Fragen an unseren Autor Björn Milbradt

Björn Milbradt

Lieber Herr Milbradt, welches ist die wichtigste Herausforderung für Ihren Fachbereich in den nächsten Jahren?

Björn Milbradt: Ich bin Soziologe – und Soziologie wie auch Sozialphilosophie sind für mich die Disziplinen, die einiges zum Verständnis gegenwärtiger gesellschaftlicher Konfliktlagen wie auch zu ihrer Erklärung beitragen können. Für mich steht an erster Stelle hier die Frage, durch welche Entwicklungen und Dynamiken es eigentlich derzeit zu den immensen Erfolgen autoritärer – seien es rechtspopulistische, islamistische, aber auch mancher linker oder sozialistischer Bewegungen kommt. Zentrale gesellschaftliche Kategorien – Vernunft, Mündigkeit, Wahrheit –, Begriffe, die sich niemals abschließend definieren lassen, aber doch zentrale Momente menschlicher Praxis bezeichnen, scheinen derzeit in Gefahr, ihre Bedeutung zu verlieren. Was sind die Ursachen dafür? Hat das mit Veränderungen in den Sozialisationsbedingungen und -praktiken zu tun? Welche Rolle spielen Social Media und Smartphones sowie eine veränderte Mediennutzung und ein damit verbundener Strukturwandel der Öffentlichkeit dabei? Welche Bildung und welche gesellschaftlichen Prozesse braucht es eigentlich, um für diese Herausforderungen gewappnet zu sein? Warum sind derzeit offenbar so viele Menschen bereit, Freiheit aufzugeben, Herrschaft, Autoritarismus und Willkür zu unterstützen und zu wählen? Dies sind ein paar der Fragen und Probleme, die ich derzeit für drängend halte.

Warum sollte jemand unbedingt in Ihrem Forschungsbereich tätig werden?

Weil die Soziologie einem die begrifflichen Mittel und empirischen Methoden an die Hand geben kann, um moderne Gesellschaften, ihre Funktionsweisen, Prozesse, Institutionen, Konflikte und Krisen besser zu verstehen. Moderne Gesellschaften müssen auf sich selbst reflektieren und sich selbst kritisieren können, um nicht blindlings ihren eigenen Dynamiken ausgeliefert zu sein. Die soziologischen Klassiker – von Karl Marx, Georg Simmel, Max Weber über Theodor W. Adorno und Niklas Luhmann hin zu Pierre Bourdieu und zeitgenössischen Denkerinnen und Denkern – können hierzu nach wie vor beitragen. Deren ausdauernde Lektüre und gemeinsame Interpretation setzt außerdem einen Kontrapunkt zu Postfaktizität, Propaganda und „digitaler Demenz“, weil vernünftige Erkenntnisse nicht einfach und schnell zu haben sind, sondern der begrifflichen Arbeit bedürfen. Obwohl auch die Soziologie immer stärker mit einem gesellschaftlichen und politischen Druck konfrontiert wird, umstandslos „verwertbares“ Wissen zu liefern, bietet sie doch immer noch die Möglichkeit, beispielsweise darauf zu reflektieren, warum die Gesellschaft sich so entwickelt, wie sie sich entwickelt. Ein konkretes Beispiel aus einem meiner derzeitigen Arbeitsbereiche, der Radikalisierungsforschung und -prävention: Der Präventionsbegriff und die mit ihm verbundenen Maßnahmen breiten sich in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen immer mehr aus. Man muss aber etwa in der politischen Bildung fragen, was für Konsequenzen es hat, wenn Jugendliche verstärkt als Risikogruppen wahrgenommen und dementsprechend zum Objekt von Präventionsmaßnahmen gemacht werden. Was bedeutet das für Selbstbild und Lebensführung Jugendlicher, für unser demokratisches Gemeinwesen, für unser Verständnis von Bildung und Sozialisation? Die Soziologie bietet hier die Möglichkeit, innezuhalten und die Gesellschaft mit gut begründeten Reflexionen und kritischen Fragen zu konfrontieren.

Warum haben Sie sich damals für Ihr Forschungsgebiet/ Forschungsthema entschieden? Was motiviert Sie an Ihrem Forschungsthema ganz besonders?

Ich hatte seit meiner Gymnasialzeit das drängende Anliegen, grundlegender wissen zu wollen, warum die Gesellschaft sich so entwickelt, wie sie sich entwickelt, warum sie teilweise auch so fatale Züge annimmt und so konflikthaft ist. Daher bin ich dann zur Soziologie gekommen. Das Interesse ist mir stets geblieben und zieht sich nach wie vor durch meine Tätigkeit als Sozialforscher: Vorurteile, Autoritarismus, Antisemitismus, die Frage nach Wahrheit und Ideologie und nach Ursachen, Wirkungen und Komplexitäten, all das beschäftigt mich im Grunde drängender denn je. Was mich motiviert, ist ein normativer Gedanke: Demokratie, Politik, Wissenschaft – all dies Bedarf im eigentlichen Sinne freier Gesellschaften. Was sind ihre Voraussetzungen, wie entwickeln sie sich, wodurch werden sie bedroht?

