Diversität im aktuellen Spielzeugangebot

Diversity im Spielzeug – wo ist sie und warum fehlt sie? Theoretische, empirische und pädagogische Annäherungen

Wiebke Waburg

ZDfm – Zeitschrift für Diversitätsforschung und -management, Heft 1/2018, S. 49-62

Zusammenfassung
Der Beitrag beschäftigt sich zunächst mit der Frage, wie und auf welche Art und Weise Diversität im
aktuellen Spielzeugangebot berücksichtigt wird. Ergebnisse einer Analyse von aktuellen Spielzeugkatalogen belegen eine sehr einseitige Gestaltung von Spielzeugen (vor allem in Bezug auf figürliches Spielzeug). Fast alle ab- und nachgebildeten Protagonist_innen sind weiß, jung, schlank, gesund und gehen einem attraktiven Beruf nach. Dieses Ergebnis wird unter Rückgriff auf den Intersektionalitätsansatz erklärt. Anschließend wird diskutiert, welchen Beitrag Spielzeuge, die unterschiedliche Diversity-Dimensionen berücksichtigen, zur Sensibilisierung von Kindern für den Umgang mit Vielfalt leisten können.

Schlüsselwörter: Diversity, Spielzeug, Intersektionalität, Vorurteilsbewusste Bildung und Erziehung

Diversity in toys – where is it and why is it missing? Theoretical, empirical and pedagogical approaches

Abstract
The article deals with the question of how and in which way diversity is taken into account in toys currently offered in Germany. Most toys, especially toy figures, are white, without disabilities, slim, young and well trained, they wear stylish clothes and they have attractive jobs. In short, toys mostly reproduce society’s preferred image of a regular person. The intersectionality approach serves as a theoretical framework for explaining these findings. The article also discusses the contribution of toys, which take into account different diversity dimensions, to raising children’s awareness of diversity.

Keywords: Diversity, Toys, Intersectionality, Diversity Education

1 Einleitung

Der Besuch von Spielwarengeschäften, der Blick in Kinderzimmer und Recherchen im Internet verdeutlichen eine zum großen Teil sehr einseitige Gestaltung von Spielzeugen (vor allem in Bezug auf figürliches Spielzeug). Fast alle ab- und nachgebildeten Protagonist_innen sind weiß, schlank und gehen einem attraktiven Beruf nach, bspw. Ärztin/Arzt, Computerspieleentwickler_in (siehe Morais de Souza 2013 für ähnliche Beobachtungen in Brasilien, Belgien, den Niederlanden, Luxemburg und Portugal). Spielzeuge sind extrem gegendert, dies gilt vor allem für solche für Kinder ab drei Jahren.

Die geschlechtsspezifische Gestaltung und Herstellung von Spielzeugen für Mädchen und Jungen hat eine lange Tradition. Es kann von einer kultur- und zeitübergreifenden gesellschaftlichen Nachfrage nach Spielzeug für Jungen und Spielzeug für Mädchen durch Kinder und Erwachsene bzw. Eltern und Pädagog_innen ausgegangen werden. Dabei belegen Spielzeuge jeweils aktuelle Geschlechtsrollenerwartungen. Sie fanden und finden Berücksichtigung im Rahmen einer geschlechtsbezogenen Erziehung (Schleinzer 2010). Hein Retter (1979: 231) zufolge spiegeln insbesondere Puppen gesellschaftlich relevante Normen und Werte wider. Dies lässt sich auf andere Formen figürlicher Spielzeuge (Playmobil-, Lego-, Soldaten- und Ritterfiguren) übertragen.

