Bevölkerungsentwicklung bis 2060

Szenarien der Bevölkerungsentwicklung bis 2060
Wie beeinflussen Migration und Geburten Deutschlands Zukunft?

Martin Bujard, Kai Dreschmitt

aus: GWP Heft 3/2016

Zusammenfassung

Es galt als sicher, dass die Bevölkerung in Deutschland langfristig altert und schrumpft. Allerdings gibt es neue Entwicklungen: eine Nettozuwanderung von 1,14 Mio. im Jahr 2015 und leicht steigende Geburtenraten. Der Beitrag analysiert mehrere demografische Szenarien bis zum Jahr 2060 und zeigt, welchen Einfluss Zuwanderung und Geburtenanstieg auf die langfristigen Projektionen haben. Die Alterung und ihre vehementen Folgen für die Sozialsysteme bis 2040 sind sicher. Ob Deutschlands Bevölkerungszahl schrumpfen wird, ist dagegen noch völlig offen.

1. Einleitung: Offene Fragen zur demografischen Entwicklung

„Der demografische Wandel bedeutet neben den Fragen der Globalisierung wahrscheinlich die größte Veränderung unseres gesellschaftlichen Lebens, aber auch des persönlichen Lebens jedes Einzelnen in der ersten Hälfte des 21. Jahrhunderts.“ (Bundeskanzlerin Angela Merkel 2012)

Dieses Zitat von Angela Merkel verdeutlicht, dass der demografische Wandel das Megathema der nächsten Jahrzehnte ist. Neben den von ihr genannten gesellschaftlichen Folgen hat er auch weitreichende Konsequenzen für mehrere Politikfelder und die langfristige wirtschaftliche Prosperität Deutschlands. Zentrale Ursache dieses Wandels ist der Geburtenrückgang seit den 1960er Jahren. Über den demografischen Wandel wurde bereits viel geforscht und geschrieben, allerdings sind einige grundsätzliche Fragen heute noch strittig in ihrer wissenschaftlichen und politischen Bewertung. Dazu kommt, dass neue Entwicklungen wie die aktuelle Flüchtlingswelle bisherige Annahmen in Frage stellen.

Für diverse Horrorszenarien im Hinblick auf Pflegesektor, Rentensystem und einer „Entvölkerung“ diente der demografische Wandel als Stichwortgeber. Andererseits werden oft auch die Chancen betont, den gesellschaftlichen Wandel aktiv zu gestalten. Die Umstrittenheit in der wissenschaftlichen Bewertung des demografischen Wandels ist eklatant: So sieht Birg den „demographischen Niedergang Deutschlands“ sowie „Vorzeichen für den Abschied unseres Landes aus seiner tausendjährigen Geschichte“ (Birg 2003: 14). Sinn betont die „problematischen Folgen der demographischen Krise“ und dass die Kinder fehlten, „die Deutschland braucht, wenn es sich als dynamisches Volk und Wirtschaftsnation nicht von der Weltbühne verabschieden möchte“ (Sinn 2013: 21). Diametral dazu sind Einschätzungen wie die von Hondrich (2007: 1), der den Geburtenrückgang für einen „Glücksfall für unsere Gesellschaft“ hält. Straubhaar (2016) argumentiert gegen Untergangsszenarien und bezeichnet die These, wonach die Alterung Deutschlands Wohlstand bedroht, als Mythos.

Fragen zur demografischen Zukunft stellen sich neu infolge der hohen Migration und der Veränderungen der Geburtenrate. Im Jahr 2015 betrug die Nettozuwanderung 1,14 Mio. Menschen infolge der Flüchtlingswelle. Diese Zuwanderung ist mehr als fünf Mal so hoch wie das Geburtendefizit des gleichen Jahres. Auch bei der Geburtenentwicklung sind leichte Anstiege zu verzeichnen, der Tiefpunkt ist bei Frauen des Jahrgangs 1968 mit 1,49 erreicht, die in den 1970er Jahren geborenen Frauen werden knapp 1,6 Kinder bekommen (Bujard/Sulak 2016). Zur Bevölkerungsentwicklung in Deutschland berechnet das Statistische Bundesamt (2015a) langfristige demografischen Projektionen bis ins Jahr 2060. Diese beruhen auf spezifischen Annahmen – insbesondere zu Migration und Geburtenentwicklung.

In diesem Beitrag werden auf Basis langfristiger demografischer Prozesse und der Analyse politischer Reformoptionen einige der zentralen und strittigen Fragen zum demografischen Wandel beleuchtet:

  • Wie sicher sind die demografischen Projektionen bis 2040 bzw. bis 2060?
  • Welchen Einfluss hat die aktuell hohe Zuwanderung langfristig?
  • Was könnte eine Trendwende bei der Geburtenrate bewirken?
  • Zwischen Horrorszenario und Verharmlosung: Wie gravierend sind die Folgen des Geburtenrückgangs?
  • Ist die veränderte Altersstruktur oder die Schrumpfung der Bevölkerung gravierender?

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Sie möchten gerne weiterlesen? Dieser Beitrag ist in dem Heft 3/2016 der GWP – Gesellschaft. Wirtschaft. Politik. erschienen.

© pixabay 2016, Foto: geralt

 

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