Wie wird Open Access das Publizieren in der Wissenschaft verändern?

Open Neonschild

„Open Access“ und die Zukunft freier Wissenschaft

Uwe Jochum

Erziehungswissenschaft, Heft 57 (2-2018), S. 19-28.

Keine andere Art des wissenschaftlichen Veröffentlichens wird von der „Allianz der Wissenschaftsorganisationen“ derart propagiert und durch staatliche Subventionen derart gefördert wie „Open Access“. Das ist kein Wunder, denn „Open Access“ gilt schon seit Jahren als eine „wichtige[] strategische[] Frage für den Forschungsstandort Deutschland“ (DFG 2011, S. 109), mit der man sich in den Europäischen Forschungsraum einfügen will, der bis zum Jahr 2020 auf „Open Access“ umgestellt sein soll (Council of the European Union 2016). Die Leitmotive heißen dabei „Vernetzung“ und „Entgrenzung“, mit denen man die alten Themen von wissenschaftlicher „Innovation“ und „Multidisziplinarität“ weiterführen will (vgl. DFG 2016, S. 89-94): Wenn endlich – so die Leitidee – alle Forschungsdaten und -publikationen weltweit „im Netz“ verfügbar wären und technisch und juristisch unbeschränkt von jedermann neu zusammengestellt, ausgewertet und „kollaborativ“ bearbeitet werden könnten, dann hätten wir eine „Open Science“, deren „Mehrwert“ nicht nur den Fachwissenschaftlern zugutekäme, sondern auch den wissenschaftlichen Laien von der Ersten bis zur Dritten Welt – einen Internetanschluss und ausreichend elektrischen Strom vorausgesetzt.

Zweifellos gerinnt die Rhetorik der „Öffnung“ und „Entgrenzung“ im Terminus „Open Access“ zu einem eingängig-bewusstseinsbildenden Schlagwort: Bei „Open Access“ gehe es, wie es auf der Informationsplattform open-access.net zusammenfassend heißt, um „den unbeschränkten und kostenlosen Zugang zu wissenschaftlicher Information“ (https://open-access.net/informationen-zu-open-access/). Woraus im Umkehrschluss folgt, dass der traditionelle Weg, die Wissenschaft über eine gedruckte Fachzeitschrift oder ein gedrucktes Buch an den Mann und die Frau zu bringen, nun als Irrweg eines „Closed Access“ betrachtet wird: Ein Weg, der nicht nur die entgrenzenden Potenziale des Digitalen ignoriere und damit die freie Entfaltung von Wissenschaft behindere, sondern auch direkt einem Oligopol von Wissenschaftsverlagen in die Hände arbeite, die zwei Drittel des Marktes für STM-Zeitschriften (Science, Technology, Medicine) dominierten und dank dieser Dominanz Eigenkapitalrenditen von über 30 Prozent erwirtschaften könnten. „Open Access“ ist in dieser Sicht der Dinge eine Art wissenschaftspolitischer Passepartout: Mit einer einzigen Umdrehung wird die kapitalistische Ökonomie aus der Wissenschaft verbannt (man verzichtet auf die Arbeit der Verlage und macht Wissenschaft damit billiger, für die Wissenschaftsnutzer gar kostenlos), und die Potenziale des Digitalen werden für die Wissenschaft und das Kollektiv der wissenschaftsfinanzierenden Steuerzahler optimal erschlossen.

Man kann angesichts dieses großartigen Panoramas die Faszination, die von „Open Access“ ausgeht, durchaus verstehen. Und man kann auch nachvollziehen, dass diese Faszination sich mit gutem Gewissen in Handlungsempfehlungen niederschlägt, die einer „Disruption“ des traditionellen Zeitschriftenwesens das Wort reden, um je eher je lieber den vollständigen Umstieg zu „Open Access“ in die Wege zu leiten (Schimmer/Geschuhn/Vogler 2015). Dass dieser Umstieg mit den erhofften Resultaten aber nur dann zu haben ist, wenn die ganze Welt umdenkt und die disruptive Transformation zu „Open Access“ mitmacht (Schimmer/Sander 2015, S. 441), sollte zu denken geben. Denn ganz offensichtlich schlägt spätestens an dieser Stelle das „Open-Access“-Projekt, in dem sich eine antikapitalistische Note mit der aus Kalifornien importierten Befreiungstheologie des Digitalen mischt, in eine Heilslehre um (Jochum 2003; Jochum 2004), die, wie alle Heilslehren zuvor, eine eschatologische Zeitenwende propagiert: Die ganze Welt soll jetzt endlich neu werden. Diesmal in der Variante, dass die Wissenschaftswelt von der Sünde des „Closed Access“ zu erlösen ist, um in der neuen Gestalt des sündelosen „Open Access“ weiterzuexistieren: ohne Verlagskapitalismus und multidisziplinär-entgrenzt in der vollständig vernetzten Digitalsphäre des Internets. Man darf mit guten Gründen annehmen, dass es auch diesmal nichts werden wird mit der eigenwilligen Heilstat der Menschen, selbst dann nicht, wenn es sich bei den heilsverkündenden Aposteln um freundliche Bibliothekare und wohlmeinende Informationsmanager handelt. Diese guten Gründe lauten: Erstens ist das digitale Publikationswesen à la „Open Access“ nicht billiger als das traditionelle von den Verlagen betriebene Publikationswesen; zweitens läuft die von der „Open-Access“-Bewegung propagierte Öffnung und Entgrenzung des Publikationswesens auf eine Entmachtung des Autorwillens und damit auf ein gravierendes Verfassungsproblem hinaus; und drittens ist die vernetzte Digitalsphäre des Internets keineswegs die geborene Heimstatt freier Wissenschaft, sondern als ein planetares Kontrollsystem das Gegenteil von Freiheit und Wissenschaft.

