Diskriminierungsverhältnisse an deutschen und US-amerikanischen Schulen

ZDfm – Zeitschrift für Diversitätsforschung und -management 1+2-2019: Rassistische Diskriminierung als Handlungsanlass für Schulen und pädagogisch Professionelle. Vergleichende Betrachtungen in deutschen und US‐amerikanischen Schulen

Rassistische Diskriminierung als Handlungsanlass für Schulen und pädagogisch Professionelle. Vergleichende Betrachtungen in deutschen und US‐amerikanischen Schulen

Dorothee Schwendowius

ZDfm – Zeitschrift für Diversitätsforschung und -management, Heft 1+2-2019, S. 14-27

 

Abstract

Der Beitrag geht der Frage nach, in welcher Weise rassistische Diskriminierung an Schulen zum Gegenstand professioneller Reflexion, pädagogischen Handelns und schulischer Entwicklungsstrategien wird. Die empirische Basis bilden Interviews mit Vertreter_innen einer deutschen und einer US amerikanischen Schule. Es wird gezeigt, dass die jeweiligen Deutungen und Bearbeitungen rassistischer Diskriminierung im Kontext individueller schulkultureller Bedingungen, unterschiedlicher historischgesellschaftlicher Entwicklungen sowie aktueller politischer Veränderungen zu lesen sind. Zugleich verweisen beide Fälle auf übergreifende Herausforderungen der pädagogischen Auseinandersetzung mit Rassismen.

Schlüsselbegriffe: rassistische Diskriminierung, Schule, qualitativer Vergleich

 

Racist discrimination as a reason to act for schools and teachers – comparative perspectives on German and US‐schools

This paper examines how racist discrimination in schools is reflected and acted on professionally and institutionally. The analysis is based on interviews with representatives of two schools, one in Germany, and one in the US. The findings suggest that the interpretations of and responds to racist discrimination are embedded in individual school cultures, and must be viewed against the backdrop of different sociohistorical developments and current political changes. Yet, both cases point to overarching challenges regarding pedagogical action focusing on racisms.

Keywords: racist discrimination, school, qualitative comparison

 

1 Einleitung

Angesichts globaler Flucht- und Migrationsbewegungen, anhaltender Bildungsungleichheiten sowie erstarkender rechtspopulistischer Bewegungen und nationalistischer Diskurse gewinnt die Auseinandersetzung mit Diskriminierungsverhältnissen im Bildungssystem wieder an Aktualität. Um Diskriminierung in Schulen entgegenzuwirken, werden im deutschsprachigen Raum seit einigen Jahren verstärkt Strategien und Konzepte diskutiert, die auf eine systematisch differenzsensible und inklusiv angelegte Entwicklung von Schulen in der Migrationsgesellschaft abzielen (vgl. Gomolla bereits 2005; Huxel/Fürstenau 2016; Karakaşoğlu et al. 2017). Im Unterschied zu Versuchen, Bildungsungleichheiten und Diskriminierung durch kompensatorische Zielgruppenansätze und interkulturelles Lernen abzubauen, geraten hierbei auch die Routinen der Organisation selbst, die Ausrichtung curricularer Inhalte und Unterrichtsmethoden sowie die Wissensbestände und impliziten Normalitätsannahmen der Professionellen in den Fokus. Wenngleich solche Ansätze inzwischen Eingang in den bildungspolitischen Diskurs gefunden haben (vgl. KMK 2013) und in manchen Bundesländern auch durch entsprechende Fortbildungen für pädagogische Professionelle flankiert und gefördert werden, ist migrationsgesellschaftliche Schulentwicklung in Deutschland bislang keine flächendeckend etablierte Praxis (vgl. Quehl 2015: 187f.). Unabhängig davon, inwieweit Schulen Strategien differenzreflexiver, diskriminierungskritischer Pädagogik und Schulentwicklung verfolgen, sind (migrations-)gesellschaftliche Differenzverhältnisse ein Bestandteil schulischer Wirklichkeit, an deren Konstruktion die pädagogisch Professionellen und die Schule als Organisation zugleich aktiv beteiligt sind. Wie sich Schulen und Pädagog_innen in ihren Strategien, Konzepten und Praktiken auf Verhältnisse von Diversität und Diskriminierung beziehen und inwieweit darin Ansätze für differenz- und diskriminierungsreflexives Handeln erkennbar werden, stellt dabei zunächst eine empirische Frage dar. Der vorliegende Beitrag geht anhand von zwei Fallbeispielen der Frage nach, wie rassistische Diskriminierungsverhältnisse zum Bezugspunkt für professionelle Reflexion, pädagogisches Handeln und institutionelle Entwicklungsstrategien werden. Das dafür herangezogene Datenmaterial ist im Rahmen eines laufenden DFG-Forschungsprojekts entstanden, in dem die Konstruktion und Bearbeitung migrationsgesellschaftlicher Differenzverhältnisse an Schulen in Deutschland und den USA in einer qualitativen Mehrebenenanalyse vergleichend untersucht wird (vgl. Hummrich/Terstegen 2018).1 Der vorliegende Beitrag stellt dabei die Perspektive der Professionellen ins Zentrum. Die empirische Grundlage bilden Sequenzen aus Leitfadeninterviews mit Repräsentant_innen einer Gemeinschaftsschule und einer High School, in denen diese auf rassistische Diskriminierung an ihrer Schule Bezug nehmen. Ziel der Analyse ist es, kontextspezifische Differenzen sowie fallübergreifende Spannungsfelder der pädagogischen und schulischen Auseinandersetzung mit Rassismus herauszuarbeiten. Im Anschluss an eine theoretische (2) und methodologische Rahmung (3) werden die beiden Fälle vergleichend analysiert (4). Daraufhin werden die pädagogischen Bearbeitungsformen zu den Handlungskontexten der jeweiligen Schulen relationiert (5), bevor einige abschließende Überlegungen für eine diskriminierungskritische Professionalisierung formuliert werden (6).

