Ethnographische Feldforschung an exklusiven Internatsgymnasien

Geladene ‚Zaungäste‘ im Elitekontext – Zugangshürden und Verwicklungen beim ethnographischen Forschen

Anja Gibson

ZQF – Zeitschrift für Qualitative Forschung, Heft 1/2019, S. 9-25

Zusammenfassung
In diesem Beitrag stehen die vielfach nur randständig thematisierten Dynamiken, Fallstricke und Verwicklungen im Zuge ethnographischer Feldforschungen im Fokus. Diese werden exemplarisch anhand eigener Feldforschungserfahrungen in schwer zugänglichen und bewusst abgeschotteten Bildungssettings exklusiver Internatsgymnasien reflektiert und diskutiert. Dabei wird herausgestellt, auf welche Art und Weise diese den Zugangs-, Erhebungs- und Analyseprozess beeinflussen und die Qualität des Materials bestimmen. Im Rahmen der Auseinandersetzung werden nicht nur die speziellen Zugangsbedingungen, zum Teil prekären Situierungen und Wandlungen der Forscherrolle im Feld sowie Möglichkeiten und Limitierungen im Forschungsprozess aufgezeigt, sondern gleichzeitig auch deutlich gemacht, dass sich gerade auch Herausforderungen im Feld als gewinnbringend für die Datengenerierung erweisen können und dass Zugangsproblematiken und Dilemmata während der Feldforschung bereits wichtige Hinweise auf das Untersuchungsfeld und damit für die Analyse liefern.

Schlagwörter: Ethnographie, Elite, Feldforschung, Feldzugang, Internate

 

Invited ‚onlookers‘ in elite settings – Access barriers and entanglements during ethnographic field research

Abstract
This contribution focuses the dynamics, pitfalls and entanglements during ethnographic field research, which are often only addressed marginally. These challenges will be reflected and discussed on the basis of personal experiences during field research in elite boarding schools which are difficult to access due to their exclusiveness. In this context this paper emphasises not just the manner in which certain dynamics and entanglements affect the access, the data collection and analysis process but also how they influence the quality of the data. In addressing these issues, this article presents results about how to gain access to such exclusive educational institutions, the sometimes precarious positions and changing roles of qualitative researchers in this field as well as possibilities and limitations in the research process. Furthermore it is shown that challenges in the field could prove profitable for the data collection and that access problems and dilemmas during fieldwork already provides important insights for the analysis.

Keywords: ethnography, elite, field research, access, boarding schools

 

1 Einleitung

Im Wissenschaftskontext werden selten Fallstricke und Problematiken während des Forschungsprozesses sowie die eigene, z.T. ambivalente, Position im ,Feld‘¹ thematisiert und reflektiert. Dabei ist die Auseinandersetzung mit derartigen Herausforderungen von außerordentlicher Wichtigkeit, da diese maßgeblich die Qualität des erhobenen Datenmaterials bestimmen und die Aussagekraft der Ergebnisse beeinflussen. Ziel dieses Beitrages ist es, nicht nur zu zeigen, dass die Art und Weise, wie der Eintritt gewährt wird, wie man eingeführt wird und aufgrund dieser Positionierung später selbst ‚mitspielen‘ darf, bereits zentrale Charakteristika des Feldes widerspiegelt und auch wesentlich Analyseergebnisse bestimmt (vgl. auch Lüders 2005, S. 392), sondern auch, dass über die Auseinandersetzung mit Problematiken beim ethnographischen Forschen dezidiertere Auswertungen möglich sind (vgl. auch Lau/Wolff 1983; Fine 1993; Kalthoff 1997b; Lamnek 2010). Anhand exklusiver Internatsgymnasien, die sich selbst als Elitebildungseinrichtungen stilisieren und Fremden nur selten Einblicke in ihre Organisation gestatten, werden im Folgenden sowohl Fallstricke von Feldforschung im Allgemeinen, wie auch im Speziellen – in Elitekontexten – diskutiert. Dabei wird gezeigt, dass Feldforscher*innen gerade in schwer zugänglichen, relativ abgeschotteten Untersuchungsfeldern auf besondere Rahmenbedingungen und Forschungsbarrieren treffen können (vgl. u.a. Hammersley/Atkinson 1995; Kalthoff 1997a; Helsper u.a. 2001, 2018; Fine/Shulman 2009; Schoneville 2010; Gaztambide-Fernández 2015; Maxwell/Aggleton 2015; Mercader/Weber/Durif-Varembont 2015). Zunächst wird auf die Praxis der Ethnographie als Forschungsstrategie und dabei entstehende Fallstricke eingegangen (Kap. 2). Anschließend werden anhand eigener Forschungen Zugangserfahrungen in exklusive Internate dargelegt sowie die zwiespältige Feldforscherrolle und daraus resultierende Möglichkeiten und Limitierungen im Forschungsprozess betrachtet, bevor Dilemmata beim Forschen in Elitekontexten markiert werden (Kap. 3). Abschließend erfolgt die Bilanzierung und Diskussion der Ergebnisse (Kap. 4).

