Demokratie lernen im Fußballverein

Demokratiebildungspotentiale beim FC United of Manchester – Ergebnisse einer explorativen Studie zur hauptamtlichen Jugendarbeit in einem „Community Owned Sports Club“

Fabian Fritz

FuG – Zeitschrift für Fußball und Gesellschaft, Heft 1/2019, S. 8-24

 

Zusammenfassung
Die aktuelle politische Spaltung der Gesellschaft hebt die Notwendigkeit von Demokratiebildung hervor und es wird vermehrt nach ihrer Verortung gefragt. In verschiedenen Beiträgen wird immer wieder die zentrale Stellung von Sportvereinen als „Schulen der Demokratie“ betont. Allerdings steht insbesondere der Fußball unter starkem kommerziellen Druck und die Vereine können ihre demokratischen Potentiale nicht ausschöpfen. Die britischen „Community Owned Sports Clubs“ sind ein nichtkommerzielles Alternativmodell, der „FC United of Manchester“ ist das bekannteste Beispiel. Unter der Berücksichtigung der Idee von Demokratie als Lebensform und der Annahme, dass Demokratie nur im demokratischen Handeln gelernt werden kann, stellt der vorliegende Artikel aus sozialpädagogischer Sichtweise dar, inwieweit dieser Verein über Potentiale zur Demokratiebildung in seiner Jugendarbeit verfügt und wo seine Grenzen liegen. Dazu werden nach der Erschließung des allgemeinen Forschungsstandes die Erkenntnisse einer explorativen Studie beim Verein aus Manchester vorgestellt und es wird verdeutlicht, wie in diesem Feld vertieft geforscht werden könnte.

Schlüsselwörter
Demokratiebildung, Jugendarbeit, FC United of Manchester, Fanvereine, Kommerzialisierung des Fußballs

 

Summary
The current situation supports the view of a divide in society. This raises the question of where and how democratic citizenship education can succeed. The preliminary assumption in the question posed is that democracy must be actively learned by doing. This can and should be achieved by means of implementation of fundamental democratic practices in associations and communities. The central position of sports clubs as „schools of democracy” is repeatedly stressed in various articles. However, sports and football in particular are under enormous commercial pressure and cannot use their democratic potential. The British model of „Community Owned Sports Clubs” is a non-commercial counter-trial. The focus is on „FC United of Manchester” as the best known of these clubs. From a social pedagogical point of view, this article presents the potentials and limits of this association for democratic citizenship education. After the general state of research the findings of an explorative study on the Manchester based club will be presented and it will be suggested how further research could be done in this field.

Keywords
community owned football clubs, democratic citizenship education, FC United of Manchester, youth work, modern football

 

Der Fußball und seine Vereine stehen unter großem Druck durch Vermarktungszwänge und Kommerzialisierung. Viele Klubs wandeln sich von Mitgliederorganisationen zu Unternehmen. Im Bereich des Profisports bekommen dies vor allem die Fans zu spüren und suchen nach Alternativen, da sie kaum über Mitspracherechte verfügen. Diese finden sie in den Gründungen eigener Vereine. Europaweit wurden seit Anfang der 2000er Jahre rund 200 solcher Fanvereine registriert. Bekannte Beispiele sind Hapoel Katamon Jerusalem, Austria Salzburg oder der AFC Wimbledon. Diese Vereine zeichnen sich durch demokratische Strukturen aus. In Großbritannien gibt es heute fast 50 von ihnen. Viele davon verfügen über Angebote von Jugendarbeit. Der vorliegende Artikel setzt an dieser Stelle an und fragt am Beispiel eines Vereins – dem „FC United of Manchester“ – explorativ, welche Strukturen und Angebote für Jugendliche vorzufinden sind, welches demokratiebildnerische Selbstverständnis der Fachkräfte prägend ist und welche Demokratiebildungspotentiale sich daraus ergeben. Aufgrund der bisher überschaubaren Menge an wissenschaftlichen Beiträgen zur Demokratiebildung durch Sportvereine im Allgemeinen und zu den Fanvereinen im Konkreten wird den theoretischen Grundlagen, der Aufarbeitung des hinführenden Forschungsstandes und der Gegenstandsbeschreibung ein entsprechender Raum eingeräumt. Die darauffolgende Darstellung der Ergebnisse einer Befragung von hauptamtlichen Fachkräften und Jugendlichen in ihrer explorativen Begrenztheit soll in erster Linie als ein möglicher Zugang zu einem sozialpädagogisch bisher unerforschten Feld dienen. Dazu werden in einem abschließenden Teil Fragen nach weiterführenden Forschungsmöglichkeiten gestellt.

