„Mir persönlich liegt ein stärkerer interdisziplinärer und internationaler Gedankenaustausch am Herzen“ – Interview mit Dr. Beate Kortendiek, Mitherausgeberin der Zeitschrift GENDER

Hand bunt

2019 wird die GENDER – Zeitschrift für Geschlecht, Kultur und Gesellschaft 10 Jahre alt! Zu diesem Anlass hat sich die Mitherausgeberin der Zeitschrift Dr. Beate Kortendiek Zeit genommen, uns Fragen zur Geschichte und Zukunft der GENDER zu beantworten.

Dr. Beate Kortendiek
Dr. Beate Kortendiek ©privat

Dr. Beate Kortendiek ist seit 1998 Koordinatorin des Netzwerks Frauen- und Geschlechterforschung NRW, Mitautorin des Gender-Reports über die Geschlechter(un)gerechtigkeit an nordrhein-westfälischen Hochschulen und Herausgeberin der Zeitschrift GENDER sowie der Buchreihe Geschlecht & Gesellschaft. Ihre Arbeitsschwerpunkte liegen in der Vernetzung von Frauen- und Geschlechterforscher*innen an den Hochschulen des Landes NRW, der Hochschul- und Wissenschaftsforschung unter Gender-Aspekten sowie dem Transfer der Ergebnisse aus der Geschlechterforschung in die Fachöffentlichkeit.

 

Wie kam die Idee zur Gründung der Zeitschrift zustande? Was war vor 10 Jahren der Anstoß für die Realisierung dieser Publikation?

Die Gründung ist das Ergebnis einer turbulenten Auseinandersetzung. Als die „Zeitschrift für Frauenforschung und Geschlechterstudien“, die zwischen 1983 und 2009 und damit über 25 Jahre erschienen ist, vom damaligen Kleine Verlag verkauft wurde, standen wir, das Netzwerk Frauen- und Geschlechterforschung NRW und der damalige aktive Redaktionskreis, vor einem „Scherbenhaufen“. Und vor der Frage: wie weiter? Die Geschlechterforschung hatte sich bereits zu einem eigenen Wissenschaftsfeld ausdifferenziert. Und zu einem neuen Wissenschaftsfeld gehört eine eigene Fachzeitschrift. Dies war die Geburtsstunde der Zeitschrift GENDER. Wir kannten Barbara Budrich als Verlegerin bereits über verschiedene Projekte, zum Beispiel über die Buchreihe „Geschlecht und Gesellschaft“, die damals wie heute an der Koordinations- und Forschungsstelle des Netzwerks beheimatet ist, und durch die Zusammenarbeit am ersten „Handbuch Frauen- und Geschlechterforschung“. Wir wussten, dass Barbara Budrich das neue Zeitschriftenprojekt kompetent betreuen würde.

 

Für wen ist die GENDER gedacht? Wer ist die Zielgruppe Ihrer Zeitschrift?

Die Zeitschrift GENDER wendet sich vornehmlich an das Fachpublikum der Geschlechterforschung. Der Titelzusatz einer Zeitschrift für Geschlecht, Kultur und Gesellschaft spricht das Spektrum der Kultur- und Sozialwissenschaften an. Fragen und Probleme der Geschlechterordnung von Gesellschaften (in Europa und der Welt) werden wissenschaftlich bearbeitet. Je nach Themenstellung veröffentlichen wir auch Beiträge aus den Natur-, Technik- oder Lebenswissenschaften, die aus der Perspektive der Geschlechterforschung reflektiert werden. Wir richten uns vorwiegend an die deutschsprachige Forschungscommunity, die allerdings international gut vernetzt ist. Viele Beiträge tragen zum Wissenstransfer in die Praxis bei – der Fokus liegt allerdings auf Wissen generierende Genderforschung.

 

Welche Ereignisse aus der 10-jährigen Geschichte der GENDER sind Ihnen am prägnantesten im Gedächtnis geblieben?

