„… in sie hineindenken kann auch er sich nicht.“

Feministische Repräsentationskritik: (Dis-)Kontinuitäten von den ersten deutschen Frauenbewegungen bis in die Gegenwart

ANNE CRESS

Femina Politica – Zeitschrift für feministische Politikwissenschaft, Heft 2/2018, S. 25-39

Repräsentationskritik ist im feministischen politischen Denken und Handeln fest verankert – und dies nicht erst seit den 1970er Jahren. Vielmehr kann diese Kritik zumindest bis in das 19. Jahrhundert zurückverfolgt werden, wenn nämlich bislang marginalisierte Werke von Akteur_innen der deutschen Frauenstimmrechtsbewe­gungen „vom Rand in das Zentrum der Betrachtung“ (Conradi 2015, 107) gerückt werden.[1] Auf diese Weise sollen wichtige Rezeptionslücken auch in der feminis­tischen Repräsentationstheorie zumindest ein stückweit geschlossen werden. Vor­rangiges Ziel ist es, die politische Ideengeschichte durch die Nachrezeption der Schriften aus der Frauenstimmrechtsbewegung zu bereichern. Die vergessenen, verleugneten und verschütteten politischen und vor allem denkerischen (Gegen-) Bestrebungen sollen so innerhalb der Politikwissenschaft erneut oder gar erstmalig Sichtbarkeit erlangen (Klinger 1986, 76).

Methodisch habe ich mich an dem von Elisabeth Conradi (2015) entwickelten Verfah­ren eines „rekonstruierenden Quellenstudiums“ orientiert. Mittels einer archivarischen Recherche und unter Berücksichtigung der zeitgenössischen Forschung analysiere ich Schriften von Frauenstimmrechtsaktivistinnen in Bezug auf ihre Repräsentationskri­tik. Es lassen sich zunächst drei Varianten einer solchen Kritik identifizieren und ent­lang der Dimensionen „externe“ und „interne Repräsentationskritik“ unterscheiden: eine konservativ-gemäßigte, eine radikal-feministische und eine marxistisch-feminis­tische Variante.[2] Im zweiten Schritt gehe ich auf das Denken zeitgenössischer Theo­retiker_innen ein, das ich idealtypisch in eine essentialistisch-output-orientierte und eine anti-essentialistisch-partizipatorische Variante unterteile, und frage nach theore­tischen (Dis-)Kontinuitäten. Abschließend diskutiere ich das herrschaftskritische und transformative Potenzial feministischer Repräsentationskritik.

Eine gemeinsame Sprache der Kritik?

Auguste Kirchhoff (1912, 4) zufolge ist die Frauenstimmrechtsidee in Deutschland zum ersten Mal im Kontext der Revolution von 1848 aufgekommen. Sie sei an­schließend jedoch in einen „tiefen Dornröschenschlummer“ gefallen, aus dem sie Hedwig Dohm mit ihrem Werk „Der Frauen Natur und Recht“ (1876) befreit habe.[3] Als weitere „Gründerinnen und Vorkämpferinnen“ nennt Kirchhoff (1912, 12) Lily v. Gyzicki, Minna Cauer, Anita Augspurg und Lida Gustav Heymann. Auch in der aktuellen Forschung zur Frauenstimmrechtsbewegung wurden lange Zeit v.a. die Leistungen der „radikalen“ Frauenbewegung betont. Seit Ende der 1990er Jahre wird dies jedoch von einigen Historiker_innen stark kritisiert, die z.B. den Einsatz der konservativ-gemäßigten Helene Lange für das Frauenstimmrecht hervorheben (Bock 1999; Bock 2018; Schaser 2009; Wolff 2018). Kerstin Wolff (2018, 38) ver­tritt die These, dass „der Kampf der deutschen bürgerlichen Frauenbewegung um das Stimmrecht ab Mitte der 1890er Jahre (…) als ein Gemeinschaftsprojekt aller Flügel und Richtungen zu verstehen (sei)“. Wolff (ebd., 46) argumentiert, dass es keine grundsätzliche Uneinigkeit über das Ziel, sondern nur über „taktische He­rangehensweisen“ (ebd., 52) auf dem Weg zum Stimmrecht gegeben hätte.[4] Auch Gisela Bock (1999, 191) behauptet: „Der politische Diskurs des Suffragismus war grundsätzlich derselbe, sowohl im Vergleich der Radikalen und Gemäßigten inner­halb Deutschlands als auch im Vergleich zwischen deutschen und außerdeutschen Suffragistinnen.“ Alle hätten die „Sprache der politischen Repräsentation“ (ebd.) ge­sprochen. Diese vermeintlich gemeinsame Sprache entpuppt sich, so meine These, bei genauerem Hinsehen jedoch als in sich äußerst differenziert. Meine Analyse der Frauenstimmrechtsideen zeigt, dass es durchaus nicht ‚die‘ feministische Repräsen­tationskritik gab, sondern unterschiedliche Kritikvarianten, und es in den Konflikten um mehr ging als ‚nur‘ um Taktikfragen.[5] In Bezug auf Repräsentationskritik erweist sich die weit verbreitete, teilweise kritisierte Einteilung der Frauenstimmrechtsbe­wegung in drei distinkte Flügel (s.u.) durchaus als sinnvolle Heuristik.

