Mitgliedschaft und Einfluss der Vereinigung der Vertragsfußballspieler (VDV)

Industrielle Beziehungen. Zeitschrift für Arbeit, Organisation und Management 1-2020: Arbeitsbeziehungen im Profifußball: Die Vereinigung der Vertragsfußballspieler

Arbeitsbeziehungen im Profifußball: Die Vereinigung der Vertragsfußballspieler**

Berndt Keller*

Industrielle Beziehungen. Zeitschrift für Arbeit, Organisation und Management, Heft 1-2020, S. 19-44

 

„Sidelined: employment relations in professional sports” (Barry, Skinner & Engelberg, 2016, S. 1)

Zusammenfassung

Der interdisziplinäre Beitrag behandelt erstmalig Stand und Perspektiven der Arbeitsbeziehungen im Profifußball, wobei die Spielergewerkschaft besondere Berücksichtigung findet. Der erste Hauptteil analysiert ausführlich die Mitgliedschaftslogik (Verbandsstrukturen, Mitgliedschaft, Dienstleistungen für Mitglieder als Lösung des Kollektivgutproblems). Dieser umfangreiche Teil der Verbandspolitik ist auf die Besonderheiten des Arbeitsmarktes abgestimmt. Der zweite Hauptteil analysiert die Einflusslogik (Beziehungen zu korporativen Akteuren von sportspezifischer oder allgemeiner Bedeutung sowie Lobbying). Kollektivverhandlungen finden nicht statt, da die institutionellen Voraussetzungen fehlen, so dass die Einflusslogik weniger entwickelt ist als die Mitgliedschaftslogik. Das Fazit lautet, dass die Entwicklung dualer Arbeitsbeziehungen unwahrscheinlich ist, monistische entstehen allenfalls bei einigen Vereinen. In methodischer Hinsicht basiert der Beitrag auf einer umfassenden Dokumentenanalyse aller zugänglichen Verbandsmaterialien sowie Interviews mit Hauptamtlichen des Verbandes.

Schlagwörter: Berufssport, Berufsverband, Berufsfachlicher Arbeitsmarkt, Sektorale Arbeitsbeziehungen

 

Employment relations in professional soccer: The Players’ Union

Summary

For the first time, this interdisciplinary contribution deals with the status and perspectives of  employment relations in professional football, whereby the players’ union is given special consideration. The first main section analyzes in detail the logic of membership (association structures, membership, services for members as a solution to the collective good problem). This extensive part of the association’s policy is tailored to the specifics of the labor market. The second main section analyzes the strategies of the logic of influence (relations to actors of sport-specific or general importance as well as lobbying). Collective bargaining does not take place because the institutional requirements are lacking, so that the influence logic is less developed than the membership logic. The conclusion is that the development of dual employment relations is unlikely, monistic ones develop only in some clubs. From a methodological point of view, the article is based on a comprehensive document analysis of all accessible materials of the association as well as interviews with the full-time officials.

Keywords: professional sports, professional union, professional labor market, sectoral employment relations. JEL: J 49, J 50, J 51, J 53, J 83, L 83

 

1 Einleitung

Die Vereinigung der Vertragsfußballspieler e. V. (im Folgenden VDV) ist die Interessenvertretung der Profifußballspieler. Sie bleibt in der inzwischen breiten sozialwissenschaftlichen Verbands- und Organisationsforschung – erstaunlicherweise oder nicht – unbeachtet, obwohl sie eine seit Jahren nachhaltig prosperierende Branche des Dienstleistungssektors (McKinsey & Company, 2015) organisiert, die großes Interesse in Öffentlichkeit und Medien findet (Goff, 2018) und, wie wir zeigen, relevante Besonderheiten aufweist. Die (deutschsprachige) Forschung über Arbeitsbeziehungen (einführend Keller, 2008; Müller-Jentsch, 2017) befasst sich nicht mit Profisport, etwa dessen korporativen Akteuren und ihren Interaktionen; die angelsächsische Variante (Barry, Skinner, & Engelberg, 2016) klammert die Verbandsebene aus. Die Nachbardisziplinen Sportmanagement/Sportökonomie (Szymanski & Kuypers, 2000; Kuper & Szymanski, 2014) und Sportrecht (De Marco, 2018)1 sind in dieser Hinsicht weiter entwickelt und als integrierte Spezialgebiete ihrer Fächer längst etabliert.2

Bisher liegen keine Beiträge zur VDV vor, sodass unsere interdisziplinär angelegte Analyse Neuland betritt. Sie behandelt die VDV als Gewerkschaft und leistet damit einen Beitrag zu Stand und Perspektiven der Arbeitsbeziehungen im Profisport am Beispiel des Profifußballs, dem in Europa mit Abstand am Weitesten professionalisierten und kommerzialisierten Teilbereich. Konkret: Zu welcher Form von (dualen oder monistischen) Arbeitsbeziehungen und deren weiterer Entwicklung trägt die VDV bei?

