Zur 50+1-Regel und ihrer Zukunft

Stakeholderorientierte Perspektiven in der sportpolitischen Diskussion von beherrschendem Einfluss im deutschen Profifußball – Empirische Ergebnisse einer Befragung von Investoren_innen zur 50+1-Regel und deren Zukunft

Stakeholderorientierte Perspektiven in der sportpolitischen Diskussion von beherrschendem Einfluss im deutschen Profifußball – Empirische Ergebnisse einer Befragung von Investoren_innen zur 50+1-Regel und deren Zukunft

Sebastian Björn Bauers, Gregor Hovemann

FuG – Zeitschrift für Fußball und Gesellschaft, Heft 1-2019, S. 25-45

 

Zusammenfassung
Eine zentrale sportpolitische Frage im deutschen Profifußball ergibt sich aus der Diskussion um die Aufhebung der 50+1-Regel: Sollten professionelle Fußballklubs in Deutschland weiterhin von Vereinen oder von Investoren_innen kontrolliert werden? Vor dem Hintergrund des Stakeholder-Ansatzes erscheinen die bisherigen Untersuchungen der Perspektiven von Fußballklubs und Fußballfans von besonderer Bedeutung. Unberücksichtigt blieben bislang die Investoren_innen als Stakeholder-Gruppe. Aufgrund der Begrenzung ihres Einflusses durch die Regel, der damit einhergehenden unmittelbaren Betroffenheit sowie der zunehmenden Bedeutung von Investoren_innen im deutschen Profifußball werden erstmalig die Perspektiven von Investoren_innen zur 50+1-Regel und deren Zukunft aufgezeigt. Basierend auf den empirischen Ergebnissen werden Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Perspektiven zwischen Fußballklubs, Fußballfans und Investoren_innen aufgedeckt. Sie bilden eine Diskussionsgrundlage, um eine zukünftige Entscheidung hinsichtlich einer Beibehaltung oder Aufhebung stakeholderorientiert beurteilen zu können.

Schlüsselwörter
Sportpolitik, Stakeholder, Investoren_innen, Profifußball, 50+1-Regel

 

Summary
In German professional football there is a central sports political issue that is emerging from the current discussions regarding the retention or repeal of the 50+1-Rule: should professional football clubs in Germany continue to be controlled by their Verein, or instead by investors in the future? When taking into consideration the stakeholder approach, it appears essential to consider the perspectives of football clubs and football fans with regards to this current debate. Due to the 50+1-Rule limiting investors’ influences on the club, as well as the increase in importance and involvement of investors in professional football within recent years, investors’ perspectives concerning the rule and it’s future are now being discussed and identified for the first time. Based on the empirical results, it was revealed that when comparing football clubs, football fans, and investors, a difference in perspectives exists. These results form an important base for discussion to assess the future decision regarding the retention or repeal of the 50+1-Rule in a stakeholder-oriented manner.

Keywords
sport policy, stakeholder, investors, professional football, 50+1-Rule

 

1. Einleitung

Der deutsche Profifußball ist aufgrund der 50+1-Regel durch einen vereinsgeführten Klubfußball geprägt (DFB 1999: 1f.; siehe auch § 16c Nr. 3 der Satzung des DFB und § 8 Nr. 3 der Satzung des Ligaverbandes). Damit lässt sich in Deutschland – im Vergleich zu anderen europäischen Top-Ligen – eine sportpolitische Besonderheit konstatieren, die allerdings zunehmend kritisiert wird. Franck (2010a) sowie Budzinski/Müller (2013) führen beispielsweise die Steigerung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit von deutschen Fußballklubs als zentrales Argument für eine Aufhebung der 50+1-Regel an (siehe auch Szymanski 2010: 39; Wilson et al. 2013: 33; Rohde/Breuer 2017: 286). Demgegenüber hebt Pilz (2011: 22) die symbolische Bedeutung der 50+1-Regel hervor, die sie für die Wahrung der Tradition, der sozialen Wurzeln des Fußballs und für dessen soziale und gesellschaftliche Verantwortung hat. Ergänzend dazu arbeiten Hovemann/Wieschemann (2009) sowie Lammert et al. (2009) die positiven Auswirkungen der 50+1-Regel auf den sportlichen Wettbewerb heraus. Angesichts der aktuell zunehmenden Diskussion um die 50+1-Regel hat die DFL im Februar 2018 eine „ergebnisoffene Grundsatzdebatte“ (DFL 2018) über die Regel und den Umgang mit Investoren_innen angeregt.

