„Da muss er sich fallen lassen“ – Schauspielerei und Fairplay im Fußball

FuG – Zeitschrift für Fußball und Gesellschaft 2-2019: Zwischen Spielbereitschaft und theatralischem Simulieren – Perspektiven zum Fairplay im Fußball

Zwischen Spielbereitschaft und theatralischem Simulieren – Perspektiven zum Fairplay im Fußball

Nicolas Wirtz

FuG – Zeitschrift für Fußball und Gesellschaft, Heft 2-2019, S. 144-157

 

Zusammenfassung
Theatralisches Simulieren ist im Fußball ein Mittel, um spielbeeinflussende Entscheidungen zu provozieren. Doch wie sieht ein Verhalten im Sinne des Fairplays eigentlich konkret aus, wenn die Grenze zwischen fair und unfair durch das Simulieren verschoben werden kann? Laut Regelwerk werden gegen das Simulieren Sanktionen verhängt. Allerdings ist die Umsetzung schwierig, da die Gefühlsäußerungen der Spielenden – ob simuliert oder nicht – unter Umständen gerechtfertigt sind. In diesem Artikel werden interaktionstheoretische und moralphilosophische Perspektiven zu theatralischem Simulieren im Fußball dargestellt. Außerdem wird die bestehende Datenlage analysiert und es werden Lösungsansätze diskutiert. Hierbei wird die moralische Bedeutung der Spielbereitschaft herausgearbeitet, die bei der Forderung des Fairplays eine Rolle spielt.

Schlüsselwörter
Theatralik, Fairplay, Spielbereitschaft, Regelwerk, Schiedsrichter

 

Abstract
In football, theatricality is a way of convincing the referee of an opponent’s foul. How should fair behaviour actually be defined, if the border between fair and unfair can be shifted by the player´s theatricality? The transaction of rules against theatricality is difficult, because the emotional expression is possibly justified, consequently judgement is speculative. This problem is analysed from interaction theoretic and moral philosophic point of view. Furthermore, existing data and possible solutions are discussed. It is concluded that willingness to play is important for the game. It encourages intensive tackling and supports game flow. Furthermore, it promotes the development of social effects, which are ascribed to the game.

Keywords
Theatricality, Fair Play, Willingness to play, Rules, Referee

 

Einleitung

Theatralisches Simulieren kann Fußballspielenden auf der ganzen Welt und auf jedem sportlichen Niveau Vorteile bringen, da dadurch spielbeeinflussende Entscheidungen provoziert werden können. Außerdem ist Simulieren im Zweikampf weniger anstrengend und reduziert das Verletzungsrisiko, indem der Zweikampfhärte aus dem Weg gegangen wird. Allerdings ist es laut Regelwerk verboten (Regel 12: unsportliches Betragen). In der praktischen Anwendung bleibt das Simulieren – abgesehen von eindeutigen Schwalben und heftigen Reklamationen – meist unbestraft und wird von Expert_innen in der Besprechung von Fußballspielen oft als clever ausgelegt. Demnach ist es Fußballspielenden nicht zu verübeln, wenn sie ihre vermeintliche Opferrolle demonstrieren. Spieler, die trotzdem spielbereit bleiben, werden dafür sogar öffentlich kritisiert. So sagt Schalkes damaliger Trainer Domenico Tedesco über seinen Spieler Embolo nach dem Spiel gegen Frankfurt am 11.11.2018: „Da muss er sich fallen lassen“. Michel Platini, ehemaliger Präsident der UEFA, nimmt solche Praktiken schlichtweg als gegeben hin: „Simulieren ist Teil der Gesellschaft. Fußball ist auch Teil der Gesellschaft“ (Vaske 2006).