2 Rassistische Diskriminierung im Bildungssystem – theoretische Einordnungen

Die deutschsprachige sozialwissenschaftliche Debatte um Differenz und Diskriminierung im Bildungssystem der Migrationsgesellschaft hat sich – u.a. infolge der Rezeption postkoloni aller Theorieangebote, Rassismustheorien aus dem anglo-amerikanischen Raum sowie intersektionaler Ansätze – seit Ende der 1990er Jahre ausdifferenziert. In der Folge haben Konzepte und Perspektiven an Bedeutung gewonnen, die den Blick für Strukturen und Praktiken normalisierter und institutionalisierter Diskriminierung und Privilegierung entlang natioethno-kultureller Unterscheidungslinien schärfen, an die auch dieser Beitrag anknüpft: Im Unterschied zu Ansätzen, die rassistische Diskriminierung auf Formen der intentionalen Ungleichbehandlung von Individuen oder Gruppen reduzieren, wird hier ein breites Verständnis von Diskriminierung zugrunde gelegt, das auch Formen der systematischen „Schlechter-Stellung“ (Mecheril 2004: 133) von Personen und Gruppen einschließt, die aus institutionellen Routinen, unhinterfragten Normalitätserwartungen sowie tradierten Wissensbeständen von pädagogisch Professionellen resultieren (vgl. Gomolla 2015; Hormel/Scherr 2010). Bildungsinstitutionen und pädagogische Professionelle sind aus dieser Perspektive unweigerlich in Diskriminierungsverhältnisse involviert (vgl. Riegel 2016: 16ff.). Rassistische Diskriminierung kann als eine spezifische Erscheinungsform von Diskriminierung verstanden werden. Sie ist nicht notwendigerweise an rassistische Einstellungen bzw. extreme politisch-ideologische Überzeugungen Einzelner gekoppelt, sondern knüpft vielmehr an gesellschaftlich etablierte, binär codierte und hierarchisch organisierte Differenzordnungen an, entlang derer zwischen selbstverständlich Zugehörigen und prekär- bzw. Nichtzugehörigen unterschieden wird (vgl. Mecheril 2003). Wie empirische Untersuchungen zeigen, werden Diskriminierungen, die an natio-ethnokulturell codierte Unterscheidungslinien anschließen, im schulischen Kontext auf unterschiedliche Weise reproduziert. Dies geschieht beispielsweise an Schulübergängen, bei denen Zuschreibungen ethnischer und kultureller Differenz in bestimmten Konstellationen zur Begründung diskriminierender Zuweisungsentscheidungen herangezogen werden (vgl. Gomolla/ Radtke 2009; Hofstetter 2016) sowie durch ethnisierende Unterscheidungspraktiken und Adressierungen im Modus kulturalisierender Besonderung in Interaktionssituationen (vgl. z.B. Schwendowius 2016). Darüber hinaus werden soziale und kulturelle Ungleichheits- und Dominanzverhältnisse auch beiläufig durch die monokulturell und monolingual ausgerichtete Organisations- und Personalstruktur der Schule sowie durch Unterrichtsinhalte und -materialien reproduziert, in denen bestimmte Lebensrealitäten nicht oder sehr einseitig repräsentiert werden (vgl. z.B. Marmer/Sow 2015). Neben diesen normalisierten alltagsrassistischen Unterscheidungspraktiken sowie institutionalisierten Formen kultureller Privilegierung und Benachteiligung finden sich (auch) an Schulen Formen verbaler und physischer Gewalt gegen Kinder und Jugendliche, die als ‚Andere’ markiert werden. Die zunehmende Häufigkeit der Berichte über solche Vorfälle in der letzten Zeit muss u.a. vor dem Hintergrund der wachsenden Verbreitung rechtspopulistischer und -extremer, nationalistischer, rassistischer und antisemitischer Haltungen in der ‚Mitte‘ der Gesellschaft (vgl. Zick/Küpper 2015) verstanden werden.