Wir beginnen mit der Analyse der internen Strukturen und behandeln anschließend Stellung und Einfluss im System der sektoralen Arbeitsbeziehungen.3 Im Mittelpunkt steht, um es in der Terminologie eines gängigen Paradigmas der Verbands-, insbesondere der Arbeitsbeziehungsforschung zu formulieren (Child, Loveridge, & Warner, 1973; Schmitter & Streeck, 1999), zunächst die Mitgliedschaftslogik („logic of membership“) (Verbandsstrukturen, Mitgliedschaft, Kollektivgutproblem und seine Lösung im vorliegenden Fall) (Kap. 2), anschließend die bisherige und beabsichtigte Einflusslogik („logic of influence“) (Beziehungen zu korporativen Akteuren von sportspezifischer und allgemeiner Relevanz, Lobbying) (Kap. 3). Fazit und Ausblick beschließen den Beitrag (Kap. 4).

In methodischer Hinsicht basiert der Beitrag, der explorativen Charakter hat, zunächst auf einer umfassenden Dokumentenanalyse im Sinne der Inhaltsanalyse aller zugänglichen Verbandsmaterialien der VDV (offizielle Dokumente wie Satzung und Musterverträge, zahlreiche schriftliche Unterlagen wie Broschüren, umfangreiche Internetauftritte,4 verschiedene Jahrgänge der Verbandszeitschrift) sowie auf ausgedehnten Literatur- einschließlich Internetrecherchen mit dem Schwerpunkt auf Arbeitsbeziehungen im Profifußball.

Auf Basis dieser vorbereitenden Arbeiten wurden die Leitfäden für teil-standardisierte Experteninterviews entwickelt, die im Februar/März 2019 mit zwei hauptamtlichen Mitarbeitern geführt wurden. Dabei bilden die jeweils mehrstündigen, getrennt voneinander geführten Befragungen von langjähriger Geschäftsführung und Teambetreuer beide Ebenen der Verbandstätigkeit ab. Im Mittelpunkt standen jeweils Fragen zu den operationalisierten Variablen der bereits erwähnten Mitgliedschaftslogik (Verbandsstrukturen, Mitgliedschaft, private Dienstleistungen für alle Mitglieder bzw. einzelne Mitgliedergruppen) sowie der Einflusslogik (Beziehungen zu externen Akteuren, Verbandsstrategien und Lobbying). Die Interviews ermöglichen eine Überprüfung, Ergänzung und Erweiterung der Erkenntnisse der Dokumenten- und Internetanalyse. Das Ordnungsschema für die Einordnung der zahlreichen empirischen Einzelbefunde ist die für die Untersuchung konstitutive, theoriegeleitete Unterteilung in Mitgliedschafts- und Einflusslogik. Ein weiteres, einstündiges Interview wurde im April 2019 mit dem Betriebsratsvorsitzenden eines Bundesligavereins geführt, um auch die Betriebs- bzw. Vereinsebene der Arbeitsbeziehungen zu eruieren und die Ergebnisse der Befragungen auf Verbandsebene zu ergänzen.

2 Mitgliedschaftslogik

1987 gründeten einige aktive Fußballprofis die VDV. Ihr Aufbau begann erst mehr als ein Jahrzehnt nach dem Start der Bundesliga (im Folgenden BL), die mit der Saison 1963/64 ihren Spielbetrieb aufnahm.5 Der Grund liegt in der Tatsache, dass die mit der Einführung der nationalen Profiliga verbundene Professionalisierung des Fußballs in Deutschland deutlich später als in vergleichbaren Ländern einsetzte (Tomlinson & Young, 2006).

2.1 Verbandsstrukturen

Im deutschen System der Arbeitsbeziehungen dominiert seit der Rekonstruktionsphase nach dem II. Weltkrieg das Organisationsprinzip der Industriegewerkschaft („ein Betrieb, eine Gewerkschaft“). Diese müssen die heterogenen Interessen verschiedener Mitgliedergruppen nicht nur aggregieren, sondern auch intern ausbalancieren bzw. vereinheitlichen und dabei selektieren, um ihre externe Handlungs- bzw. Durchsetzungsfähigkeit zu sichern.

Die VDV hingegen folgt einem anderen Organisationsprinzip, das in Deutschland wie in anderen Ländern ebenfalls eine lange Geschichte hat (Streeck, 2005; Visser, 2012), aber dennoch häufig unbeachtet bleibt: Sie ist eine reine Berufsgewerkschaft, die im Vergleich zu Industrie- oder Multibranchengewerkschaften vergleichsweise homogenen Interessen einer kleinen Zahl von Mitgliedern vertritt und daher mit weniger Abstimmungs- und Koordinationsproblemen konfrontiert ist; Probleme der Logik der Zielformulierung lassen sich leichter klären. Oder, formuliert in der Terminologie eines anderen Paradigmas: Wegen unterschiedlicher Organisationsprinzipien kann die VDV nach Prinzipien exklusiver Solidarität agieren, während Industriegewerkschaften Prinzipien inklusiver Solidarität praktizieren müssen (Hyman, 2001). Die VDV trägt zur Pluralisierung bzw. Ausdifferenzierung der Verbandsstrukturen bei.