Von Fußballspielenden wird erwartet, dass sie gewinnen (wollen) und zwar mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln. Diese Erwartungshaltung und das resultierende Verhalten im Spiel stehen im Gegensatz zum Ideal des Fairplays, wie es von Fußball- und Sportverbänden (Olympische Charta und FIFA) postuliert wird. Fairplay beschreibt eine Haltung, die den Respekt vor den sportlichen Gegner_innen sowie die Wahrung ihrer physischen und psychischen Unversehrtheit beinhaltet. Die billigende Inkaufnahme von Verletzungen ist eine Missachtung dieser Grundsätze, die im Fußball entsprechend des Regelwerkes hart sanktioniert wird. Darüber hinaus stellt sich aber auch die Frage, welchen Stellenwert theatralisches Simulieren im Sinne des Fairplays haben darf, wenn dadurch die Grenze zum Regelverstoß und die Schwere des Regelverstoßes beeinflusst werden sollen. Im Folgenden wird diese Problematik hinsichtlich moralphilosophischer und soziologischer Perspektiven analysiert und es wird die Bedeutung der Spielbereitschaft abgeleitet. Im Anschluss daran werden das Regelwerk und die Umsetzung des Regelwerks hinsichtlich dieser Perspektiven analysiert. Hierzu werden Daten aus der Literatur einbezogen, die auf der Auswertung von Spielanalysesystemen basieren und Einflüsse von theatralischem Simulieren im Spiel zeigen. Ausblickend werden mögliche Ansätze für eine sozialwissenschaftliche Fußballforschung zu diesem Thema herausgearbeitet, um die Spielbereitschaft und das Simulieren empirisch erfassen zu können und den jeweiligen Stellenwert im Fußball diskutabel zu machen. Aufgrund der spielanalytischen Datenlage sowie der großen medialen Präsenz und der dadurch entstehenden Bedeutung für die Gesellschaft und die Praxis des Fußballs nimmt der Profifußball in diesem Artikel einen großen Raum ein. Dennoch beziehen sich die Ausführungen auf das Fußballspiel im Allgemeinen, da sich das Phänomen des theatralischen Simulierens durch alle Klassen hinweg beobachten lässt.

Perspektiven zum theatralischen Simulieren im Fußballspiel

Theatralisches Simulieren im Fußball steht im Kontrast zu institutionell vorgegebenen Werten des Sports und der Spiele im Allgemeinen, die auf höchster Ebene in der Olympischen Charta und Initiativen der FIFA verankert sind. Die Olympische Charta entwickelte sich, um einen allgemeinen Verhaltenskodex festzulegen und ganz entscheidende ethische Verhaltensgrundlagen im Sport als integralen Bestandteil der Gesellschaft zu definieren. Dabei stehen fundamentale Prinzipien mit der Darstellung der olympischen Werte wie Fairness, Chancengleichheit, Respekt und Toleranz im Fokus. Es wird das Ziel angestrebt „einen Lebensstil zu schaffen, der auf der Freude an Leistung, auf dem erzieherischen Wert des guten Beispiels, der gesellschaftlichen Verantwortlichkeit sowie auf der Achtung universell gültiger moralischer Prinzipien aufbaut“ (Olympische Charta 2014: 7). Weiterhin gilt es „den Sport in eine harmonische Entwicklung der Menschheit zu stellen, um eine friedliche Gesellschaft zu fördern, die der Wahrung der Menschenwürde verpflichtet ist“. Diese Grundsätze rechtfertigen ein kompromissloses Vorgehen gegen Doping und alle anderen Formen der Manipulation sowie gegen Diskriminierung in jeder Form. Ähnlichen Themengebieten widmen sich im Fußball Kampagnen der FIFA, die mit „Fair Play“ „Football for Hope“, „Football for the Planet“ und „Diversity and Anti-Discrimination“ hinsichtlich werteorientierten Handelns speziell gefördert werden5.