Welches Buch hat Sie persönlich am meisten geprägt?

Das ist eine schwierige Frage, weil man sie ja doch in unterschiedlichen Phasen des eigenen Denkens unterschiedlich beantworten wird. Bis vor ein, zwei Jahren hätte ich noch gesagt: Die „Dialektik der Aufklärung“ von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno. Hier habe ich zu Beginn meines Studiums einen Ton getroffen gesehen und gefühlt, der zutiefst meiner in vielen Aspekten skeptischen Haltung zur Gesellschaft entsprach. Hier wurde etwas ausgedrückt, für das ich selbst noch keine Begriffe gefunden hatte und ohne diese Lektüre vielleicht nie hätte entwickeln können: „Seit je hat Aufklärung im umfassendsten Sinn fortschreitenden Denkens das Ziel verfolgt, von den Menschen die Furcht zu nehmen und sie als Herren einzusetzen. Aber die vollends aufgeklärte Erde strahlt im Zeichen triumphalen Unheils“. Allein diese beiden ersten Sätze des ersten Fragments machen deutlich, wie aktuell das Buch immer noch ist – man denke an das Unheil, das die gegenwärtigen antiaufklärerischen Strömungen wie der Islamismus oder der Rechtspopulismus verheißen, aber auch an die Schrecken einer rein technischen Rationalität, wie sie vielleicht derzeit die Algorithmen von sozialen Netzwerken und Suchmaschinen am eindrücklichsten symbolisieren. Während das Buch mir zu Beginn tatsächlich weitgehend unverständlich geblieben ist und mich eher auf der Gefühlsebene angesprochen hat, habe ich nach und nach auch den theoretischen Hintergrund, die Form der Darstellung und verschiedene inhaltliche Aspekte besser kognitiv verstehen können. Und wie dies bei guten Theorien und Büchern so ist: Die Auseinandersetzung damit wird mich mein Leben lang begleiten.

Ein Lektürekreis zu Hegels „Phänomenologie des Geistes“ bringt mich nun allerdings dazu, noch ein zweites Buch ins Spiel zu bringen. Manche Bücher ändern einen als Menschen ganz grundlegend, weil man mit ihnen anders zu denken beginnt. Die Art und Weise, mit der Hegel hier das menschliche Denken und die gesamte menschliche Praxis begrifflich entwickelt und in ihren Tiefen und Untiefen vorführt, hat mich sehr geprägt. Das Faszinierende an dem Buch: Wenn man es wirklich intensiv liest und diskutiert, vollzieht man geistig zumindest ein Stück weit den Prozess nach, den Hegel beschreibt. Man merkt, dass Denken gleichzeitig ein fast materielles Tun ist, das verändert und im eigentlichen Sinne bildet. Und wenn man sich erstmal – wie Hegel sagen würde – durch die „Anstrengungen des Begriffs“ begeben hat, ist es ein Heidenspaß, die Phänomenologie zu lesen: „Das Wahre ist so der bacchantische Taumel, an dem kein Glied nicht trunken ist.“

Lieber Herr Milbradt, vielen Dank für das Gespräch! Mögen Sie uns noch ein paar Worte zu Ihrem Lebenslauf sagen?

Ich habe von Ende 1999 bis 2008 Soziologie, Philosophie und Friedens- und Konfliktforschung in Marburg a.d. Lahn studiert. Anschließend wurde ich von 2008 bis 2011 Promotionsstipendiat des DFG-Graduiertenkollegs „Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“, wo ich mein Interesse für soziologische Theorie und empirische Forschung weiterverfolgen konnte. Die Auseinandersetzung mit Vorurteilen, Ideologien und Diskriminierung war mir bereits im Studium ein Anliegen und begleitet mich bis heute. Ich hatte das Glück, im Rahmen dieses Graduiertenkollegs zwei Auslandsaufenthalte machen zu können: in Israel an der University of Haifa und in Großbritannien, Birkbeck, University of London. Anschließend habe ich einige Jahre an der Universität Kassel im Fachgebiet Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Soziale Arbeit und außerschulische Bildung gearbeitet und geforscht, bis ich im Herbst 2016 eine Stelle als Leiter der Fachgruppe „Politische Sozialisation und Demokratieförderung“ am Deutschen Jugendinstitut in Halle (Saale) angetreten habe.

Zuletzt erschienen im Verlag Barbara Budrich

Über autoritäre Haltungen in 'postfaktischen' Zeiten

 

 

 

 

 

 

Foto: privat. Mit freundlicher Genehmigung des Autors.