Geblättert: „Beratung lernen“ von Jürgen Beushausen

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Beratung lernen. Grundlagen Psychosozialer Beratung und Sozialtherapie für Studium und Praxis

Jürgen Beushausen

 

Zum Buch:

Menschen benötigen bei psychischen, sozialen und leiblichen Störungen sowie in verschiedenen anderen belastenden Lebenskonstellationen kompetente Beratung. Umgesetzt werden diese Beratungen unter anderem in den Bereichen der Sozialen Arbeit, der Pädagogik, der Psycho- und Physiotherapie sowie in weiteren Arbeitsfeldern wie z. B. der Prävention, der Medizin und in den Gesundheitswissenschaften. Für diese Anwendungsfelder benennt Jürgen Beushausen auch in der 2. Auflage von Beratung lernen einführend wichtige theoretische Grundlagen und nimmt eine Einordnung vor. Der Schwerpunkt des Buches liegt in der Aneignung von Kompetenzen für die Praxis.

Leseprobe: S. 7-16

 

1. Einleitung

Psychosoziale Beratung und Sozialtherapie stehen in Zeiten wach­sender Unsicherheit und Unübersichtlichkeit in einer sich stetig ver­ändernden Welt mit zunehmenden Flexibilitätsanforderungen vor der Aufgabe, die alltägliche Lebensführung zu flankieren, Menschen in be­lastenden Situationen zu unterstützen, ohne ihnen die Verantwortung für ihr Handeln abzunehmen. Beratung wird so zu einer zentralen Hil­feform, die immer in die gesellschaftlichen Anforderungen ihrer Zeit eingebunden ist (vgl. Engel et al. 2004). Dabei wirken diese Hilfefor­men unterstützend, präventiv, rehabilitativ, kurativ, informativ, heilend und entwicklungsfördernd.

Um Beratung und Sozialtherapie zu erlernen bzw. um Beratungs­kompetenzen zu erweitern, benötigen Studierende und Praktiker viel­fältige persönliche und methodische Kompetenzen. Sie stehen im Mittelpunkt dieses Buches. Studierende und Praktiker erhalten Hilfe­stellungen für die Erweiterung ihrer Beratungskompetenzen. Solch ein „Handwerk“ gründet auf umfassende wissenschaftlich begründete The­orien. Dies macht es nötig, Studierende und Praktiker auf einen Berufs­alltag vorzubereiten, in dem eine Zielorientierung des Handelns und die Orientierung an Effizienz bei Interesse an der Qualitätsentwicklung und -sicherung ständig präsent sind. Entscheidend für den Berufsalltag und -erfolg, sind neben den fachlichen und methodischen Kompetenzen. die personalen Kompetenzen. Letztgenannte beinhalten Respekt, Wert­schätzung und Akzeptanz gegenüber dem Klientel und die Fähigkeit, in Kontakt, Begegnung und Beziehung professionell handeln zu können. Der Aufbau einer Arbeitsbeziehung mit der Reflexion einer angemes­senen Modalität der Relationalität, die Entwicklung von Empathie und Respekt, anerkennende Wertschätzung, Ressourcenorientierung und die Einübung einer professionellen Distanz gehören zu den zu vermit­telnden und zu übenden Kompetenzen. Weitere zu erlernende Kompe­tenzen sind die Fähigkeit zum Rollenhandeln und zum konzeptionellen Handeln. Zudem sind die Vermittlungs- und Vernetzungsfähigkeit und die angemessene Anwendung von Techniken zu lehren und zu lernen. Obwohl sich diese Fähigkeiten in einem Buch nur sehr begrenzt vermit­teln lassen, soll versucht werden, möglichst viele dieser Kompetenzen berufsnah zu vermitteln.