Um die sportpolitische Frage hinsichtlich der Beibehaltung oder Aufhebung der 50+1-Regel beantworten und schließlich eine langfristig tragfähige Regulation gewährleisten zu können, erscheint der Stakeholder-Ansatz und die damit verbundene Einbeziehung zentraler Stakeholder von besonderer Bedeutung (Freeman 1984; Donaldson/Preston 1995; Senaux 2008). Empirisch untersucht wurden bislang die Perspektiven von Fußballklubs und -fans (Bauers et al. 2013; Bauers/Hovemann 2018; Pilz 2011). Um die Perspektiven zur 50+1-Regel und deren Zukunft von einer weiteren zentralen Stakeholder-Gruppe erfassen zu können, fokussiert die vorliegende Untersuchung erstmalig die Perspektiven von Investoren_innen von Klubs der Bundesliga, 2. Bundesliga, 3. Liga und der Regionalligen. Durch die Einbeziehung der Investoren_innen wird eine Gegenüberstellung mit den Perspektiven von Fußballklubs und -fans ermöglicht. Es werden Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der Argumentation identifiziert, so dass schließlich erstmalig eine stakeholderorientierte Grundlage für die weitere Diskussion um die Zukunft der 50+1-Regel generiert wird (siehe Abbildung 1). Folgender Aufbau liegt dem Beitrag zugrunde: Der Forschungsstand sowie der theoretische Rahmen sind Gegenstand der Kapitel 2 und 3. Kapitel 4 beschreibt die angewandte Forschungsmethodik. Die empirischen Ergebnisse und deren Diskussion werden im Kapitel 5 dargestellt. Eine Schlussbetrachtung erfolgt im Kapitel 6 in Form eines Ausblicks, aus dem sich ein ergänzender Forschungsbedarf ergibt.

2. Forschungsstand

Die 50+1-Regel war in den vergangenen Jahren bereits Gegenstand einer intensiven Diskussion. Die regulationsorientierten Untersuchungen von Lammert (2008, 2014) sowie Bauers et al. (2015) diskutieren auf Basis einer Analyse des Ist-Zustandes der 50+1-Regel die Effektivität der Regulation. Sie identifizieren eine ausgeprägte Artendiversität und Verbreiterung von Regelumgehungen, wodurch der regulatorische Eingriff der 50+1-Regel nicht effektiv erfolgen kann. In diesem Zusammenhang werden lösungsorientierte Möglichkeiten einer Modifikation der Regel (Hovemann/Wieschemann 2009; Lammert et al. 2009; Lopatta et al. 2014) sowie eine Aufhebung der 50+1-Regel (Kollmann 2009: 8 ff.; Ouart 2010: 55 f.; Scherzinger 2012: 352 ff.; Punte 2012: 257 ff.) diskutiert.

Stakeholderorientierte Untersuchungen zur 50+1-Regel bilden einen weiteren zentralen Pfeiler in der Diskussion um die Zukunft der Regel. Pilz (2011) hebt mit seiner qualitativen Untersuchung der Interessen von Faninitiativen und Interessengemeinschaften organisierter Fußballfans die gesellschaftliche Bedeutung hervor, die der Regel im Zusammenhang von Partizipation und Identifikation von Fußballfans und gesellschaftlicher Integration zukommt. Ebenfalls beschreibt er gesellschaftliche Folgeprobleme, die sich im Fall einer Aufhebung ergeben könnten, wie etwa der mögliche Anstieg der Ticketpreise sowie die weitere Entfremdung der Fans von „ihrem“ Klub (siehe auch FC PlayFair 2017: 32 und 43).

Aufbauend auf der qualitativen Untersuchung von Pilz (2011) identifizieren Bauers et al. (2013) sowie Bauers/Hovemann (2018) – erstmalig mit Hilfe eines quantitativen Ansatzes und der Befragung von Fußballklubs und Fußballfans – sowohl gesellschaftliche und von Tradition geprägte als auch partizipative und wettbewerbsbezogene Argumente für eine Beibehaltung der 50+1-Regel.1 Beispielhaft lassen sich die Argumente „Erhaltung der Identifikation von Fans“, „Bewahrung von traditionellen Besonderheiten“, „Ausschluss einer gleichzeitigen Kontrolle mehrerer Fußballklubs durch einen Investor“ und „Ausschluss einer Fremdbestimmung durch Investoren“ anführen, welche von beiden Stakeholder-Gruppen mehrheitlich genannt wurden. Der Vergleich beider Gruppen zeigt, dass Fußballfans gegenüber Fußballklubs im Wesentlichen die Argumente für eine Beibehaltung häufiger und die Argumente für eine Aufhebung geringfügiger nennen. Diese Tendenz in der Nennung der Argumente spiegelt sich ebenfalls in der Präferenz hinsichtlich der Zukunft der Regel wider, sodass eine unterschiedliche Intensität der Befürwortung der Beibehaltung zu erkennen ist: Eine Beibehaltung befürworten 79% der Fußballklubs und 90% der Fußballfans, eine Aufhebung wird von beiden Gruppen mehrheitlich nicht befürwortet.