Allerdings hat in den letzten 20 bis 30 Jahren in Bezug auf Geschlecht eine zunehmende Differenzierung der Spielzeugwelten stattgefunden (Sweet 2014). Neben der bereits angesprochenen Zunahme von geschlechtsspezifischem Spielzeug zeigt sich eine stärkere Sexualisierung von Mädchenspielzeug (siehe zur kritischen Analyse der Barbie Monster High-Serie Etschenberg 2014). Zu beobachten ist des Weiteren eine Abnahme von expliziten, traditionellen Geschlechterdarstellungen – wenngleich diese mit Bezug auf Care-Tätigkeiten und Technikspielzeug immer noch weit verbreitet sind – und eine Zunahme moderner sowie impliziter, fantasiebasierter Geschlechterbilder. Vereinzelt finden sich auch Versuche eher geschlechtsatypische Spielzeuge – bspw. Technikspielzeuge (siehe Abb. 1) – im ‚neuen Gewand‘ zu präsentieren, um das Interesse an diesen Spielzeugen zu wecken. Entsprechende Entwicklungen greifen neue, ‚moderne‘ Weiblichkeitsbilder (qualifizierte, in allen Lebensbereichen kompetente Frauen, siehe Thon 2015) respektive Männlichkeitsbilder (Männer übernehmen selbstverständlich Care-Tätigkeiten in Familie und Beruf) und unterstellte geschlechtsspezifische Vorlieben und Farbpräferenzen auf, um das Interesse der Kinder zu wecken. Dementsprechend tragen die Spielzeuge zur Aufrechterhaltung einer binären Geschlechterlogik bei.[1]

Die Dimension Geschlecht findet in Spielzeugen somit Berücksichtigung (allerdings werden diesbezüglich zwei und nur zwei Geschlechter dargestellt[2]), jedoch gelingt lediglich bei einem Teil dieser Spielzeuge eine wertschätzende und vor allem nicht-stereotypisierende Darstellung. Andere Diversity-Merkmale wie Hautfarbe, Ethnizität, Behinderung, Krankheit, Alter und Schicht werden primär einseitig und entsprechend geltender Normalitätsvorstellungen aufgegriffen. Dieses Desiderat wurde und wird im Rahmen von Elterninitiativen und Internetpetitionen kritisiert (bspw. „Toy like me“ o.J.; Verband binationaler Familien und Partnerschaften o.J.). Die Initiativen verbinden die Kritik mit der Forderung an Spielwarenhersteller_innen, diversity-berücksichtigende Spielzeuge zu produzieren, denn „Kinder brauchen für eine positive Identitätsentwicklung eine Umgebung[,] in der sie sich selbst und ihre Familien wiederfinden können“ (https://diversity-spielzeug.de/ [Zugriff: 26.11.2017]). Entsprechend positiv waren die Reaktionen, als Lego© Anfang 2016 die Einführung einer Figur mit Rollstuhl ankündigte (Spiegel online 2016).[3] Weniger Aufmerksamkeit hat die Einführung der neuen Barbie-Serie „Fashionista“ zum gleichen Zeitpunkt erregt. Die Puppen dieser Linie gibt es in vier Körpervariationen (kurvige, zierliche, große, ‚normale‘ Barbie) „mit 14 unterschiedlichen Gesichtsformen, 22 Augenfarben, 24 Frisuren, 30 Haarfarben und sieben Modestilen“ (Dierig 2016: o.S.).

Die beschriebenen Beobachtungen und Entwicklungen bilden den Ausgangspunkt für die im vorliegenden Beitrag erfolgende Auseinandersetzung mit dem Thema „Diversity und Spielzeug“. Im Anschluss an theoretische Überlegungen zu Spiel und Spielzeug (2.) sowie einer begrifflichen Präzisierung zu Diversity und Spielzeug (3.) werden Ergebnisse einer quantitativen Analyse von Spielzeugkatalogen präsentiert (4.). Im 5. Punkt erfolgt die theoretische Rahmung unter Rückgriff auf den Intersektionalitätsansatz. Der Beitrag schließt mit (spiel-)pädagogischen Überlegungen (6.) und einem Ausblick (7.).

2 Spiel und Spielzeug(‐forschung)

Spielen stellt die Hauptbeschäftigung von Kindern dar. Kinder spielen primär um des Spielens willen, im Spiel werden jedoch auch vielfältige Fähigkeiten erworben und gefördert (Stenger 2014: 267). Ulrich Heimlich (2015: 63ff.) akzentuiert in einer lebensweltorientierten, ökologischen Betrachtung, dass im Spiel Person- und Sozialwerdung des Kindes stattfinden. Personwerdung meint dabei zugleich eine Annäherung an die umgebende Welt und eine Distanzierung von dieser als eigenständige Person. Sozialwerdung bezieht sich auf die Fähigkeit zur Perspektivübernahme, die Entwicklung gemeinsamer Perspektiven mit anderen und eigener Perspektiven, die sich von denen anderer abgrenzen (ebd.). Angesprochen sind somit Entwicklungs- und Lernprozesse. Kognitive, kommunikative und soziale Fähigkeiten, aber auch Geschicklichkeit und Körperkraft entwickeln sich im und durch das Spielen: Spielerisch erproben Kinder sich, inszenieren Identitätsentwürfe, entfalten Bilder von sich selbst und von der Welt, was ihnen nicht zuletzt bei der Bewältigung der Probleme ihres Daseins hilft (Stenger 2014; Hoppe-Graff/Vieweg 2012; Renner 2008).