Das hier vorgestellte Konzept gründet im Wesentlichen zum einen auf die Integrative Therapie und zum anderen auf systemische Ansätze. Die Integrative Therapie geht „vom Leibe“, vom „reflexiven Leib-Sub­jekt“ aus“, wobei der Begriff Leib/Leiblichkeit Körperliches, Seelisches und Geistiges umfasst (vgl. Petzold 2014). Solch eine Humantherapie nimmt den ganzen Menschen in den Blick und bezieht den sozialen und ökologischen Kontext ein. Er fördert den Menschen salutogeneseorien­tiert oder behandelt ihn, je nach Erfordernis, pathogeneseorientiert auf fünf Ebenen:

  1. körpertherapeutisch (zum Beispiel Sport-/Bewegungs-/Atemthera­pie)
  2. psychotherapeutisch (erlebnis-/emotions-/kognitions-/volitions­orientiert)
  3. nootherapeutisch (Sinngespräch, Meditation, Achtsamkeit, Weis­heitstherapie)
  4. soziotherapeutisch (Netzwerk-, Familientherapie/-beratung)
  5. ökotherapeutisch (Natur-, Garten-, tiergestützte Therapie)

Dieses umfassende Konzept gründet auf empirische Forschungen, wobei Verhaltensauffälligkeiten, Gesundheit, Krankheit und die Res­sourcen von Personen nicht mit eindimensionalen Erklärungsmodel­len, linearen Ursache-Wirkungs-Bezügen und ohne eine historische Betrachtungsweise erfasst werden können. Um Erkenntnisfortschritte im Verständnis der Entwicklung, Aufrechterhaltung und Veränderung komplexer Phänomene zu erreichen, sind multidisziplinäre Ansätze notwendig, in denen ein Problemgegenstand mit multiplen Perspekti­ven untersucht wird. Den Begriff der Multiperspektivität im Rahmen einer integrativen Sichtweise führte Petzold bereits in den 1980er-Jah­ren ein. Hierbei geht es um Polykontextualität, die nicht nur die quan­titative Vervielfachung von Beobachterperspektiven meint, sondern auch den Umstand berücksichtigt, dass jede Beobachtung ihrerseits be­obachtbar ist. Eine solche Analyse bietet die Möglichkeit, die jeweils theoretischen Zusammenhänge synchron als Facetten eines komplexen Geschehens zu betrachten. Dieser polytheoretische Diskurs benötigt auch eine Mehrdimensionalität in der theoretischen Betrachtungswei­se (vgl. Petzold 1993). Eine einzelne Theorie oder Wissenschaft kann einem umfassenden Gültigkeitsanspruch nicht genügen. Modelle der Beschreibung von Auffälligkeiten, Krankheit und Gesundheit betonen jeweils bestimmte Aspekte und Lebensbereiche, sie sind unterschied­lich integrativ in der Einbeziehung der einflussnehmenden Ebenen und Faktoren. Daher ist dieses Buch sehr umfassend angelegt und bezieht Aspekte verschiedener therapeutischer Ansätze ein.

Neben der Integrativen Therapie bilden der Konstruktivismus so­wie die Systemtheorien die erkenntnistheoretischen Grundlagen des hier vorgestellten Beratungsansatzes. Wenn Wissenschaftler und Prak­tiker Ausdrücke wie „Wirklichkeit“ oder „Wahrheit“ verwenden, sind hiermit Aussagen gemeint, in denen sie unterstellen, dass sie mit der Wirklichkeit übereinstimmen oder einen allgemeinen Wahrheitscha­rakter haben. Dabei können nur Antworten gegeben werden, die in Übereinstimmung heute für „wahr“ gehalten werden. Mit neuem Wis­sen werden „neue wahre“ Antworten und zugleich neue Wirklichkeiten konstruiert. Wirklichkeitserfahrungen bilden sich in komplexen, inter­aktionalen Konstitutionsprozessen zwischen Erkennenden und Erkann­ten als Wechselwirkungen von Systemen. Vor dem Hintergrund dieses Ansatzes sind Beschreibungen und Diagnosen immer Unterscheidun­gen von Beobachtern, also soziale Konstruktionen. „Wirklichkeiten“ sind immer zeithistorisch zu betrachten, sie müssen mit neuen Erkennt­nissen relativiert werden.