 

1 Die Kosten

Der wohl entscheidende Faktor für das Zustandekommen der „Open-Access“Bewegung war die Behauptung, für die Steuerzahler bzw. den Staat käme die Wissenschaft billiger, wenn sie ihre Forschungsresultate nicht mehr auf Papier in gedruckten Fachzeitschriften verbreitete, sondern digital übers Internet. Das Standardargument lautet dabei, dass in der analogen wissenschaftlichen Publikationswelt die Steuerzahler dreimal für die Wissenschaft bezahlen müssten: erstens für die Gehälter der Wissenschaftler, zweitens für die Druckkostenzuschüsse, die von den Fachzeitschriften für den Abdruck der Aufsätze verlangt werden, und drittens für die Bibliotheksetats, aus denen die Abonnements für die Fachzeitschriften zu bezahlen sind. Aus diesem teuren Dreimal soll unter „Open Access“ ein billigeres Zweimal werden, indem die Aufsätze direkt auf Volltextservern der Universitäten oder speziell gegründeten digitalen „OpenAccess“-Zeitschriften veröffentlicht werden und die wissenschaftlichen Autoren (und damit die Institutionen und die Steuerzahler, die sie finanzieren) dafür die Kosten übernehmen, die sog. „article processing charges“ (APC).

Natürlich ist es eine suggestive Annahme, die Reduktion der Zahlvorgänge im wissenschaftlichen Publikationswesen ginge mit einer Reduktion der Gesamtkosten des Publizierens einher. Aber mehr als eine Suggestion ist es nicht: Wer für einen Fiat Panda zehn Raten bezahlt, für einen Mercedes der A-Klasse aber nur eine, hat mit der einen Mercedes-Rate dennoch das teurere Fahrzeug gekauft. Die entscheidende Frage ist also nicht die Anzahl der Zahlvorgänge, sondern die Summe der Kosten. Und an dieser Stelle spielt die „Open-Access“-Bewegung den nächsten Trumpf aus und meint, die Gesamtkosten bei „Open Access“ seien geringer als im konventionellen Veröffentlichungswesen; denn erstens werde die Sache durch das Herausdrängen der Fachverlage aus dem Publikationsgeschäft kapitalismusfrei und schon alleine dadurch billiger; und zweitens seien digitale Publikationen kostengünstiger zu erstellen als gedruckte.

Die „Open-Access“-Bewegung stützt sich beim Ausspielen dieses Trumpfes auf zwei Veröffentlichungen. Zum einen ist da die bislang umfangreichste Studie zu den Publikationskosten überhaupt, die im Jahre 2009 vom britischen Jisc (Joint Information System Committee, einem staatlich finanzierten Thinktank, der die digitale Transformation des Bildungssektors beratend begleiten soll) veröffentlicht wurde (Houghton 2009). Liest man die Studie mit der gebotenen Aufmerksamkeit, muss man allerdings feststellen, dass dort von einer durch „Open Access“ ermöglichten Reduktion der Herstellungskosten von Fachaufsätzen keine Rede ist. Vielmehr führt die Studie aus, dass die Herstellungskosten von Fachaufsätzen bei einer Umstellung auf „Open Access“ durchaus höher als im jetzigen Publikationssystem ausfallen werden. Zu Einsparungen könne es aber dennoch kommen, weil durch „Open Access“ die gesamtgesellschaftlichen Transaktionskosten von Wissenschaft gesenkt werden: Man spare u. a. an Porto, Kopierkosten und Stellplatz in den Bibliotheken, und es sind solche Einsparungen, die eine Umstellung auf „Open Access“ dann doch rentierlich machen sollen. Es gibt gute Gründe, das zu bezweifeln: Die Schätzung der gesamtgesellschaftlichen Transaktionskosten bewegt sich auf einem abstrakten Niveau, dessen Abstraktionshöhe nichts anderes als eine implizite Interpretation ist. So mag es eine schöne Annahme sein, dass man Portokosten sparen werde, dass aber die Kosten für die Hardware vom PC bis zum Server, die Softwarekosten und die alle paar Jahre fälligen „Migrationskosten“ (von einer Softwaregeneration zur nächsten) in der britischen Studie ebenso fehlen wie die Ablenkungskosten, die im Digitalen überall auftreten, ist eine unschöne Auslassung. Hinzu kommt, dass sich diese einseitigen kosteninterpretierenden Akzentsetzungen mit einem ökonomischen Modell verschwistern, das einen direkten Zusammenhang zwischen technischem Fortschritt und Wirtschaftswachstum unterstellt, sodass am Ende der Studie die Interpretationsakzente und das ökonomische Basismodell zusammen das Resultat ergeben: Die Digitalisierung der Wissenschaftspublikationen unter dem Banner von „Open Access“ ist fortschrittlich und spart Geld. Schaut man genau hin, handelt es sich aber um nichts anderes als ein zahlengestütztes Versprechen, dessen zukünftiger Realgehalt dort steht, wo die Zukunft immer steht: in den Sternen (dazu Jochum 2009a, S. 42-51).