Feministische Repräsentationskritik im Kontext deutscher Frauenstimmrechtsbewegungen

Eine Gemeinsamkeit der meisten Frauenstimmrechtsideen ist, dass sie den männ­lichen Repräsentationsanspruch bzw. die -fähigkeit in Frage stellen. Gleichwohl können in den drei Flügeln − konservativ-gemäßigter, radikal-feministischer und marxistisch-feministischer − unterschiedliche Spielarten einer Repräsentationskritik rekonstruiert werden. Diese unterscheiden sich sowohl hinsichtlich ihrer externen Repräsentationskritik, d.h. ihrer Kritik am männlichen Repräsentationsanspruch, als auch in Bezug auf ihre interne Repräsentationskritik, d.h. inwiefern sie ihre eigenen Repräsentationsansprüche selbstkritisch hinterfragen.

Konservativ-gemäßigte Repräsentationskritik

Helene Lange stellte in ihrem 1886 erschienenen Aufsatz fundamental die Fähigkeit des Mannes in Frage, die Frau zu repräsentieren:

Indem man von ihnen (Anmerk. AC: den männlichen Parlamentariern) verlangte, daß sie für die Frauen eintreten, sich in ihre Stelle versetzen sollten, verlangte man etwas, was gegen die Natur ist. Der einzelne, ethisch hochstehende Mann kann, von der Idee der Ge­rechtigkeit ergriffen, für die Frau eintreten wollen – in sie hineindenken kann auch er sich nicht. Nur die Frau versteht alle Bedürfnisse und Interessen ihres Geschlechts ganz, und wenn auch der Mann für die einzelne, geliebte Frau eintreten kann und wird, so kann nur die Frau die Frau als Geschlecht schützen. Und die einzige Form, in der das wirksam und auf Dauer geschehen kann, ist das Frauenstimmrecht (…), der Einfluss auf die Gesetzge­bung. (Lange 1886, 183)

Ihr Plädoyer basierte auf der Annahme von essentialistisch verstandenen, spezi­fischen Interessen, Bedürfnissen, Sichtweisen und Fähigkeiten der Frau, die sich fundamental von denen des Mannes unterscheiden (Lange 1913, 72). Eine Reprä­sentation der Frau durch den Mann sei schlicht unmöglich. Zumal die Erfahrung zeige, „daß überall, wo Männer im großen für die Fraueninteressen eingetreten sind, ihr eigener Vorteil im Hintergrund stand“ (ebd., 182). So habe man Mädchen etwa eine bessere Bildung zugestanden, damit sich der Mann später mit seiner Ehefrau nicht allzu sehr langweilen müsse. Lange ging es nicht allein um Interessenspolitik, sondern vielmehr um die Wohlfahrt des gesamten Volkes (Lange 1912, 108f.), denn sie schrieb der Frau gemäß des Prinzips der „geistigen Mütterlichkeit“ eine beson­dere „Kulturmission“ zu, die sie nur mithilfe des Stimmrechts vollumfänglich erfül­len könne (ebd.; vgl. Clemens 1988, 77). Die Frau solle in die Politik ideelle Werte hineintragen, die in ihrem „Instinkt der Mutterschaft“ und ihrer „unmittelbare(n) Fühlung mit der Natur“ gründen (Lange 1886, 188). Insbesondere im Bereich der So­zialpolitik (z.B. öffentliche Erziehung, Armenpflege) habe sich „diese Mutterliebe“ als von Nöten erwiesen, um Probleme wie Alkoholismus, Verarmung, Jugenddelin­quenz oder Prostitution erfolgreich zu bewältigen (ebd., 186). Basierend auf dieser identitätslogischen Argumentation kritisierte Lange den „rein männliche(n) Staat in seiner starren Einseitigkeit“ (ebd., 188); sie forderte stattdessen das verständigungs­orientierte Zusammenwirken beider Geschlechter, die sich mit ihrer jeweiligen Ei­genart gegenseitig ergänzen würden und ihre je spezifischen Qualitäten im Sinne des wahrhaft öffentlichen Wohls einsetzen sollten (ebd., 186, 188, 194f.).