Solche fundamentalen Prinzipien des Sports orientieren sich an moralphilosophischen Idealen. Legt man z.B. die Theorie von Rawls (1971) der Bewertung des Spielverhaltens zugrunde, so geht unfaires Verhalten über den Bruch einer Regel hinaus, indem aus Lücken oder Mehrdeutigkeiten von Regeln Vorteile gezogen werden oder allgemein gegen den Geist einer Praxis (des Spiels) gehandelt wird. Der Geist braucht die gemeinsame Basis von Fairness, das gemeinsame Ziel, die gemeinsame Spielidee, ein gemeinsames Regelwerk und auch eine gemeinsame Basis der Regelauslegung, damit das Spiel seinen Zweck erfüllen kann. Fairness ist somit die mit der Logik des Spiels verknüpfte Einstellung der Einzelnen, durch das eigene Verhalten das Spiel als Spiel zu sichern (Gerhardt 1995: 18). Doch das Verhalten der beteiligten Akteure im modernen Fußball steht häufig im Kontrast zu fundamentalen Prinzipien des Sports und moralphilosophischen Idealen. Fußballspiele sind rituelle Ereignisse, welche für alle beteiligten Spieler_innen, Trainer_innen und andere Verantwortliche sowie für die Fans eine bestimmte Bedeutung besitzen und mit bestimmten Erwartungen verknüpft werden. Von den Spielenden wird im Spiel erwartet, dass sie gewinnen (wollen) und zwar mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln. Neben technischen, konditionellen und taktischen Fertigkeiten gehört zu diesen Mitteln auch der geschickte Einsatz von Gefühlsäußerungen in der Interaktion des Zweikampfes. Nach Goffman bezieht sich der Begriff der Interaktion in Spielbegegnungen auf eine hochstrukturierte Form wechselseitiger Schicksalshaftigkeit (1971a: 39). Im Spiel kann die gezielte Anwendung von Gefühlsäußerungen diese Schicksalshaftigkeit positiv beeinflussen. Es ist eine gute Strategie die Zweikampfhärte des eigenen Teams durch Gesten der Unschuld zu verharmlosen und die Härte der Gegner durch theatralisches Simulieren und Reklamieren zu dramatisieren. Dabei muss der Moment und das Maß der Gefühlsäußerungen von Spielenden (und der am Spiel beteiligten Coaches etc.) im Rahmen der Regeln und Normen abgestimmt werden. Bei der Darstellung von empfundenen Schmerzen ist eine Verstärkung der Gefühlsäußerung legitim, insofern eine Ursache für die Schmerzen gefunden werden kann. Hingegen müssen Spielende die Darstellung der eigenen Wut über den harten Einsatz der Anderen oder eine Entscheidung der Schiedsrichtenden zügeln, um nicht verwarnt oder gar vom Spiel ausgeschlossen zu werden (Goffman 1973: 125). Diese emotionale Steuerung verlangt den Spielenden einiges ab und ist Teil des Spektakels im Fußball. Die Möglichkeit Gefühle aktiv zu steuern wurde mit dem Begriff der Gefühlsarbeit geprägt. Gefühlsarbeit ist notwendig, um die Spannung zwischen der erwarteten Gefühlsnorm und dem tatsächlichen Gefühl zu überwinden und seinem Gefühl im Rahmen der erwarteten Norm Ausdruck zu verleihen (Hochschild 1983).

Legt man das Modell des symbolischen Interaktionismus zu Grunde, gestalten sich Normen durch einen dynamischen Prozess mit unterschiedlichen Einflüssen. Normen und Regeln der Interaktion entstehen, wenn Bedeutungen ausgehandelt werden und wenn eine gemeinsame Handlung konstruiert wird (Blumer 1969). Bezogen auf den Fußball haben sich Normen über Jahrhunderte bei der Ausübung des Spiels entwickelt und werden durch Regeln bestimmt, die heute durch die Institution der Fußballverbände vorgegeben und angepasst werden. Die Umsetzung der Regeln hängt dabei von der Auslegung der Schiedsrichtenden ab, die z.B. das Maß der Zweikampfhärte oder der Reklamationen im Spiel einschätzen und ggf. sanktionieren. Nach Goffman haben moralische Maßstäbe dabei die Funktion Interaktionstypen zu erhalten, die jederzeit durch zu überschwängliche Individuen bedroht werden können, wenn sie „ihre eigenen Gefühle vorübergehend über die moralischen Regeln stellen“ (Goffman 1981: 122). Seine Analyse sieht moralische Maßstäbe nicht als feststehendes Ideal, sondern in der Interaktion selbst entstehend. Bislang ist es allerdings spekulativ, ob sich solche Maßstäbe im Fußball in den vergangenen Jahrzehnten verändert haben oder ob das theatralische Simulieren durch die mediale Präsenz des Profifußballs lediglich sichtbarer wird. Dem großen öffentlichen Interesse, der daraus resultierenden Marktdynamik und der damit verbundenen wirtschaftlichen Dimension misst Arsene Wenger, der über 20 Jahre die Profis des FC Arsenal trainierte und zuvor Wirtschaft studierte, eine tiefere Bedeutung für das Spiel bei: „Fußball folgt einer gesellschaftlichen Entwicklung des Kapitalismus, die den Geist des Fußballs verändert“ (Vaske 2006). Solche Zusammenhänge könnten ein Verhalten entgegen eines moralischen Ideals fördern, an dem sich wiederum alle Fußballinteressierten orientieren.