Der Einsatz der hier verwendeten Methoden gründet sich auf Grundsätze biopsychosozialer Arbeit, die im Folgenden zusammenge­fasst werden:

  1. Soziale Problemlagen, Gesundheit und Krankheit können nicht mit eindimensionalen Erklärungsmodellen, linearen Ursache-Wir­kungs-Bezügen und ohne eine historische Betrachtung erfasst werden. Daher benötigen wir vernetzte, ganzheitliche, multipers­pektivische Konzepte und eine entsprechende Praxis. Mehrpers­pektivität benötigt Interdisziplinarität, in der die Methoden einer Disziplin in den Bereich einer anderen übertragen werden, und Transdisziplinarität, die zentriert, was zwischen den Disziplinen geschieht, und sie „übersteigt“.
  2. Die Einheit von Körper (Leib), Psyche und sozialem Kontext kann als anthropologische Grundkonstante verstanden werden. Psychosoziale Tätigkeiten gründen sich (für mich) auf ein bio-psychoökosoziales Menschenbild, in dem der Mensch ganzheitlich betrachtet wird. Menschen sind nach Petzold erkenntnissuchende „Körper-Seele-Geist-Subjekte“ in einem ökologischen und sozia­len Kontext und Kontinuum. Kontinuum bezieht sich auf die Le­benszeit, den Lebenszyklus und schließt eine mehrgenerationale Betrachtung ein. Gesundheit und Krankheit sind in diesem Mo­dell kein Zustand, sondern ein dynamisches Geschehen. In diesem Konzept ist zu beachten: Der Leibbegriff ist umfassender als der Körperbegriff, er bezieht sich auf den belebten, mit Bewusstsein ausgestatteten, vom Subjekt erlebten Körper. Die soziale Ebene schließt das Ökologische, die Lebenswelt und die Umwelten mit ein. Umwelt wird als eine vom Menschen aktiv zu gestaltende Le­benswelt verstanden, wobei die Zerstörungen der Lebensbedingun­gen des Menschen thematisiert werden müssen. Eine Konsequenz aus dem biopsychoökosozialen Verständnis ist, dass die Unterschei­dung psychosomatisch versus nicht-psychosomatisch nicht sinn­voll ist, da in jedem Krankheitsprozess biopsychosoziale Faktoren Einfluss haben (vgl. Petzold 2014).
  3. Der Konstruktivismus bildet (für mich) die Grundlage des Erken­nens. Soziale Probleme, Gesundheit, Krankheit, Normalität und abweichendes Verhalten sind sozial konstruiert, also beobachterab­hängig. Alle Aussagen sind vorläufige Annäherungen, andere Per­spektiven und Hypothesen sind möglich. Interessen und Wünsche der Beteiligten beeinflussen das Wahrnehmen und Denken. Hier­bei ist Erkenntnisgewinn nicht wertfrei, sondern nach Habermas (1981) von „Erkenntnisinteressen“ bestimmt.
  4. (Bio-)Psychosoziale Arbeit ist im Grunde immer systemisch, denn der Kontext und das soziale Umfeld werden zentral einbezogen, es erfolgt eine Orientierung an den Aufträgen der Klienten. Ursachen und Wirkungen stehen in einer unauflösbaren Wechselbeziehung. Probleme und Symptome sind zirkulär zu betrachten. Sie haben eine Funktion, wobei jedes Verhalten zunächst als sinnvoll betrach­tet wird. Änderungen eines Systemmitgliedes verändern das ganze System, jedoch ist die Art der Veränderung kontingent. Kleine Ver­änderungen können weitere Veränderungen nach sich ziehen (oder auch nicht).
  5. Ein Mensch kann sich besser entwickeln, wenn ihm partnerschaft­lich, im Sinne einer Ich-Du-Beziehung (Martin Buber), begegnet wird. Psychosoziale Arbeit benötigt Begegnung. Die Persönlich­keit des Helfers ist ein entscheidender Wirkfaktor. Hilfreich sind soziale und emotionale Kompetenzen, Zugewandtheit, Zuversicht, Empathie, Respekt, professionelle Distanz, Humor, Kreativität, in­teraktive Präsenz, Schwingungsfähigkeit, Wertschätzung, Balance zwischen Engagement und Gelassenheit, Selbstreflexion und Er­fahrung.
  6. Für die Kommunikation zwischen Berater und Klient bedeutet dies, dass Ambivalenzen, Differenzen und Dissens wohlwollend zu akzeptieren sind. Dies setzt eine Selbstreflexion des Beraters, d. h. eine Beobachtung des Beobachters, voraus.
  7. Entscheidend sind neben der Person des Beraters die Passung von Methode, Konzept, Setting und Intervention. Die Auswahl der ge­eigneten Interventionen berücksichtigt Kriterien von Wirksamkeit, ethische Aspekte und die Interessen des Beraters und seiner Institu­tion.