Das kindliche Spiel ist bezogen auf den lebensweltlichen Kontext, genauer gesagt abhängig von leiblichen, sozialen, räumlichen, zeitlichen und materiellen Aspekten (Heimlich 2015: 77ff.). Zu den materiellen Aspekten zählen vor allem Spielmittel (Retter 1979: 207). Spielmittel sind alle Gegenstände, die zum Spielen genutzt werden. Der Begriff Spielzeug bezieht sich auf Spielmittel, die extra zum Zweck des Spielens hergestellt wurden (Renner 2008: 187). Herbert Gudjons zufolge ist für „die materielle Ausstattung der Kindheit […] das vorgefertigte Spielzeug längst zu einem bedeutenden wirtschaftlichen Teilmarkt geworden, auf dem Konsumverhalten gelernt wird“ (2008: 118; Hervorhebung im Original). Christine Thon (2015) verweist ebenfalls darauf, dass Spielzeug in der Lebenswelt von Kindern große Relevanz für das Spielen, für soziale Prozesse unter Kindern und als etwas, das sie besitzen, zukommt. Zu Hause mit dem eigenen Spielzeug zu spielen, ist für Kinder gegenwärtig die beliebteste Freizeitaktivität. Der World Vision Kinderstudie zufolge spielten 2013 72 % der befragten 6- bis 7-Jährigen häufig zu Hause mit ihrem Spielzeug (Jänsch/Schneekloth 2013: 136). Spielzeug übernimmt dabei zwei zentrale Funktionen: Zum einen stellt es einen Spielanlass dar, trägt zur Aufrechterhaltung des Spielens bei und bereichert das Spielen. Zum anderen  kann es das Zusammenspiel von Kindern unter einem bestimmten Spielthema initiieren, indem diese die Aufmerksamkeit gemeinsam auf das Spielzeug richten (Trawick-Smith et al. 2015: 250). In Abhängigkeit vom Spielzeug und von soziokulturellen Merkmalen der Spielenden zeigen sich Unterschiede beim Spielen (ebd.).

Vor diesem Hintergrund erstaunt es, dass sich seit den 1990er Jahren nur wenige Forschungsarbeiten mit dem Thema Spielen und Spielzeug beschäftigen. Diese Aussage gilt uneingeschränkt für den deutschsprachigen Raum.[4] Anders stellt sich die Lage im englischsprachigen Raum in Bezug auf Veröffentlichungen zu Spielzeug und Geschlecht dar. Hierzu wurden in den vergangenen Jahren kontinuierlich veröffentlicht (bspw. Francis 2010; Freeman 2007). Äußerst eingeschränkt ist die Befundlage auch international unter Berücksichtigung weiterer Diversity-Aspekte.[5]

3 Begriffliche Präzisierungen: Diversity und Spielzeug

Bei der Beschäftigung mit dem Thema „Diversity und Spielzeug“ ist eine begriffliche Klärung notwendig. In einer deskriptiven Perspektive geht es bei Diversity zunächst schlicht um die Wahrnehmung von Unterschieden und die Beschreibung dieser Unterschiede, ihrer Wechselwirkungen und Überschneidungen (Walgenbach 2017; Scherr 2008). Berücksichtigung finden dabei Geschlecht, ethnische Zugehörigkeit, soziale Herkunft, Behinderung, Alter, etc. Ein zentraler Bestandteil des Begriffs bezieht sich auf seinen normativ-präskriptiven Charakter: Aufbauend auf die Wahrnehmung von Differenzen sollen diese anerkannt, wertgeschätzt und als Ressourcen genutzt werden (Schwarzer 2015; Walgenbach 2012, 2017). Zentral ist dabei die Abkehr von einer defizitorientierten und kompensatorischen Ausrichtung auf Unterschiede (Walgenbach 2017: 97). Diskriminierungen und auch Privilegierungen werden explizit fokussiert, wenn Diversity in einer machtkritischen Perspektive verstanden wird. Hierbei geht es um die Analyse gesellschaftlicher Strukturen, durch die Identitäten und Zugehörigkeiten hervorgebracht und mit unterschiedlichen Ressourcenzugängen versehen werden (ebd.).