3. Theoretischer Rahmen

Vor dem Hintergrund des Stakeholder-Ansatzes (Freeman 1984; Donaldson/Preston 1995; Senaux 2008; García/Welford 2015) steht der Lizenzgeber (DFL, DFB) in Beziehung mit einer Vielzahl von Stakeholdern. Die Stakeholder verfolgen jeweils eigene, teilweise auch konkurrierende Interessen. Hinsichtlich der 50+1-Regel ergibt sich daher für den Lizenzgeber die Herausforderung, die sportlichen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Interessen verschiedener Stakeholder angemessen in seinen Entscheidungen und Handlungen zu berücksichtigen, um die Vermarktung der Liga langfristig zu optimieren (Schellhaaß/Enderle 2000). Um die 50+1-Regel, die Hintergründe der Regel sowie die Perspektive der Investoren_innen von Fußballklubs hinsichtlich der Regel besser nachvollziehen zu können, erfolgt im Rahmen des vorliegenden Kapitels eine interdisziplinäre Darstellung der Themenkomplexe „Partizipation von Investoren_innen“, „Ökonomische Besonderheiten des sportlichen Wettbewerbs“ und „Kommerzialisierung und deren Folgen“.

Partizipation von Investoren_innen

Die Theorie der Institutionenwahl steht im Fokus der vorliegenden Untersuchung (Williamson 1975; Horch 1990; Franck 2000; Dilger 2009). Zentraler Gegenstand der sportpolitischen Diskussion ist die Frage nach der dominierenden Institution eines professionellen Fußballklubs. Grundsätzlich wird zwischen zwei Möglichkeiten differenziert: Es besteht zum einen die Möglichkeit, dass der Mutterverein die Kontrolle über eine ausgegliederte Spielbetriebsgesellschaft ausübt. Dies entspricht einer Beibehaltung der 50+1-Regel. Gemäß der Regel soll die Mehrheit der Stimmrechte (50% + 1 Stimme) der ausgegliederten Gesellschaft beim Mutterverein verbleiben, um den Ausschluss einer Fremdbestimmung durch Investoren_innen zu gewährleisten (DFB 1999: 1 f.; siehe auch § 16c Nr. 3 der Satzung des DFB; § 8 Nr. 3 der Satzung des Ligaverbandes). Bewahrt werden dadurch demokratische Mitbestimmungsmöglichkeiten von Vereinsmitgliedern bzw. Fans in der Mitgliederversammlung des Muttervereins (Roose/Schäfer 2017). Das Interesse an Mitbestimmung existiert aufgrund ihrer emotionalen Bindung und damit verbundenen Loyalität zum Klub. Aus diesem Grund wählen Fußballfans unabhängig von der Qualität des Angebots (Roose/Schäfer 2017: 320) wahrscheinlicher die sogenannte Voice-Option (Hirschman 1970), die sie durch ihr Stimmrecht in der Mitgliederversammlung ausüben können, während nicht-loyale „Kunden“ eher die Exit-Option ergreifen.

In dem beschriebenen Fall können Fußballklubs die Kapitalanteile ihrer ausgegliederten Gesellschaft mehrheitlich an Investoren_innen veräußern. Durch die erwähnte Limitierung der Stimmrechte in der Versammlung der Anteilseigner der ausgegliederten Spielbetriebsgesellschaft erfolgt allerdings eine Verdünnung der Handlungs- und Verfügungsrechte von Investoren_innen (DFB 1999: 1f.). Vor dem Hintergrund der Theorie der Verfügungsrechte (Alchian/Demsetz 1973) haben Investoren_innen jedoch ein Interesse an Partizipation in Form einer Durchsetzung dieser Rechte. Im Fall einer Aufhebung der 50+1-Regel könnte der Weg geebnet werden, dass eine ausgegliederte Spielbetriebsgesellschaft bei entsprechenden Beteiligungen (sukzessiv) autonom vom Mutterverein durch Investoren_innen geführt wird. Eine Realisierung des Szenariums führt zu einer Eigentümerkonzentration und einer Erweiterung der Partizipationsmöglichkeiten von Investoren_innen in Form einer Durchsetzung ihrer Handlungs- und Verfügungsrechte (Alchian/Demsetz 1973; Franck 1995, 2010b; Lammert et al. 2009). Aufgrund der damit verbundenen Etablierung unternehmerischer Hierarchien und der Verdrängung demokratischer Strukturen (Heinemann/Horch 1981; Horch 1988, 1994; Walsh/Giulianotti 2001: 56) erfolgt eine Beschneidung der beschriebenen Partizipation von Fans (Roose/Schäfer 2017).

