch gelernt, dass Sicherheit und Stabilität in der rauen Umwelt nutzbringender sind. Der Einsatz zusätzlicher Energie hat nur ausnahmsweise einen Mehrwert, nämlich wenn durch ihn die Flucht vor dem gern zitierten Säbelzahntiger gelingt. Dies sind Überlebens- und keine Lebensstrategien, aber dennoch sind sie tief in uns Menschen verwurzelt. Die menschliche Angst um körperlich-seelische Gesundheit und wirtschaftliches Auskommen sowie die Furcht vor Einsamkeit und Hilflosigkeit angesichts einer feindseligen Welt hat jede/r von uns schon rein biologisch durch die Trennung von der mütterlichen Nabelschnur bei der eigenen Geburt erlebt. Und auch wenn  dieses Ereignis selten in traumatischer Erinnerung bleibt, prägt es dennoch jeden Menschen. Deswegen schätzen wir das Gewohnte, obwohl wir ahnen, dass es nicht immer gut für uns ist, in  der Komfortzone zu bleiben. Auch psychologisch wirkt sich dieser angeborene Selbstschutz dahingehend aus, dass wir tendenziell Verluste höher gewichten als objektiv gleichwertige Gewinne (sog. „Verlustaversion“). Veränderung bedeutet zunächst einmal, vertrautes Terrain zu verlassen, etwas Bestehendes zu beenden und Bekanntes gegen Unbekanntes einzutauschen – egal, wie schlecht wir das Bestehende auch finden. Zu jeder Veränderungskompetenz gehört somit nicht nur die Einsicht in die Notwendigkeit von Veränderung und die Bereitschaft, die Herausforderung anzunehmen – genauso zählt die Akzeptanz dazu: Wir sollten akzeptieren, dass Veränderung nicht automatisch passiert, etwas daneben gehen kann oder Unvorhergesehenes auftritt; und wir müssen akzeptieren, dass wir mentalen Sicherungssysteme besitzen, die ebenso überwunden werden müssen.

Kennen Sie das Gefühl, in manchen Lebenssituationen könne bloß noch ein Wunder helfen? Dann stellen Sie sich doch vor, Sie gehen heute Abend wie immer zu Bett, und am nächsten Morgen ist – wie von Zauberhand – genau dieses Wunder eingetreten. Sie haben zuvor keine Geister am Nachttisch beschworen oder im Tiefschlaf etwas Wildes geträumt. Sie können sich auch sonst an nichts Besonderes erinnern und plötzlich: ist Ihr vorheriges Problem, die nervige Störung, die quälende Situation, der Mangel oder das Defizit einfach verschwunden. Stellen Sie sich weiter vor, dass Sie selbst völlig ahnungslos sind, wie und warum das passiert ist, dies aber einer Ihnen nahestehenden Person erklären müssen. Diese merkt zwar sofort, dass mit Ihnen etwas anders ist. Was würde ihr als Erstes auffallen, worauf würde die Person Sie ansprechen? Wie würden Sie ihr die veränderte, verbesserte, die aktuelle Situation am besten beschreiben? Woran würden Sie die Veränderung konkret festmachen? Was wäre alles anders als bisher und würde sich verändert auswirken? Würde es anders ausschauen, anders riechen oder schmecken? Wie würden Sie exakt Ihre jetzige Emotion beschreiben (außer, dass es sich vermutlich gut anfühlt und Sie erleichtert wären)? Gäbe es etwas in Ihrem Tagesablauf, das ab nun automatisch anders wäre, weil das bisherige keinen Sinn mehr hätte?

Diese Methode der Wunderfrage wurde als Teil der sogenannten lösungsfokussierten Kurzzeit-Psychotherapie („Solution Focused Brief Therapy“) von Steve de Shazer und Insoo Kim Berg entwickelt und wird heute unter anderem im persönlichen Changemanagement eingesetzt. Sie versucht, den Fokus weg von der (oftmals schwierigen) Problemlösung zunächst auf die Auswirkungen danach zu lenken.

 

Übung

Machen Sie ein kurzes Brainstorming dazu, welche Dinge in Ihrem Leben Sie gerne verändern würden oder bezüglich derer Sie wenigstens einmal etwas Neues ausprobieren möchten. Reihen  Sie dazu maximal 5 bis 10 Dinge nicht nach Wichtigkeit oder Dringlichkeit untereinander, sondern danach, wie groß die Hindernisse sind, die Sie im Moment noch davon abhalten, diese Dinge  zu tun. Beginnen sie mit den aus Ihrer Sicht größten Hindernissen und enden mit den derzeit am einfachsten zu überwindenden solchen. Nennen Sie das mutmaßliche Hindernis kurz hinter jedem Ranking in Klammern. Das könnte beispielsweise so aussehen: Sie haben während des Jura-Studiums z. B. beim Jobben in einer Kindertagesstätte Ihre Lust entdeckt, mit jungen Menschen zu arbeiten, gehen eine entsprechende Ausbildung in diesem Bereich aber nicht an, weil diese so gar nicht zum bisherigen akademischen Werdegang passt. Dies gehört vermutlich  eher nach unten auf die Liste. Oder besitzen Sie eine so starke Bindung zu Ihrem alleinerziehenden Elternteil, dass Sie die täglichen Anrufe manchmal als Kontrollzwang empfinden und lieber abstellen würden? Dieses wird wahrscheinlich eher oben stehen. Vergegenwärtigen Sie sich dann pro Listeneintrag einen Zeitpunkt in der Vergangenheit, wo das Hindernis Ihnen besonders  schlimm vorkam, ausgesprochen anstrengend war oder sich krass ausgewirkt hat. Schreiben Sie auch diese Situation jeweils dazu.
Stellen Sie sich nun die Wunderfrage (vgl. oben 1.2) in Bezug auf den ganz unten stehenden Punkt – dies ist der vermutlich leichteste, da das Hindernis am kleinsten ist – also, nur Mut! Beschreiben Sie die dank des Wunders veränderte Situation in allen Einzelheiten schriftlich und so, dass eine außenstehende Person nach einmaligem Durchlesen unmittelbar verstehen könnte, was anders und warum das für Sie besser wäre. Wenn Sie heute nur einen ersten Schritt in Richtung dieser Veränderung selbst gehen würden, welcher wäre es? Was hindert Sie, nur diese kleine Bewegung zu tun? Im Falle der Passion, mit Kindern zu arbeiten, könnte es vielleicht die Anmeldung zu einer Infoveranstaltung einer entsprechenden Fortbildung sein. Im Falle der Bindung zu Ihrem Elternteil womöglich nur das angekündigte Stummschalten Ihres Handys während bestimmter Zeitfenster. Wo auf einer Skala von 1 (Wunder beginnt gerade) bis 10 (Wunder ist  vollbracht) stünden Sie nach Ausführen dieses ersten Schrittes? Was und wann könnten Ihre nächsten Schritte sein, um auf der Skala nach oben bis zum Wunder zu kommen? Wann könnten Sie sogar den nächstschwereren Punkt auf Ihrer Liste angehen?

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Erschienen bei Budrich/utb:

Cover Merten ChangemanagementRené Merten: Changemanagement für Hochschulabsolventen. Persönliche Lebensveränderungen meistern

 

 

 

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