  8. Psychosoziale Arbeit muss die sozialökologischen Dimensionen und die soziale Lage analysieren, d. h., auch das Fortschreiten der Ökonomisierung kritisch reflektieren und auf Veränderungen schä­digender Verhältnisse drängen. Forschungsergebnisse zeigen, dass beispielsweise ein schlechter Gesundheitszustand mit Arbeitslosig­keit, ungesunden Arbeitsbedingungen, Stress, fehlendem sozialen Rückhalt, schlechten Wohnverhältnissen, gesundheitlichem Risi­koverhalten und Armut verknüpft ist (s. Kapitel 2.5: „Der Kontext der sozialen Lebenslagen“). Die Zentrierung auf die soziale Lage ist somit immer auch ein politischer Blick.
  9. Mit Sensibilität und Respekt sind die kulturelle Unterschiedlich­keit (Managing Diversity) und die Geschlechterperspektive zu be­achten. Aspekte wie Schicht, Alter, Gender, Migrationshintergrund, Religion oder Weltanschauung sind von hoher Relevanz. Empathie und Respekt bilden die Basis zur Entdeckung von Gemeinsamkei­ten.
  10. Die psychosoziale Arbeit ist immer noch nicht genügend gesund­heitszentriert. Wir benötigen eine doppelte Perspektive, die zu­gleich störungsbezogen und entwicklungsorientiert ist. Deshalb ist besondere Aufmerksamkeit auf die Arbeit mit protektiven Fakto­ren, salutogenen Einflüssen und resilienzfördernde Maßnahmen (die keine bloße Anpassung an die Interessen z. B. der Arbeitgeber beinhalten), Prävention und Ressourcenförderung zu legen.
  11. Die Familie als das wichtigste soziale System steht zentral im Fokus psychosozialer Arbeit. Besonders bedeutsam sind das Ziel einer „bezogenen Individuation“ (vgl. Boszormeyi-Nagy/Spark 1981), ein Lebensphasenkonzept und die Mehrgenerationenpers­pektive. Da Familien in Umwelten eingebunden sind, ist die Netz­werkarbeit ebenfalls eine zentrale Aufgabe.
  12. Metaziel ist es, die Autonomie der Klienten und die Unterstützung der Selbstwirksamkeit zu fördern. Klienten sollen erfahren, dass sie ihre Geschicke selbst steuern und Einfluss auf die Umwel­ten nehmen kann (Steigerung der Kohärenz). Die Förderung von Empowerment ist in diesem Prozess zentral. Gemeint sind unter­stützende Interventionen, in denen Menschen ermutigt werden, Bedürfnisse ernst zu nehmen, Interessen einzubringen und ihre Kompetenzen und Ressourcen zu sehen.
  13. Bei allen Aktivitäten (Planung, Diagnostik, Steuerung, Auswer­tung, Durchführung und Evaluation von Maßnahmen) sind die Betroffenen möglichst weitgehend partizipativ zu beteiligen. Par­tizipation wird in diesem Prozess als Instrument genutzt, um die Akzeptanz einer Maßnahme zu steigern, und dient als ein normati­ves Ziel dazu, die Selbstbestimmung, die Selbsthilfefähigkeit und die Verteilungsgerechtigkeit für eine Zielgruppe zu erhöhen. An­gestrebt wird ein partnerschaftliches Verhältnis.
  14. Wie anspruchsvoll biopsychosoziale Beratung und Sozialtherapie sind, drückt sich in ihrer Vielfältigkeit aus. Die wichtigsten Hand­lungen sollen kurz benannt werden: beraten, trainieren, verhandeln, eingreifen, behandeln, kontrollieren, beschaffen, begleiten, verwal­ten, einmischen, informieren, übersetzen (z. B. beim Arzt), koordi­nieren, kooperieren, motivieren, befähigen, fördern, begutachten, vertreten, vermitteln, betreuen, erziehen, beschützen, sanktionie­ren, unterrichten. Eine angemessene Begrifflichkeit, die übergrei­fend die Tätigkeitsfelder beschreibt, fehlt.
  15. Ausgehend von einer strukturellen Kopplung der Systeme Leib, Psyche und Soziales sind Symptome und Problemlagen immer ganzheitlich zu betrachten. Die Begriffe Sozialtherapie, Psycho­therapie, Körpertherapie beinhalten jeweils eine nicht sinnvolle Einschränkung, da sie eine Separation vornehmen, die der prakti­schen Wirklichkeit nicht entspricht. Schwere soziale, psychische, sozio- und psychosomatische Belastungen und Krisen erfordern eine biopsychosoziale Prävention, Diagnostik und Intervention, die den Fokus nicht einseitig auf somatische, psychische oder sozia­le Probleme verengt. Die soziale Perspektiven, einschließlich der Erhöhung des Unterstützungspotentials innerhalb der privaten und der professionellen sozialen Netzwerke der Klienten durch Ver­netzung und Kooperation, durch direkte Alltagsunterstützung und durch Kompensation defizitärer sozialstruktureller Situationsfakto­ren, spielen dabei eine wesentliche Rolle.
