Bedürfnis und Konsum

HiBiFo – Haushalt in Bildung & Forschung 1-2020: Vom Bedürfnis zur Resonanz: ein soziologischideengeschichtlicher Exkurs

Vom Bedürfnis zur Resonanz: ein soziologischideengeschichtlicher Exkurs

Stefan Wahlen

HiBiFo – Haushalt in Bildung & Forschung, Heft 1-2020, S. 42-55

 

Bedürfnisse und Bedarfsbereiche in verschiedenen Konsumfeldern nehmen in der Ernährungs- und Verbraucherbildung eine zentrale Rolle ein. Die Konzeptualisierung von Konsum wird in diesem Beitrag ideengeschichtlich reflektiert, um den individualistischen Bedürfnisbegriff kritisch zu hinterfragen und mit dem Resonanzbegriff eine mögliche soziologische Alternative vorzustellen.

Schlüsselwörter: Bedürfnis, Resonanz, Konsum, Ernährung, Soziologie

 

From needs to resonance: a sociological and historical excursion

Needs and areas of need in various consumption fields play a central role in nutrition and consumer education. In this contribution, the conceptualization of consumption is reflected in terms of the history of ideas to critically question the individualistic concept of need and to present a possible sociological alternative with the concept of resonance.

Keywords: needs, resonance, consumption, nutrition, sociology

 

1 Einführung

Die theoretische Konzeptualisierung der Bedürfnisse und des Bedarfs spielen in der Ernährungs- und Verbraucherbildung eine nicht unerhebliche Rolle. Zentral stehen in der Verbraucherbildung die unterschiedlichsten Konsumfelder, wie zum Beispiel Essen und Trinken, Mobilität und Verkehr oder auch Freizeit und Kultur. Diese Konsumfelder leiten sich aus der Befriedigung individueller und sozialer Bedürfnisse her. Die Verbraucherbildung zieht dabei die Haushaltswissenschaften und die Wirtschaftswissenschaften als fachwissenschaftliche Grunddisziplinen und Ausgangspunkte heran (Schlegel-Matthies, 2004, Häußler, 2015). Schon in der frühen Haushaltswissenschaft stellt der Bedarfsbegriff eine grundlegende Analyseeinheit dar. Die oft als maßgebliche herangezogene Definition des Haushalts geht auf Erich Egner (1976) zurück. Dieser definiert den Haushalt in seiner volkswirtschaftlichen Gestalt als „die Einheit der auf Sicherung der gemeinsamen Bedarfsdeckung einer Menschengruppe im Rahmen eines sozialen Gebildes gerichteten Verfügungen“ (Egner, 1976, S. 34). Dabei grenzt er in volkswirtschaftlichem Gusto die Hauswirtschaften von Betriebs- bzw. Produktionswirtschaften ab.

In der durch die Wirtschaftswissenschaften geprägten Haushaltswissenschaft nimmt die Bedarfsdeckung daher einen zentralen Stellenwert ein, welche dann auch ihren Einzug in die Ernährungs- und Verbraucherbildung findet. Die individualistische und an ökonomischen Denkansätzen orientierte Konzeptualisierung der Bedarfsdeckung wird jedoch selten reflektiert und in Frage gestellt. Hier möchte dieser Beitrag verschiedene Ansätze bieten, um durch die Erläuterung der historischen Entwicklung der Konsumforschung den Bedürfnisbegriff besser zu verstehen. Darüber hinaus möchte der Beitrag mit dem soziologischen Resonanzbegriff eine mögliche Alternative aufzeigen und Impulse für eine Weiterentwicklung der Ernährungs- und Verbraucherbildung anbieten. Der Beitrag setzt sich kritisch mit den individualistisch geprägten wirtschaftswissenschaftlichen bzw. psychologisch orientierten Konzepten von Bedürfnissen und Bedarf auseinander. Eine Kritik der ökonomischen Betrachtungsweise fußt auf sozialwissenschaftlichen Ansätzen, deren historischer Entwicklungen und zeitgenössischer Ausprägungen. Zunächst soll kurz erläutert werden, was unter Bedürfnis und Bedarf verstanden werden kann, um sodann vier verschiedene Wellen sozialwissenschaftlicher Ansätze der Konsumforschung zu skizzieren.