Auch aus philosophischer Perspektive ist Moralität keine empirische Vorstellung und besteht abseits vom Getriebe der Welt (Sandel 2013: 177). In diesem Zusammenhang hat der Tugendethiker MacIntyre (1987) auf das Konzept der aristotelischen Praxen aufmerksam gemacht. Er unterscheidet in seiner Analyse zwischen äußerlichen und inhärenten Gütern einer Praxis. Äußerliche Güter sind mit der jeweiligen Praxis durch Zufälle der sozialen Umgebung verbunden, wie z.B. Prestige, Status und Entlohnung. Inhärente Güter hingegen machen eine Selbstzwecklichkeit bei der Ausübung der Praxis aus. Es verlangt eine entsprechende Erfahrung bei der Ausübung der Praxis, um sie zu beurteilen und den Rahmen festzulegen zu können. Nach MacIntyre werden Tugenden als Dispositionen verstanden, welche die Praxis aufrechterhalten und jemanden befähigen der Praxis inhärente Güter zu erlangen. Diese Tugenden statten uns mit wachsender Selbstkenntnis und wachsendem Wissen über das Gute aus (MacIntyre 1987: 292). Bezogen auf die Fußballpraxis stellt sich die Frage, welche Tugenden im Fußball ausgemacht werden können, die Fußballspielende in die Lage versetzen ein solches Wissen über das Gute im Fußball zu erlangen. Da Zusammenarbeit, die Anerkennung von Leistung und Achtung von Maßstäben typischerweise in die Praxis eingeschlossen sind, ist Fairness in der Beurteilung der eigenen und anderer Personen gefordert (MacIntyre 1987: 251). Weder die Anerkennung von Leistung, noch die Achtung von Maßstäben sind bei theatralischem Simulieren im Zweikampf mehr möglich. Daher muss der Durchsetzungswille im Zweikampf frei von theatralischem Simulieren sein. Nach diesem Verständnis sollte ein solcher Durchsetzungswille ohne theatralisches Simulieren im Fußball als Tugend verstanden werden. Allerdings sind äußerliche Güter einer Praxis ebenfalls echte Güter und die Pflege von Tugenden kann wiederum im Kontrast zur Erlangung äußerlicher Güter stehen. Wenn das Streben nach äußerlichen Gütern überhandnimmt, können Tugenden abgenutzt oder ausgelöscht werden und die Praxis gefährden (MacIntyre 1987: 262). Die schützende Verantwortung der Praxis liegt bei allen Beteiligten des Fußballs.

5 Dokumentationsmaterial und Konzepte finden sich auf der Internetseite www.fifa.com.

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FuG – Zeitschrift für Fußball und Gesellschaft 2-2019: Fußballturniere als soziale und emotionale Medienevents – Eine empirische Analyse zum Emotionserleben des Fernsehpublikums bei Spielen der deutschen FußballnationalmannschaftSie möchten gerne weiterlesen? Dieser Beitrag ist in dem Heft 2-2019 der FuG – Zeitschrift für Fußball und Gesellschaft erschienen.

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