Zum anderen ist da das jüngst erschienene „Whitepaper“ der Max Planck Digital Library (MPDL) in München, das die derzeitigen Kosten des weltweiten wissenschaftlichen Publizierens (nur der Fachaufsätze) auf 7,5 Mrd. Euro schätzt, was bei ebenfalls geschätzten 2 Mio. Fachaufsätzen pro Jahr Kosten pro Aufsatz von 3800 Euro bedeutet (Schimmer/Geschuhn/Vogler, S. 5). Da bei „Open Access“ aber die APC deutlich unter 2000 Euro pro Aufsatz liegen, ließe sich bei einer weltweiten Umstellung auf „Open Access“ rund die Hälfte der Publikationskosten sparen, je nach Land in unterschiedlichem Umfang (ebd., S. 7-9). Das Problem ist nur, dass das Münchener „Whitepaper“ sowohl die Herstellungskosten eines wissenschaftlichen Aufsatzes als auch das weltweite Publikationsaufkommen viel zu niedrig ansetzt und daher die Publikationskosten völlig verzeichnet. Sie dürften weltweit bei 15 Mrd. Euro im Jahr liegen, wovon nur etwa die Hälfte auf Verlagsseite als Einnahmen zu verbuchen ist (Jochum 2018); die andere Hälfte wird über offene und verdeckte Subventionszahlungen innerhalb des Wissenschaftssystems unsichtbar gemacht. Man muss daher feststellen, dass im Wissenschaftssystem nicht die Verlage die eigentlichen Kostentreiber sind, sondern die Anzahl der weltweit agierenden und publizierenden Wissenschaftler: Je mehr Wissenschaftler (es sind derzeit etwa 8 Mio.), desto mehr Publikationen und desto teurer das Publikationssystem. „Open Access“ ändert an diesen einfachen Zusammenhängen nichts. Dass die Anhänger von „Open Access“ meinen, sie könnten ein billigeres Publikationssystem neben dem der Verlage aufbauen, verdankt sich daher lediglich dem großen blinden Fleck der „Open-Access“-Bewegung: dass sie zu jener Hälfte des Wissenschaftssystems gehört, in der durch allerlei Subventionszahlungen aus den steuerfinanzierten Schattenhaushalten der Ministerien und Universitäten die wahren Kosten der Sache unsichtbar gemacht werden (ebd.).

Halten wir fest: Dass „Open Access“ ein billigeres Veröffentlichungsmodell zu bieten hat, als das, was sich über Jahrhunderte hin in einer Arbeitsteilung aus privaten Verlagen und staatlichen Bibliotheken herausgebildet hat, ist empirisch nicht zu belegen. Also wechselt man das Thema und spricht davon, dass „Open Access“ dann wenigstens den Umgang mit wissenschaftlichen Veröffentlichungen und deren Weiterverwendung erleichtern werde.

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Erziehungswissenschaft 57 CoverSie möchten gerne weiterlesen? Dieser Beitrag ist in dem Heft 57 (2-2018) der Erziehungswissenschaft erschienen.

Ebenfalls in Heft 57 der Erziehungswissenschaft:
Urheberrechte und Nutzungsrechte: „Gehört mir mein Gedanke noch, oder: Wer verdient damit welches Geld?“ Vier Fragen an eine Verlegerin und einen Autor. Ein (digitales) Gespräch zwischen Barbara Budrich und Heinz-Hermann Krüger, moderiert von Fabian Kessl und Sieglinde Jornitz.

 

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