Auf diese historischen Überlegungen aufbauend, soll dann im soziologischen Resonanzbegriff eine mögliche Alternative zu bedürfnistheoretischen Ansätzen geliefert werden, um die Beziehung von Subjekten und der Welt im Lichte eines „guten Lebens“ zu betrachten. Im dritten Abschnitt wird der soziologische Ansatz der Resonanz als Weltbeziehung näher betrachtet. Dieser Ansatz hat in den letzten Jahren großes Interesse gefunden. Resonanz ist in zweierlei Hinsicht interessant für die Ernährungs- und Verbraucherbildung: Zum einen könnte Resonanz eine nicht unerhebliche Alternative zum Bedürfnis- und Bedarfsdenken der individualistischen Ansätze darstellen. Zum zweiten ist der Begriff interessant, da im Rahmen einer Resonanzpädagogik bereits erste Schritte gemacht wurden, den Begriff auch für den schulischen Unterricht handhabbar zu machen (siehe Rosa & Endres, 2016). Dies kann in der Kürze leider nur eher kursorisch geschehen und erfolgt in Teilen auch holzschnittartig. Daher soll dieser Beitrag eher als Impuls und Einladung betrachtet werden und zu weiterem Austausch und Diskussion anregen.

2 Konsumforschung und Bedürfnisse – eine kurze Ideengeschichte

Wie schon in der Einführung verdeutlicht wurde, unterscheidet die allgemeine Wirtschaftswissenschaft – im Zusammenhang mit anderen individualistisch orientierten Wissenschaften wie der Psychologie – zwischen Bedürfnissen und Bedarf. Die Bedürfnisse des Menschen werden in diesen individualistisch orientierten Ansätzen als ein entstandener Mangel aufgefasst, zum Beispiel hat ein Mangel an Nahrungsaufnahme zur Folge, dass ein Bedürfnis entsteht, welches landläufig als Hunger bezeichnet wird. Demgemäß kann Bedarf zum einen als Ergebnis objektivierbarer Bedürfnisse definiert werden. Anders ausgedrückt: Wenn diese individuellen Bedürfnisse messbar und in Zahlen ausdrückbar sind, spricht man von Bedarf. Darüber hinaus wird Bedarf in der Ökonomie auch als Synonym für eine am Markt auftretende Nachfrage beschrieben (Kirchgeorg & Piekenbrock, 2018). Dementsprechend kann man Bedarf als eine an (Konsum-)Objekten orientierte Handlungsabsicht beschreiben, die einem bestimmten individuellen Bedürfnis folgt.

Im anglophonen Sprachgebrauch wird weiter unterschieden zwischen „needs“ und „wants“. Diese Konzeptualisierung von „needs“ als Bedürfnisse, die es zu befriedigen gilt und den „wants“ als Wünschen, die eine Begierde zum Ausdruck bringen, deuten auf kontrastierende Modelle menschlichen Handelns. In dieser Unterscheidung sind Bedürfnisse Bestandteile des Nutzens von Komfort und Befriedigung, wohingegen die Wünsche eher mit hedonistischen Konsumzielen assoziiert werden (Campbell,1998).

Die Differenzierung von Bedürfnis und Wünschen folgt unterschiedlichen Rhetoriken und Ideologien, haben aber gemeinsam, dass der Fokus auf individuellem menschlichen Handeln liegt. Über die Unterscheidung von Bedarf und Bedürfnissen hinaus, können auch andere Kategorisierungen als Analyseeinheiten herangezogen werden. Zum Beispiel können Grundbedürfnisse, natürliche Bedürfnisse und gesellschaftliche Bedürfnisse (Kollektivbedürfnisse) unterschieden werden. Eine weit verbreitete, aber auch kritisch diskutierte Klassifikation stammt von Maslow (1943). Er ordnet die Bedürfnisse in physiologische und Sicherheitsbedürfnisse sowie in soziale, individuale und Selbstverwirklichungsbedürfnisse. Diese Bedürfniskategorisierung stammt aus der psychologischen Motivationsforschung. In der Verbraucherbildung finden diese Bedürfnisse dann auch Berücksichtigung. Zum Beispiel differenziert Schlegel-Matthies (2016, S. 83, in Anlehnung an Methfessel, 1996, S. 85) zwischen traditionellen Ansätzen der Ernährungserziehung [sic!] und neueren Ansätzen der Ernährungsbildung. Hier wird in den Leitzielen unterschieden zwischen traditionellem Bedarf, welcher normative Ziele verfolgt. In neueren Ansätzen werden die Bedürfnisse herangezogen, die eine emanzipatorische Zielsetzung innehaben. Auch hier wird auf die wirtschaftswissenschaftliche Konzeptualisierung der Haushaltswissenschaften zurückgegriffen. Soziale und kulturelle Faktoren werden weniger systematisch berücksichtigt.