Differenzen innerhalb der Gruppe der Frauen problematisierte Lange nicht; der ei­gene Anspruch, ‚die Frau‘ repräsentieren zu können, wurde von ihr nicht kritisch hinterfragt. Dieser Mangel an interner Repräsentationskritik ist für weite Teile der bürgerlichen Frauenbewegung charakteristisch. So war das anwaltschaftliche Han­deln für Arbeiterinnen weitgehend unumstritten (Bäumer 1901, 36). Louise Otto (1848, 71) sah es gar als ihre „heiligste Pflicht (an), der Sache Derer, welche nicht den Muth haben, dieselbe zu vertreten, (…) ihre Stimme zu leihen“. Sie legitimierte ihr Repräsentationshandeln ebenfalls identitätslogisch – „Ich bin gewiss, meine ar­men Schwestern theilen meine Gefühle“ (ebd.) – sowie über die Annahme, dass Arbeiterinnen aufgrund ihrer prekären Lebenssituation nicht dazu in der Lage sind, für sich selbst zu sprechen.

[1] Ich adressiere die Akteur_innen der Frauenstimmrechtsbewegung somit explizit auch als politische Denker_innen und nicht ‚nur‘ als Aktivist_innen. Ihr politisches Denken hat sich u.a. aufgrund ihrer inneruniversitären Marginalisierung vor allem im Rahmen von selbst herausgegebenen Zeitschriften und Schriften publizistisch niedergeschlagen (Conradi 2015, 99). Damals wie heute besteht zudem zwischen feministischer Wissenschaft und dem politischem Projekt „Feminismus“ eine enge, wenngleich auch nicht spannungsfreie Verwobenheit (Krause 2003, 26f.).
[2] Ich habe v.a. die Schriften von Lange und Zetkin sowie die Zeitschrift für Frauenstimmrecht (Jahrgang 1913-1918) analysiert. Meinen Thesen zur konservativ-gemäßigten Repräsentationskritik wurde durch eine punktuelle Sichtung der Zeitschrift Die Frau (Jahrgang 1887/88-1919/20) validiert. Weitere Quellen können dem Literaturverzeichnis entnommen werden. Die Analyse der marxistisch-feministischen Repräsentationskritik ist im Vergleich etwas kurz gekommen. Hier wäre eine Sichtung der Zeitschrift Die Gleichheit erforderlich.
[3] Dohm hatte das Frauenstimmrecht erstmalig 1873 in ihrer Schrift „Der Jesuitismus im Hausstande. Ein Beitrag zur Frauenfrage“ öffentlich gefordert (Gerhard 1990, 105).
[4] Ähnlich argumentiert Lange (1913) selbst.
[5] Innerhalb der bürgerlichen Frauenstimmrechtsbewegung existierten 1914 drei Organisationen mit unterschiedlicher Ausrichtung (Cauer 1914; Heymann 1941, 111): Der Deutsche Verband für Frauenstimmrecht (gemäßigt, aber ursprünglich radikal); 1902 gegründet von Anita Augspurg, Lida Gustava Heymann, Minna Cauer u.a.; zunächst als Deutscher Verein für Frauenstimmrecht bis 1904), die Deutsche Vereinigung für Frauenstimmrecht (konservativ; gegründet 1911), und der Deutsche Bund für Frauenstimmrecht (radikal; 1913 gegründet von Augspurg, Heymann, Cauer u.a.). Die ersten beiden schlossen sich im März 1916 unter der Leitung von Marie Stritt zum Deutschen Reichsverband für Frauenstimmrecht zusammen (Schüller 2005, 197). Der Hauptkonflikt zwischen den verschiedenen Strömungen entfachte sich an der Frage, welches Stimmrecht gefordert werden sollte: ‚nur‘ das Frauenstimmrecht – im Sinne einer Angleichung an das jeweils bestehende Männerwahlrecht – oder das allgemeine, gleiche (Breitscheid 1909, 3). Überdies bestand Dissens, welcher Stellenwert dem Stimmrecht in der Gesamtschau der Bestrebungen der Frauenbewegung zukommen sollte und zu welchem Zeitpunkt welche Stimmrechtsforderung zu äußern sei (Clemens 1990, 60, 83f.; Schüller 2005, 185).

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