  16. Leider sind in Deutschland bei der Frage, welche Berufsgruppe welche Interventionen durchführt, aktuell noch Unterscheidungen leitend, die den jeweiligen berufsständischen Interessen folgen (s. Beushausen 2014). Diese Unterscheidungen lassen sich z. B. daran ablesen, wer was bezahlt. Wird eine Leistung von der Krankenkasse bezahlt, ist es Behandlung und Therapie, zahlt ein anderer Träger, etwa im Rahmen einer Wiedereingliederungsmaßnahme, ist dies Betreuung oder Rehabilitation. Vorgeschlagen wird stattdessen, Unterscheidungen auf der inhaltlichen Ebene vorzunehmen und generell von psychosozialen Interventionen zu sprechen. Bei der Beschreibung der Tätigkeiten sollte keine Entweder-oder-Haltung eingenommen werden, denn viele Handlungen sind ambivalent (Sowohl-als-auch-Haltung), sie sind oftmals zugleich Beratung, Betreuung, Begleitung oder Therapie. Meistens lassen sich konkre­te Handlungen immer zugleich mehreren Kategorien zuordnen.
  17. Behandlung ist, auch wenn diese Handlung manchmal anders be­zeichnet wird, eines der Tätigkeitsfelder der psychosozialen Be­ratung und Sozialtherapie. Besonders deutlich wird dies in der Suchtkrankenhilfe, in welcher die Sozialarbeiter mit einer Zusatz­ausbildung, wie die Angehörigen anderer Berufsgruppen (z. B. Psychologen, Ärzte), ambulante oder stationäre medizinische Re­habilitationsmaßnahmen durchführen. Diese Tätigkeit wird aller­dings dann, wenn sie von der Rentenversicherung vergütet wird, als Rehabilitationsmaßnahme definiert. Werden dieselben Interven­tionen in einem anderen Kontext durchgeführt, zum Beispiel von einem Psychotherapeuten, wird diese Behandlung als Psychothera­pie gekennzeichnet. Ein weiterer großer Bereich der Behandlung durch Sozialarbeiter und andere professionelle Fachkräfte erfolgt in Erziehungs- und Lebensberatungsstellen, in denen seit Jahr­zehnten Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit den vielfältigsten Symptomen (kindliche Verhaltensstörungen, Depressionen, Ängs­te, Selbstverletzungen, Essstörungen usw.) betreut werden. Pauls kennzeichnet dieses Handeln daher folgerichtig als „psychoso­ziale Behandlung“ (vgl. Pauls 2011), während Deloie von „Sozia­ler Psychotherapie als Klinische Sozialarbeit“ spricht. Die Soziale Psychotherapie hat einen zusätzlichen Anspruch zu erfüllen, denn sie fokussiert zusätzlich zu den psychischen Faktoren ausführlich den situativen und sozioökonomischen Kontext des Klientel (vgl. Deloie 2011). Bei dem oftmals schwer zu erreichenden Klientel (Hard-to-reach-Klientel) haben soziale Faktoren bei der Problem­genese (zum Beispiel eine langjährige Arbeitslosigkeit) eine beson­dere Bedeutung.
  18. Im Mittelpunkt von integrativen, biopsychosozialen Interventionen stehen neben einer Symptomminimalisierung und einer Verände­rung der Persönlichkeit, Ziele der sozialen Integration und einer Veränderung der Umwelt. Petzold bezeichnet dies als kurative, ge­sundheitsfördernde, persönlichkeitsentwickelnde und kultur- und gesellschaftskritische Dimensionen (vgl. Petzold 1993). Die Welt­gesundheitsorganisation fordert bereits seit Jahren, die soziale Di­mension mehr in die Behandlung zu integrieren (vgl. Deloie 2011). Diese Forderung wurde durch das Psychotherapeutengesetz nicht erfüllt und bis heute nicht umgesetzt. Mit Gahleitner und Pauls ist zu konstatieren, dass Menschen in biopsychosozialen Notlagen Hilfen benötigen, mit denen sie Anschluss an die biographischen Erfahrungen einschließlich der lebensweltlichen Bedingungen fin­den (vgl. Gahleitner/ Pauls 2012). Die Autoren präzisieren:

„Seit der Einrichtung des Psychotherapeutengesetzes (1998) hat die aus dem Gesundheitswesen finanzierte Psychotherapie an diese Ent­wicklung mehr und mehr den Anschluss verloren. Die aufwändige und netzwerkintensive Arbeit ist in den Kassenverträgen nicht vor­gesehen und in der ambulanten Psychotherapiepraxis kaum zu leis­ten (vgl. Geißler-Piltz/Pauls/Zurhorst 2008). Folgt man empirischen Befunden, ist der Bedarf an genau diesem ,doppelt fokussierten An­gebot‘ jedoch steigend und kann ohne eine hinreichende Förderung der individuellen Lebenslage ihren psychosozialen Faktoren ebenso wenig beantwortet werden wie durch eine zu enge Fokussierung auf psychophysische Aspekte). Psychosoziale Praxis muss daher in der Lage sein, beide Aspekte miteinander zu verknüpfen.“ (Gahleitner/ Pauls 2012: 367f.)

  1. Beratung und Sozialtherapie haben sich eindeutig von Esoterik und dubiosen Heilslehren abzugrenzen. Bereits seit Langem ha­ben esoterische Heilsvorstellungen und Praktiken Einzug in die Beratungs- und Psychotherapieszene gefunden. Hierzu gehören u. a. Horoskopdeutung, Astrologie, Tarotkarten legen, Hellsehen, I Ging, Auraauspendelung, Runenmagie, Chakren lesen. Zu die­sen dubiosen Verfahren gehört auch die Vergabe von Bach-Blüten und Kristall-Essenzen, die Suche nach PSI- oder transpersonalen KI-Kräften. Goldner führt aus:

„Germanische und keltische Vorstellungen tauchen da auf, daneben buddhistische, taoistische oder indianische: ein schier undurchdring­liches Wirrwarr ideologischer, religiöser und kultureller Versatzstü­cke, der vielfach auch noch verquickt mit Elementen aus dem Fundus der etablierten Kirchen und Religionsgemeinschaften daherkommt.“ (Goldner 2013: 1779)