Demokratiebildung und ihre Verortung in der Sozialpädagogik als Vereinspädagogik

Die Frage nach den politischen Einflussgrößen auf die Demokratie bedeutet im europäischen Kontext auch die Frage danach zu stellen, was Demokratie als politisch verfasste Gesellschaftsordnung sichert. Wird der Argumentation des Sozialphilosophen Oskar Negt gefolgt, so ergibt sich Bildung als Antwort. Negt geht davon aus, dass Demokratie stetig und von allen Mitgliedern der Gesellschaft erlernt werden muss (2010: 13). Aktuell wird die Debatte vor allem mit dem Blick auf junge Menschen intensiver geführt und gezielt die Frage gestellt, welches die Orte sind, an denen Demokratiebildung gelingt. Der Europarat verortet „Education for Democratic Citizenship“ schon 2010 in der „außerschulischen Bildung und de[m] außerschulischen Lernen“ (COE 2010: 5f.). Der aktuelle deutsche Kinder-und Jugendbericht mit der Stellungnahme der Bundesregierung spricht 2017 erstmalig explizit von Demokratiebildung und siedelt sie in der Schule an (BMFSFJ 2017: 26f.). Es wird deutlich, dass unter Demokratiebildung vor allem Befähigung verstanden wird. Junge Menschen sollen auf ihre zukünftige Rolle als Demokrat_innen in der parlamentarischen Regierungsform vorbereitet werden (ebd.).

Der Arbeitsbereich Sozialpädagogik der Universität Hamburg formuliert eine andere Denkart von Demokratiebildung, welche auf „einem gesellschafts- und bildungstheoretisch begründeten Demokratiebegriff“ basiert (Richter, E. et al. 2016: 106). In diesem Verständnis tritt Demokratie als Regierungsform und als alltägliche Interaktionsform (Lebensform) hervor. Die auf Dewey (2000) zurückgehende Idee der Lebensform greift Demokratie als über die staatlichen Institutionen hinausgehend auf und verankert sie im alltäglichen Miteinander. In Verknüpfung mit dem von Habermas (1992) entwickelten deliberativen Demokratiebegriff, welcher auf einer öffentlichen Meinungsbildung basiert, wird davon ausgegangen, dass „alle an den Entscheidungen Beteiligten und von diesen Entscheidungen Betroffenen“ die Entscheidungen verständigungsorientiert herbeiführen (Richter, E. et al. 2016: 113) sollten.

In seiner Theorie der Kommunalpädagogik verortet H. Richter den deliberativen Demokratiebegriff institutionell in lokalen Vereinen, da dort durch „lebensweltlichdiskursives Mitgliederhandeln“ in Form des Ehrenamtes Demokratie eingeübt werden kann. Somit treten die Vereine als Orte hervor, die dem „gesellschaftlichen Bildungsauftrag einer „citoyen“-Qualifizierung“ für junge Menschen nachkommen (Richter, H. 2016: 53f.). Unter Bezug auf Gertrud Bäumer wird hier auf die historisch gewachsene Rolle von „Sozialpädagogik […] als Kinder- und Jugendbildung“ verwiesen, die „neben Familien- und Schulpädagogik als Vereinspädagogik“ hervortritt (ebd.). Die ihr inhärente pädagogische Autonomie zielt dabei nicht auf Nothilfe und Prävention ab, wie es in der (Jugend)-Sozialarbeit vorrangig der Fall ist. Die Jugendarbeit im Verein verfügt über ein eigenes, historisch gewachsenes Bildungsverständnis zur Arbeit mit allen jungen Menschen und nicht nur mit den in Not geratenen (ebd.: 52). Diesem Verständnis folgend wird von Sozialpädagogik als Jugendbildung ausgegangen, die aufgrund ihrer institutionellen Anbindung als Vereinspädagogik in Einheit von Demokratiepraxis und Demokratiebildung hervortritt (Richter, E. et al. 2016: 114).