Die VDV gehört wie die Mehrzahl der anderen Berufsgewerkschaften (u. a. Vereinigung Cockpit ‒ VC, Marburger Bund ‒ MB, Unabhängige Flugbegleiterorganisation ‒ UFO) keinem gewerkschaftlichen Dachverband an (Deutscher Gewerkschaftsbund ‒ DGB oder Deutscher Beamtenbund und Tarifunion ‒ DBB). Sie kann daher nicht auf entsprechende, durch externe Unterstützungsleistungen generierte Koalitionsmacht zählen. Die VDV hat nach Auskunft ihrer Hauptamtlichen nicht die Absicht, sich einer anderen (Dienstleistungs-)Gewerkschaft anzuschließen, die sich ihrerseits – aus Gründen knapper personeller und finanzieller Ressourcen – nicht um die Organisierung von Profisportlerinnen und –sportlern bemüht. Die Vorteile des Status Quo werden in Eigenständigkeit, (politischer) Unabhängigkeit sowie größerer Flexibilität des Verbandshandelns gesehen.

Weiterhin bestehen keine Pläne, eine einheitliche Interessenvertretung aller Profisportlerinnen und -sportler, also eine Art Branchengewerkschaft des Profisports, zu gründen. Die Organisationsdomäne des VDV ist und bleibt eindeutig abgegrenzt und soll nicht ausgedehnt werden; Überlappungen und dadurch Konkurrenz zu anderen Gewerkschaften bestehen nicht. In vergleichbaren Ländern erfolgt die Organisierung ebenfalls nach einzelnen Sportarten. Durch diese organisatorische Ausdifferenzierung bleibt das intern zu vertretenden Interessenspektrum homogen, seine externe Vertretung wird erleichtert; der Verbandspluralismus nimmt allerdings zu.

Die demokratisch aufgebauten Organe und Organisationsstrukturen (Satzung, Par. 13-24) sind ähnlich wie bei vergleichbaren Verbänden:
‒ Die Spielerversammlung, das höchste Verbandsorgan, besteht aus sämtlichen Mitgliedern; sie nimmt u. a. Wahlaufgaben wahr.
‒ Das Präsidium leitet den Verband und führt seine Geschäfte.
‒ Der Spielerrat, der sich aus Profispielern der vier Profiligen zusammensetzt, berät das Präsidium und ist für die Darstellung der VDV gegenüber Öffentlichkeit und Medien zuständig.

Die ursprünglich ehren-, inzwischen hauptamtliche Geschäftsführung ist für die Erledigung der laufenden Geschäfte zuständig. Die Anzahl der hauptamtlichen VDV-Mitarbeiter liegt im einstelligen Bereich.6 Die personelle Kontinuität vor allem im Präsidium aber auch im Spielerrat ist hoch. Eine weitergehende organisatorische Binnendifferenzierung, etwa in formalisierte Arbeitsgruppen, erweist sich wegen der Verbandsgröße und der eingetretenen Professionalisierung der Arbeit als nicht notwendig.

* Prof. em Dr. Berndt Keller, Windscheidstr. 22, D-45147 Essen. Email: Berndt.Karl.Keller@uni-konstanz.de
Herzlichen Dank schulde ich meinen Interviewpartnern bei der VDV für ihre Auskunfts- und Kooperationsbereitschaft sowie Reinhard Bahnmüller, Till Müller-Schoell und Uwe Wilkesmann für hilfreiche Kritik und Anregungen. Sämtliche Ausführungen liegen in meiner alleinigen Verantwortung.
** Artikel eingegangen am 12.04.2019. Revidierte Fassung akzeptiert nach doppelt-blindem Begutachtungsverfahren: 05.01.2020

1 Seit 2012 besteht sogar eine eigene Schriftenreihe, die ASSER International Sports Law Series (https://link.springer.com/bookseries/8858). Die Sportökonomie verfügt über zwei eigene Zeitschriften: Journal of Sports Economics und International Journal of Sport Finance.
2 Außerdem existiert eine umfangreiche, breit orientierte Literatur zu nationalen und internationalen governance-Problemen des Fußballs auf Vereins- und Ligaebene (Drut & Raballand, 2010, Farquhar, Machold, & Ahmed, 2005, Boillat & Marston, 2016).
3 Die wenigen Veröffentlichungen befassen sich mit speziellen (etwa rechtlichen oder medizinischen) Fragen und sind nicht verbandspolitisch ausgerichtet.
4 https://www.spielergewerkschaft.de/
5 Probleme der frühen Jahre des Profifußballs schildert exemplarisch Woller (2019).
6 Die VDV beschäftigt zwei Geschäftsführer, drei Mitarbeiterinnen sowie drei bis vier Teambetreuer, die arbeitsteilig kooperieren. Externe Experten werden bei spezifischen Problemen (wie Rechtsberatung) hinzugezogen.

* * *

Sie möchten gerne weiterlesen? Dieser Beitrag ist in dem Heft 1-2020 der Industrielle Beziehungen. Zeitschrift für Arbeit, Organisation und Management erschienen.

© pixabay 2020, Foto: moinzon