In Bezug auf Spielzeug und Diversity sind drei Dimensionen zu unterscheiden: (1) diversity-berücksichtigendes Spielzeug: Gemeint ist Spielzeug, das unterschiedliche Diversity-Dimensionen aufgreift, es handelt sich um eine beschreibende, nicht wertende Perspektive. (2) Diversity-gerechtes Spielzeug: Diversity-Dimensionen werden in  wertschätzender und nichtstereotypisierender Weise aufgegriffen. (3) Inklusives Spielzeug kann von allen Kindern, egal welche Voraussetzungen sie mitbringen, bespielt werden. Auf einer anderen Ebene angesiedelt, aber für die Beschäftigung mit dem Thema auch relevant, ist (4) die Frage, welche Rolle die in der jeweiligen Lebenswelt relevanten Diversity-Dimensionen bei der Bewertung und Anschaffung von Spielzeug spielen. Beispielweise geht es hier um milieubezogene Vorlieben für bestimmte Materialien oder schlicht und einfach die Frage, wer sich welches Spielzeug überhaupt leisten kann. Für die im Rahmen des vorliegenden Beitrages präsentierten Überlegungen berücksichtige ich primär die erste und zweite Dimension.

[1] „Wenn die Arbeitsteilung zwischen Frauen und Männern, die herkömmlicherweise die Herstellung von Geschlechterunterschieden institutionalisiert und absichert, an Eindeutigkeit verliert, muss das [Sameness-]Tabu auf andere Art aufrechterhalten werden. Frauen und Männer müssen dann die gleichen Tätigkeiten in der Art und Weise ihres Tuns unterschiedlich verrichten – bspw. indem dazu unterschiedliche Utensilien verwendet werden oder Unterschiede in den Äußerlichkeiten deutlicher hervorgehoben werden“ (Thon 2015: 161).
[2] Eine der wenigen Ausnahmen stellt eine vom Zeichner und Gestalter Noah Klotzsche entwickelte Ankleidepuppe aus Papier dar: „Genderrecycling: Alte Klischees neu kombiniert. Bastel dir ein Individuum“. Es können nicht nur Kleidungsstücke, sondern auch Genitalien ausgeschnitten und unterschiedlich kombiniert werden.
[3] Auffällig ist, dass die Initiativen vordergründig für die Produktion vielfältigeren Spielzeugs plädieren, jedoch eine Diversity-Dimension dabei im Mittelpunkt zu stehen scheint: „toy like me“: Behinderung, Verband binationaler Familien und Paare: Hautfarbe.
[4] Das für den deutschsprachigen Raum insgesamt zu konstatierende Desiderat bildet die Ausgangslage für die Entwicklung des Forschungsschwerpunktes ‚Spielzeugauswahl‘ an der Professur für Pädagogik der Kindheit und Jugend der Universität Augsburg. Unter dem Projekttitel ‚SAKEF‘ werden von Volker Mehringer und mir explorative Studien durchgeführt, in denen unterschiedliche an der Spielzeugauswahl beteiligte Akteure zu Wort kommen bzw. beobachtet werden: Kinder, Erziehungsberechtigte und pädagogische Fachkräfte (siehe https://www.philso.uni-augsburg.de/lehrstuehle/paedagogik/paed3/Forschung_Neu/Laufende_Projekte/SAKEF/ [Zugriff: 26.11.2017]).
[5] Die einzige mir bekannte Veröffentlichung zur Frage, wie sich Kinder beim Spielen mit diversity-berücksichtigendem Spielzeug mit „Konzepten von Körper, Rasse und Geschlecht auseinandersetzen“ (113), stammt von Fernanda Morais de Souza (2013).

* * *

Sie möchten gerne weiterlesen? Dieser Beitrag ist in dem Heft 1/2018 der ZDfm – Zeitschrift für Diversitätsforschung und -management erschienen.

© pixabay 2018, Foto: Alexas_Fotos