2 Ethnographisches Forschen – ein (selbst-)kritischer Blick auf eine reflexive Forschungsstrategie

Ethnographische Forschung wird vielfach als methodisches Dispositiv für soziologische Beschreibungen fremder und eigener Lebensformen betrachtet (vgl. u.a. Fuchs/Berg 1993; Hammersley/Atkinson 1995; Breidenstein u.a. 2013; Tervooren u.a. 2014; Beach/Bagley/Marques da Silva 2018): Durch die in situ Positionierung des Ethnographen werden quasi abgeschlossene Lebenswelten geöffnet und alltägliche Situationen beobachtend ergründbar. Darüber ist es möglich, nicht nur unbekannte Kulturen, sondern auch Lebenswelten innerhalb der eigenen Gesellschaft (neu) zu entdecken (vgl. Kalthoff 2003, S. 70‒71) und „alle möglichen Gegenstände ,kurios‘, also zum Objekt einer ebenso empirischen wie theoretischen Neugier zu machen“ (Amann/Hirschauer 1997, S. 9). Im Mittelpunkt der Auseinandersetzung mit und Beschreibung von Lebenswelten und Kulturen steht damit, „wie die jeweiligen Wirklichkeiten praktisch ,erzeugt‘ werden“ – es geht also um die „situativ eingesetzten Mittel zur Konstitution sozialer Phänomene“ (Lüders 2005, S. 390). Dabei liegt das analytische Augenmerk u.a. auf der Performanz von Praktiken und das den Praktiken zugrunde liegende implizite Wissen (vgl. Kalthoff 2003, S. 74).

Wie jede qualitative Forschungspraxis hat auch die Ethnographie ihre Schwachstellen (vgl. Fine 1993; Murphy/Dingwall 2001; Fine/Shulman 2009; Robben/Sluka 2012). Dabei soll im Rahmen des Beitrags insbesondere das Problem des methodisch kontrollierten Fremdverstehens im Fokus stehen (vgl. Marotzki 1998, S. 47), das Fritz Schütze (1994, S. 233) als „ethnographische Unschärferelation“ bezeichnet. Gemeint ist, dass Ethnograph*innen in die zu analysierende Interaktion verflochten sind und damit die Notwendigkeit besteht, den „spezifischen Instrumentcharakter des eigenen Forschungshandelns (einschließlich der eigenen Persönlichkeit und deren ‚Ausstrahlung‘ als Forschungsinstrument) zu reflektieren“ (ebd.). Ethnograph*innen müssen in ein spezifisches Feld ‚eintauchen‘, dort zu einem Teil der fremden Welt werden – d.h. sich in einen Prozess der partiellen Enkulturation begeben (vgl. Amann/Hirschauer 1997, S. 27) – und derart mit ihr vertraut werden, dass sie diese verstehen und anderen erklären können. Gleichzeitig ist (kulturelle) Distanz vonnöten, um das in den Blick zu nehmen, was die Mitglieder des spezifischen Feldes selbst nicht mehr sehen können, weil es zu einer Routine, einer Selbstverständlichkeit geworden ist. Die notwendige Ausbalancierung von Vertrautheit und Fremdheit (vgl. Marotzki 1998, S. 48; Kalthoff 1997b) erfordert dabei eine metaethnographische Reflexion über Feldzugänge und -positionierungen im Sinne einer Selbst-, aber auch Fremdbeobachtung.