Die Gründungsphase der Zeitschrift und die Verstetigung der Koordinations- und Forschungsstelle – beide waren ebenso aufregend wie anstrengend. Der schönste Moment war im Frühjahr 2017, als im Rahmen der Verstetigung der Koordinations- und Forschungsstelle des Netzwerks Frauen- und Geschlechterforschung NRW die befristeten Stellen der Wissenschaftsredakteurinnen entfristet werden konnten. Es hat mich sehr bewegt und nachhaltig erfreut, als die Kolleginnen endlich „richtige“ Arbeitsverträge in den Händen hielten. Damit sind der hohe Standard und die Weiterentwicklung der Zeitschrift auch zukünftig gesichert.

 

Das Schwerpunktthema der Ausgabe 1-2019 lautet „Hochschule und Gender“. Vor welchen Fragen und Herausforderungen steht die Geschlechterforschung im Hinblick auf Hochschule und Wissenschaft aktuell?

Chancengleichheit im Wissenschaftssystem ist für die Geschlechterforschung noch immer ein zentrales Thema. Neben den strukturellen Faktoren, die Ungleichheit begünstigen, werden aktuell kulturelle Faktoren – wie die Verwobenheit von Fachkultur und Geschlechterkultur – häufiger in den Blick genommen. Es zeigt sich, dass Hochschule und Wissenschaft in alltäglichen Handlungsroutinen sowie auf der erkenntnisgewinnenden Ebene durch einen Gender Bias durchzogen werden. Abgewertet bzw. ausgeblendet wird ganz überwiegend das, was als nicht-männlich im her(r)kömmlichen Sinne kategorisiert wird. Dies zeigt sich besonders deutlich bspw. in der Medizin. Damit greifen ähnliche Mechanismen des Ausschlusses wie in der alten Ordinarienuniversität, aber unter modernisierten Vorzeichen. Die Beiträge des Heftschwerpunkts widmen sich deshalb aktuellen und bereits dauerhaft eingeschriebenen geschlechterbezogenen Ungleichheiten, aber auch Teilhabechancen in der Hochschule.

 

Welche Entwicklungen planen Sie für die Zukunft der Zeitschrift?

Aktuell planen wir eine intensivere Zusammenarbeit mit den Mitgliedern des Beirats der Zeitschrift. Im Rahmen des 10-jährigen Jubiläums laden wir alle Beiratsmitglieder ein, gemeinsam mit den Herausgeberinnen und der Redaktion über die Weiterentwicklung der GENDER zu beraten. Mir persönlich liegt ein stärkerer interdisziplinärer und internationaler Gedankenaustausch am Herzen, der auch die Geschlechterforschung in der Medizin, der Technikwissenschaft und Informatik sowie die Digitalisierung einbezieht. Die Förderung des Wissenstransfers sowohl aus als auch zwischen den einzelnen Fachdisziplinen halte ich für unerlässlich und inspirierend zugleich. Darüber hinaus brauchen wir eine Offenheit gegenüber den aktuellen, vielfältigeren Formen des Publizierens und des Wissenstransfers bezogen auf Print- und Online sowie auf das Veröffentlichen im Open Access. Gerade sind wir mit einem Blog (www.gender-blog.de) an den Start gegangen, den wir wiederum auch für die Zeitschrift nutzen. Wir müssen uns der Möglichkeiten und vielleicht auch der Grenzen zukünftiger Publikationsformen bewusst sein. Mein Wunsch besteht darin, durch Offenheit für Entwicklungsprozesse im Wissenschaftsfeld der Genderforschung weitere Reputation zu erarbeiten und zur Weiterentwicklung dieses dynamischen Wissensgebiets beizutragen.

 

Erscheint bei Budrich:

GENDER Cover 3DGENDER – Zeitschrift für Geschlecht, Kultur und Gesellschaft

 

 

 

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