Ökonomische Besonderheiten des sportlichen Wettbewerbs

Durch die aktuelle Begrenzung der Stimmrechte in der Versammlung der Anteilseigner der ausgegliederten Spielbetriebsgesellschaft erfolgt eine Limitierung der Anreize von Investoren_innen, dem Fußballklub finanzielle Mittel bereitzustellen (Franck 1995, 2010b; Lammert et al. 2009). Diese Limitierung der Investitionsanreize entspricht einer indirekten Regulation von „finanziellem Doping“ (Müller et al. 2012; Schubert/Könecke 2015). Dies begünstigt wiederum die Herstellung normierter Startbedingungen (Schellhaaß/Enderle 2000: 30f.; Müller 2004: 21), um eine Chancengleichheit im Rahmen des sportlichen Wettbewerbs zu ermöglichen. Andernfalls könnten extern hinzugefügte finanzielle Mittel die sportliche Leistungsfähigkeit ausgewählter Klubs steigern (Ziebs 2004; Frick 2005), woraus Beeinträchtigungen der Integrität und Intensität des sportlichen Wettbewerbs resultieren können (Lammert et al. 2009; Hovemann/Wieschemann 2009; Thieme/Lammert 2013). Des Weiteren ist zu konstatieren, dass der Ausschluss der Kontrolle eines Fußballklubs durch einen Investor bzw. einer Investorin Konstellationen von Multi-Club Ownership (Weiler 2006, 2007; Dietl/Franck 2007: 668; Hovemann et al. 2010) sowie einhergehende, potentiell wettbewerbsverzerrende Absprachen (Weiler 2006: 28) und den Aufbau sogenannter Farmteams (Weiler 2006: 253f.) unterbindet. Vor diesen Hintergründen werden die Auswirkungen der 50+1-Regel auf den sportlichen Wettbewerb deutlich. Sofern die Regel aufgehoben oder umgangen wird bzw. das Privileg der Ausnahmeregelung greift, sind entsprechende negative Auswirkungen auf den sportlichen Wettbewerb zu erwarten. Investoren_innen streben die Auswirkungen nicht an, akzeptieren diese als nutzenmaximierende Akteure jedoch (Williamson 1975), da sie an der sportlichen Leistungsfähigkeit des eigenen Klubs interessiert sind.

Kommerzialisierung und deren Folgen

Im Fall einer Aufhebung der 50+1-Regel und der damit einhergehenden Steigerung der Investitionsanreize (Franck 1995, 2010b; Lammert et al. 2009) erfolgt eine weitere Öffnung gegenüber Investoren_innen. Dadurch ergäbe sich die Möglichkeit, wirtschaftliche Zielsetzungen effektiver zu verfolgen (Franck 1995). Die damit verbundene mögliche Zunahme der Kommerzialisierung sowie die Möglichkeit einer Überkommerzialisierung (Bette 1984; Walsh/Giulianotti 2007; Schimank/Volkmann 2008) eröffnen einen Konflikt, in dem sich kommerzielle Einflüsse sowie gesellschaftliche und von Tradition geprägte Aspekte konkurrierend und schwer vereinbar gegenüberstehen (Bette 1984; Heinemann 1990; Walsh/Giulianotti 2007). Dementsprechend sind Beeinträchtigungen hinsichtlich der „Bewahrung von traditionellen Besonderheiten“, „Beibehaltung von ideellen Werten“, „Sicherstellung der Verbindung von Profisport und Breitensport“ und „Erhaltung der Identifikation von Fans“ zu erwarten (Pilz 2011). Eine Beeinträchtigung der Identifikation von Fans resultiert aus dem Umstand, dass ihre gesellschaftlichen und von Tradition geprägten Interessen hinsichtlich der 50+1-Regel (Bauers/Hovemann 2018) im Zuge der Kommerzialisierung zunehmend in den Hintergrund rücken, wobei dies auf die Umverteilung der Klubeinnahmen und der abnehmenden finanziellen Bedeutung der Fans zurückzuführen ist (Walsh/Giulianotti 2007: 15).

1 Klub- bzw. Fanbefragungen, welche ausschließlich auf die Beibehaltung oder Aufhebung der 50+1-Regel eingehen, wurden durch Ernst/Young (2007: 16) sowie Kollmann et al. (2010: 5f.) vorgenommen.

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FuG – Zeitschrift für Fußball und Gesellschaft 1-2019: Fußball und Politik

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