  1. Nach vorsichtigen Schätzungen, so Goldner, seien bis zu 12 Mil­lionen Menschen den Ideen und Praktiken der Esoterikszene aktiv zugeneigt. Jeder Siebte glaube an Magie und Hexerei, 50 % seien überzeugt, Ayurveda oder Bach-Blütentherapie böten eine Alter­native zur Schulmedizin. Jeder Zweite glaube an außerirdische Wesen. Mehr als 30 % der Menschen lesen regelmäßig ihr Horos­kop und jeder Zweite sei der Überzeugung, dass die astrologischen Voraussagen fast immer eintreffen. Die mit Abstand am weitesten verbreitete paranormale Überzeugung (mit bis zu 90 %) sei die der Wirkkraft des Mondes auf irdische Geschicke (vgl. Goldener 2013: 1780). All diese Verfahren wirken nur über einen immer möglichen Placebo-Effekt. Allerdings können Sie zu erheblichen Risiken und negativen Effekten führen, wenn professionelle Hilfen vermieden werden.
  2. Aus den genannten Prämissen lassen sich Folgerungen für die be­raterische Praxis ableiten. Hierzu gehören unter anderem:
  • Aus den vorgestellten Prämissen ergibt sich ein genereller Res­pekt gegenüber individuellen Sichtweisen.
  • Es ist zu klären, wer zum Problemsystem gehört. Entsprechend erfolgen die Interventionen in einem Lösungssystem. Hierbei sind, wie bereits erwähnt, die Gegebenheiten des Einzelfalls maßgebend.
  • Diagnostik geschieht durch die Bildung von Hypothesen. Die Leitfrage ist: Welche Hypothesen sind nützlich bzw. sinnvoll, um einen Zugang zu den Beteiligten zu finden und eine Ver­änderung anzustoßen? Oftmals werden Berater mit mehreren Auftraggebern konfrontiert. Ein Doppelmandat oder auch Mehr­fachmandat ist zu reflektieren und gegenüber den Klienten und anderen Institutionen darzustellen.
  • Auftragsklärung und Auftragsentwicklung stellen bereits einen Teil des Hilfeprozesses dar. Es sollte davon ausgegangen wer­den, dass in der Praxis ein oft nicht bemerkter oder ausgespro­chener Dissens zwischen den Wirklichkeitsbeschreibungen der Klienten und der Helfer besteht. Dies betrifft meist auch die Ziele.
  • Leitend ist die Idee, dass kein Mensch nur mächtig oder nur ohn­mächtig ist, weil jedes Beziehungssystem Spielräume des Han­delns und der Einflussnahme beinhaltet.
  • Lösungen erreicht man leichter, wenn man über sie spricht und sie möglichst konkret formuliert. Glaubt man an Veränderungen, treten sie eher ein.
  • Angesetzt wird an den Ressourcen des Klienten und seinen so­zialen Umwelten. Von gleicher Bedeutung ist eine Würdigung des Leids der Klienten.
  • Für die Rolle der Berater bedeutet dies: Sie unterbreiten im Regelfall Angebote und „laden ein“ mit dem Ziel, die Wahl­möglichkeiten des Klienten zu erweitern. Sie beachten, ob Parteilichkeit oder Neutralität angemessen ist. In der Regel ist Neutralität gegenüber den Personen angemessen. Geht es um „Schutz“ (zum Beispiel von Kindern oder Jugendlichen), reicht diese Haltung nicht aus.
  • Grundlegende Haltungen des Beraters sind Empathie und Re­spekt, anerkennende Wertschätzung, Ressourcenorientierung, Einübung professioneller Distanz, eine Reflexion der Zu­schreibung von Schuld und Verantwortung, die Fähigkeit zur Gestaltung von Kommunikationssituationen, eine Akzeptanz individueller Sinnkonstruktionen.
  • Zu den notwendigen Kompetenzen gehören auch Fähigkeiten zum Rollenhandeln, ein angemessener Umgang mit „Widerstän­den und Übertragungen“, die Fähigkeit zur Selbstbeobachtung und -reflexion, Kenntnisse der Wechselwirkungen persönlicher und beruflicher Haltungen, die Fähigkeit zum konzeptionellen Handeln und zur angemessenen Anwendung der Techniken und Interventionsformen.
  • Nötig sind ein Wissen über die Grenzen der Arbeit und eine Be­achtung möglicher Risiken, negativer Effekte, Fehler und Ne­benwirkungen.

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Erschienen bei Budrich/utb:

3D Cover BeushausenJürgen Beushausen: Beratung lernen. Grundlagen Psychosozialer Beratung und Sozialtherapie für Studium und Praxis

2., überarbeitete und aktualisierte Auflage

 

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