Vereine, soziales Kapital, Engagement und demokratisches Ehrenamt

Tocqueville hält als erster Theoretiker bereits im Jahr 1840 die zentrale Stellung von sozialen Assoziationen für die demokratische Gesellschaft fest (1962/1840: 127). Die ersten umfassenden empirischen Belege liefern Almond und Verba 1963 in ihrer Studie zur „Civic Culture“ in fünf Nationen. Dort wird herausgearbeitet, dass Vereinsmitglieder demokratische Entscheidungsprozesse aufgeklärter treffen können, da sie im Verein das Beurteilen von politischen Sachverhalten einüben (1963: 300ff.). Im Jahr 2001 folgte die von Putnam und Goss veröffentlichte Neun-Länder-Studie, in der mit der Begrifflichkeit des Sozialkapitals die Idee festgehalten wird, dass die breite Zugehörigkeit zu sozialen Netzwerken, wie den Vereinen, positive Effekte für die Demokratie zur Folge hat (2001: 19ff.). In der Studie führt Hall für Großbritannien aus, dass dort eine gesunde Demokratie auf Basis von „politischem Engagement […] [als] eine direkte Folge des hohen Niveaus der Aktivitäten in Vereinigungen und der informellen Soziabilität“ zu verzeichnen ist (2001: 91). Aus Halls Feststellung wird deutlich, dass mit den informellen Soziabilitäten zum Erwerb des Sozialkapitals auch die gesellschaftlichen Formen erfasst werden, die ohne offiziellen oder rechtlichen Status sind, wie bspw. Freundschafts- und Verwandtschaftsnetzwerke. Soziales Engagement findet somit auch ohne die Bindung an formelle Institutionen, wie z.B. die Vereine, statt. Das Engagement wird jedoch als grundlegendes Kennzeichen für die Demokratie angesehen (Richter, H. et al. 2016: 603f.). Es bleibt dabei offen, inwieweit dieses Engagement an sich schon demokratisches Handeln ist. Schon Putnam und Goss selbst machen in ihrer Studie darauf aufmerksam, dass es auch Assoziationen geben kann, die mit ihrem Engagement die Demokratie unterlaufen. Sie nennen den rassistischen Ku-Klux-Klan als Beispiel (2001: 24f.). Freiwilliges Engagement ist nicht per se als demokratisch zu bewerten und gilt somit auch nicht unproblematisiert als Antwort auf die Frage, wo Mensch „zugleich als Demokrat sich bildet und gebildet wird“ (Richter, E. et al. 2016: 122). Vielmehr wird deutlich, dass für die gelingende Demokratiebildung von einem demokratischen Ehrenamt die Rede sein muss, also der „grundsätzlich unentgeltliche[n] und auf Dauer gestellte[n] Tätigkeit von Mitgliedern für Mitglieder auf der Grundlage einer Wahl oder einer Ernennung durch demokratisch gewählte Vertreter/innen“ (ebd.: 118).