Eine Kritik an der Konzeptualisierung von Bedürfnissen und Bedarf in der ökonomischen und psychologischen Theoriebildung mit einem Fokus auf das individualistische Konsumsubjekt ist nicht neu und weitläufig bekannt. Einige Aspekte der Kritik sollen dennoch kurz erwähnt werden. Zentral in der Kritik steht häufig die Reduzierung des Konsums auf den Kaufakt und die damit verbundene Orientierung am vorherrschenden Markt-Kauf-Paradigma. Konsum wird dem Einkaufen gleichgesetzt. Einige Aspekte der Kritik sollen dennoch kurz erwähnt werden. Was aber fehlt bzw. wenig Beachtung findet ist eine entsprechende Kontextualisierung in den breiteren sozialen, geographischen, ökonomischen und zeitlichen Gegebenheiten. Ein Einfluss auf die natürliche, aber auch die soziale Umwelt, wird in der individualistischen Theoriebildung weitestgehend ausgeblendet. Die große Mehrheit der individualistischen Ansätze sind darüber hinaus auch ahistorisch: Vergangene Entwicklungen und Einflussfaktoren, die auf Ereignissen und Erfahrungen beruhen, werden nicht berücksichtigt. Die Genese von Bedürfnissen und Bedarf ist aber nicht nur ein nicht vorhandener Untersuchungsgegenstand, sondern wird als gegeben angenommen. Ferner wird individualistisch orientierten Konzeptualisierungen von Konsumsubjekten eine Kosten-Nutzen-Orientierung und Maximierung der Bedürfnisbefriedigung unterstellt (Fridrich et al., 2014). Ebenso wenig wie sich die traditionelle ökonomische und psychologische Theorie mit der Entstehung von Bedürfnissen auseinandersetzt, sind eventuelle Konsequenzen selten von Interesse, zum Beispiel in Bezug auf die persönliche Gesundheit oder eine nachhaltigere Entwicklung.

Über diese individualistischen Ansätze hinaus – und teilweise in Kritik der oben erläuterten Ansätze – hat sich in der breiteren Sozialwissenschaft die Erforschung des Konsums in verschiedenen Wellen entwickelt. Halkier, Keller, Truninger und Wilska (2017) unterscheiden vier verschiedene Wellen der neueren Konsumforschung. In den Nachkriegsjahren hat sich aus den ökonomischen Annahmen und Theoriebildung heraus die sozialwissenschaftliche Konsumforschung entwickelt. In den 1970er und 1980er Jahren haben sich als Kritik an der ökonomisch orientierten Konsumforschung strukturalistische Ansätze entwickelt. Diese nähern sich dem Konsum in kulturellen Symbolsystemen, wie zum Beispiel in Sprache als Zeichensystem. Darauf folgte in der dritten Welle der so genannte „cultural turn“. Hier wurde eine erweiterter Kulturbegriff propagiert, um sich dann in den frühen 2000ern durch eine erneute Wende hin zu sozialen Praktiken und der Materialität des Konsums zuzuwenden (Halkier et al., 2017). Diese Entwicklungen sollen im Folgenden in Bezug auf Bedürfnisse und Bedarf weiter ausgeführt werden und somit aufzeigen, wie sich die Genese von theoretischen Ansätzen der Konsumforschung darstellt, um dadurch die Frage aufzuwerfen, ob es über die ökonomischen und psychologischen Konstrukte Bedürfnis und Bedarf hinaus auch Alternativen gibt.

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