Neben dieser Problematik sind noch weitere Fallstricke auszumachen: 1. Bei der Ethnographie handelt es sich um eine Forschungsmethode, die in vielen Fällen verborgen zu Haltendes enthält (vgl. Fine 1993, S. 267): Nur sehr selten werden alle Feldnotizen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, was jedoch zu Verzerrungen der Ergebnisse führen kann. 2. Ethnograph*innen wissen, dass selbst bei Stenotypisten-Fähigkeiten Dialoge nie so genau übernommen werden können, wie sie in der Interaktion miterlebt werden und dass Feldnotizen kein Datenmaterial sind, das die Realität in vollem Umfang wiedergibt, da die beobachtete Szene nicht zuletzt im Schreibprozess von Protokollen interpretiert wird (vgl. Fine 1993, S. 277; Hirschauer 2001, S. 434). 3. Ethnograph*innen sind vielfach mit Ungeplantem konfrontiert, wie etwa, dass sie nicht immer die beste Platzierung haben, um die beobachtete Situation zu über- und zu durchschauen. 4. Eine weitere Krux liegt darin, dass Ethnograph*innen ganz und gar im Feld aufgehen, aber gleichzeitig Einflüsse durch die Anwesenheit minimieren sollten, was eine permanente Reflexion der Feldrolle erfordert (vgl. Lindner 1981, S. 51; Goffman 1989).

Anhand eines retrospektiven Blicks auf die eigene Feldforschungspraxis wird im Folgenden aufgezeigt, dass sich trotz dieser Umstände – oder gerade deswegen – Gelegenheiten im Forschungskontext bieten, die gewinnbringend für den Datengenerierungsprozess sind.

3 Feldforschung in exklusiven Internatsgymnasien

Die mehrebenenanalytische Studie (vgl. Gibson 2017), auf deren Datenmaterial die folgenden Ausführungen basieren, nimmt Elitebildung und Exzellenzförderung im deutschen Bildungssystem in den Blick und untersucht die besondere Stellung von exklusiven Internatsgymnasien im Zuge von Ausdifferenzierungsprozessen im gymnasialen Bildungssegment. Sie zielt – in Anschluss an elitetheoretische Konzeptionen (vgl. u.a. Hartmann 2008), habitustheoretische Perspektiven (vgl. u.a. Bourdieu 1976) sowie schulkulturtheoretische Ansätze (vgl. u.a. Helsper u.a. 2001) – auf folgende Aspekte: auf die Herausarbeitung der schulischen Exzellenz-, Bildungs- und Idealschüler-Entwürfe zweier exklusiver Internatsschulen anhand der Analyse von Schulleitbildern und Schulleiterinterviews, auf Akte der Distinktion und Kohärenzherstellung anhand der Rekonstruktion von Interaktionsszenen sowie auf biographische Orientierungen von Jugendlichen über eine Analyse von Schülerinterviews. Und sie zielt, in der Vermittlung der institutionellen und biographischen Analysen, auf die Passungen zwischen den Habitus der Jugendlichen und den schulischen Bildungs-, Exzellenz- und Schülerhabitus-Entwürfen (vgl. Gibson 2017, S. 17‒42).

Im Rahmen der Studie erfolgte zunächst eine umfassende Dokumentenanalyse und Systematisierung aller 130 deutschen Internatsgymnasien (Stand: 2009) anhand von Schulprogrammen, Leitbildern und Selbstpräsentationen (bspw. Schulhomepage, Publikationen). In das Sample wurden nur Schulen aufgenommen, bei denen es sich um Internatsschulen im engeren Sinne handelte (höherer Anteil im Internat lebender Schüler*innen), die explizit in ihren Schulprogrammen die Begrifflichkeiten Elite und/oder Exzellenz verwenden sowie zusätzliche Selektionshürden beim Übergang in Form von speziellen Aufnahmeverfahren installiert haben. Diesen Auswahlkriterien entsprachen 23 Schulen – an sieben von ihnen erfolgten Kooperationsanfragen. Die Auswahl der Schulen für das Kernsample erfolgte dann nach der Samplebildungsstrategie des maximalen Kontrasts (vgl. Patton 1990; ausführlich: Gibson 2017, S. 89‒91).

Die nachstehenden Ausführungen stellen Reflexionen der Feldforschungen in zwei exklusiven deutschen Internatsgymnasien dar. Besonderes Augenmerk liegt dabei auf einem renommierten, altehrwürdigen und hochpreisigen Internat mit reformpädagogischen Wurzeln und einer nach habitueller Passung ausgewählten groß- und bildungsbürgerlichen Klientel sowie einem neu etablierten staatlichen Hochbegabteninternat, das seine, v.a. aus den mittleren Milieus stammende, Schülerschaft nach kognitiven Fähigkeiten und der attestierten Hochbegabung auswählt.

1 ‚Feld‘, im Sinne „sozialer Welten“ (Strauss 1978), bezieht sich hier nicht nur auf Räumlich-Geographisches, sondern auf Orte als Netzwerke von Beziehungen und Bezügen (vgl. Appadurai 1988; Geertz 1991, S. 31‒32; Clifford 1997).

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