Sportvereine und Demokratie in Deutschland

Sportvereine bieten, gemessen an ihrer Reichweite als zahlenmäßig größter Vereinstyp und ihrer Offenheit, bestmögliche Potentiale für Demokratiebildung (Richter, H. et al. 2016: 606f.). Umso mehr überrascht es, dass sie in Bezug auf ihr eigenes Verständnis als demokratiebildnerische Orte und ihre Motivation zur Umsetzung im deutschen Kontext bisher wenig untersucht wurden. Rittner und Breuer stellen fest, dass die Demokratie in den Vereinen nur auf formaler Ebene erforscht ist, nicht jedoch „inwieweit […] es ein explizites demokratisches Verhalten und Bewusstsein“ in den Sportvereinen gibt (2004: 123). Die Frage nach dem demokratiebildnerischen Selbstverständnis bleibt offen.

In den vorliegenden Studien wird die bereits angesprochene zentrale Stellung des Engagements in den Fokus des Demokratischen gerückt. Baur und Braun verdeutlichen, dass sie im Sportverein die Rahmenbedingung sehen, sich „freiwillig für bestimmte Interessen in eigener Verantwortung zu engagieren, wodurch Demokratie erst ihre Vitalität“ bekommt (2000: 80). Dieser Zusammenhang von Demokratie und Engagement findet sich auch bei Preuß wieder und wird bereits im Titel der Studie sichtbar: „Demokratische Kulturen in Sportvereinen“. Die Studie geht davon aus, dass die Mitglieder durch das Engagement „ihre Einstellungsmuster und Ideen, politische[n] Dispute und öffentliche[n] Debatten“ in die Sportvereine tragen (Preuß 2015: 8). Diese Auffassung rückt die Frage danach in den Fokus, inwieweit das Engagement Ausdruck einer demokratischen Kultur ist. Aus demokratiebildnerischer Sicht bleibt die Frage offen, ob dieses Engagement „selbst schon als demokratisch aufgefasst werden“ kann (Richter, H. et al. 2016: 604). Der Sportwissenschaftler Jaitner spricht aus dieser Perspektive fast allen Erhebungen zu Sportvereinen als Schulen der Demokratie ihre Treffgenauigkeit ab. Er kommt zu dem Schluss, dass es bei der Frage nach Demokratiebildung und Sportvereinen nicht „darum [geht], ob demokratische Räume eine politische oder vorpolitisch lernende, motivierende, tugendhafte Rolle einnehmen, sondern um die Frage, ob soziale Räume demokratisch oder nicht demokratisch ausgestaltet sind“ (2017: 59). Hier weist die Frage nach dem angesprochenen demokratischen Ehrenamt einen Weg.

Sportvereine und Demokratie in Großbritannien

Dem Übersichtswerk von Christesen zu Sport und Demokratie in den britischen Sozialwissenschaften lässt sich entnehmen, dass dem Sport allgemein eine Funktion als Schule der Demokratie zugemessen wird (2012: 64ff.). Die wissenschaftlichen Beiträge sind dabei eng an die Begriffe von Sozialkapital und Community geknüpft, in Bezug auf die Verbindung von Demokratie und Sportverein sind sie überschaubar. So lassen sich in den einschlägigen Routledge Handbüchern und den empirischen Studien keine Beiträge finden, in denen Demokratie über die Nennung als Regierungsform hinaus Erwähnung findet oder auf Basis einer Demokratietheorie mit Bildung verknüpft wird.

Adams (2011) beschreibt in seinem Handbuchartikel, dass mitgliedergeführten Sportvereinen eine zentrale Rolle bei der Entwicklung von „democratic social capital“ zugemessen wird. Laut seiner englischen Fallstudie (Adams 2014) werden sie wie folgt wahrgenommen: „place and means to establish an active citizenry and a civic culture“(edb.: 556). Er kritisiert aber, dass ihnen diese Rolle unhinterfragt zugesprochen wird, ohne dass geklärt ist, was demokratisches Sozialkapital genau sei. Für ihn ist der Diskurs darüber „under-theorised and lacking in contextual resonance“ (ebd.: 567) und er verweist auf weiteren Forschungsbedarf.

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