3 Qualitative Fallanalysen als Forschungszugang

Die Frage, wie sich Schulen und pädagogische Professionelle auf rassistische Dominanz- und Diskriminierungsverhältnisse beziehen, wird hier mithilfe eines qualitativ-vergleichenden Forschungsansatzes untersucht. Nicht zuletzt aufgrund der Kritik am methodologischen Nationalismus (Wimmer/Glick-Schiller 2002), infolge derer u.a. die Unterstellung nationaler Differenzen im Vorfeld von Untersuchungen hinterfragt wurde, orientieren sich verglei chende Forschungsansätze seit Längerem nicht mehr ausschließlich an nationalen Analyseeinheiten. So plädiert z.B. Bettina Fritzsche (2013: 193) unter Bezugnahme auf Galton (2001) für Forschungsdesigns, die „intensivere, fokussiertere und lokalisiertere Untersuchungen in örtlich begrenzten Settings“ anstreben. Dafür bieten sich qualitativ-rekonstruktive Zugänge an, die darauf abzielen, das jeweilige Phänomen anhand weniger Fälle zu untersuchen und diese in ihren je konkreten institutionellen, lokalen und politisch-kulturellen Bedingungen in den Blick zu nehmen (vgl. z.B. Vavrus/Bartlett 2017). Für Forschungen im internationalen Raum bergen solche fallanalytischen Vorgehensweisen zweifellos Herausforderungen, aber auch ein besonderes Potenzial, da sie die Forschenden gewissermaßen dazu zwingen, den Fall (sei es z.B. eine spezifische Interaktionssituation, ein pädagogisches Konzept oder eine Organisation) in seiner jeweiligen Komplexität und Gestalt zu rekonstruieren. Gemäß der „Logik des Entdeckens“ (Rosenthal 2014: 13) werden Vorannahmen über mögliche (nationale) Besonderheiten und Differenzen dabei zurückgestellt. Anstatt diese abstrakt vorauszusetzen gilt es, die Bedeutung sozialräumlicher Bedingungen rekonstruktiv zu erschließen. Im vorliegenden Beitrag wird der Untersuchungsgegenstand ‚Bearbeitungsformen rassistischer Diskriminierung’ folglich in seinen fallspezifischen Ausprägungen und Kontextualisierungen in den Blick genommen. Welche Relevanz es hat, dass die Beispiele in verschiedenen (nationalen) Kontexten lokalisiert sind, ist dabei erst empirisch zu beantworten.

1 Projekt „EDUSPACE – Möglichkeitsräume des Umgangs mit Migration in Deutschland und den USA“, geleitet von Prof. Dr. Merle Hummrich.

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