Familienleben im Zeichentrick

Die animierte Familie. Darstellungen von Familien in Zeichentrickserien

Christopher Studeny, Ulrike Zartler

ZfF – Zeitschrift für Familienforschung / Journal of Family Research, Heft 2/2018, S. 176-193

Zusammenfassung:
Das Angebot an Zeichentrickserien im Fernsehen und damit deren Bedeutung für die Sozialisation von Kindern hat in den letzten Jahrzehnten stark zugenommen. Die Frage, welches Familienbild in diesen Serien im Zeitverlauf transportiert wird, wurde bislang aber nur unzureichend beantwortet. Dieser Beitrag untersucht mittels hermeneutischwissenssoziologischer Videoanalyse, ob sich die Darstellung von Familienbild, Familienleben und elterlichen Rollen in Zeichentrickserien seit den 1980er Jahren verändert hat. Grundlage der Analyse sind jeweils drei Serien aus den 1980er Jahren und drei aktuelle Zeichentrickserien (ab 2000), welche nach den Kriterien Beliebtheit, Laufzeit und Anzahl ausgestrahlter Sendungen ausgewählt wurden. Die Ergebnisse zeigen, dass zwar im Zeitverlauf eine Pluralisierung von Familienformen ersichtlich wird, die Darstellung der Eltern in beiden Untersuchungszeiträumen aber überwiegend an traditionellen Rollenmustern orientiert ist und das Idealbild der Kernfamilie transportiert wird. Bezüglich der Herstellung des Familienlebens rücken in der zweiten Untersuchungsdekade Aspekte der Entgrenzung von Arbeit und Familie in den Vordergrund.

Schlagwörter: Familienbild, Familienleben, Elternrollen, Doing Family, Entgrenzung, Zeichentrickserien, Videoanalyse

 

The animated family. Family life and the roles of mothers and fathers in cartoon series

Abstract:
The number of cartoon series on television and, accordingly, their importance for the socialization of children have strongly increased in recent decades. However, questions about the family image that is transported in these series over time remain to be answered. Based on the knowledge-sociological hermeneutic analysis of videos, this article explores whether the presentation of family images, family life and parental roles in cartoon series has changed since the 1980ies. Data are systematically drawn from three series from the 1980ies and three present series (since 2000), selected along the criteria of popularity, duration and frequency of broadcasting. Results show that although a pluralization of family forms becomes apparent over time, the presentation of parents is still predominantly based on traditional role patterns, and the nuclear family is presented as an ideal. The analysis also reveals that aspects of handling the blurring boundaries of work and family life are more prominent in the present cartoon series.

Key words: family images, everyday family life, parental roles, doing family, blurring boundaries, cartoon series, video analysis

 

1. Einleitung

In den letzten Jahrzehnten wurden Medien immer wichtiger im Alltagsleben von Familien und Kindern. Hatten vor hundert Jahren noch Kinderbücher zentrale Bedeutung für die Sozialisation von Kindern, so kamen seither Medien wie Film, Fernsehen und Internet hinzu. Im Besonderen ist das Fernsehen, das immer noch als das beliebteste Medium von Kindern gilt, ein wichtiger Sozialisationsfaktor (Wegener 2008, Feierabend/Klingler 2015) und das Angebot für Kinder im Fernsehen hat sich in den letzten Jahrzehnten stetig erweitert. Seit der erste Sender im deutschsprachigen Raum, der sich ausschließlich auf die Unterhaltung von Kindern ausgerichtet hat (Nickelodeon), 1995 auf Sendung ging, kamen 16 weitere Sender (u.a. Toggo Plus, Disney Channel, Boomerang, KiKa) hinzu, deren Sendeinhalte speziell auf Kinder abgestimmt sind.

Mit der Anzahl der Sender hat sich auch das Angebot vervielfältigt und ausgeweitet. So strahlen die meisten dieser Sender rund um die Uhr Sendungen für Kinder aus bzw. die Kinder können die Inhalte online auf den Homepages der Sender einsehen und so ihre Lieblings-Zeichentricksendung stets verfolgen. Trotz rückläufiger Nutzungszeiten bei Kindern zwischen drei und dreizehn Jahren ist Fernsehen nach wie vor ein wichtiger Bestandteil ihrer täglichen Freizeitgestaltung (Media Perspektiven Basisdaten 2016; KIM-Studie 2016). So liegt das Fernsehen bei der täglichen Freizeitgestaltung von Kindern zwischen sechs und dreizehn Jahren mit 77% ungeschlagen auf Rang eins (KIM-Studie 2016: 10). Auch bei den beliebtesten Freizeitaktivitäten rangiert das Fernsehen auf Platz drei, nach Treffen mit Freunden und dem Spiel im Freien (KIM-Studie 2016: 13). Zusammenfassend ist Fernsehen ein wichtiger Bestandteil des alltäglichen Lebens von Kindern und hat dadurch – neben Eltern, Familie, Schule und Peergroups – zentrale Bedeutung für ihre Sozialisation.

Medien und insbesondere auch Zeichentrickserien stellen für Kinder nicht nur Unterhaltung dar, sondern Kinder übernehmen Bestandteile aus den Sendeinhalten, die ihr Weltbild beeinflussen (Vollbrecht 2014). Kinder neigen dazu, die fiktiven Personen als Freundinnen und Freunde wahrzunehmen, denn das Fernsehen vermittelt ein Gefühl von Nähe und Intimität und lässt dadurch parasoziale Freundschaften entstehen (Bonfadelli 2004). Dies gilt im Besonderen für Serien, da die Zuseher(innen), in diesem Fall die Kinder, über eine längere Zeit mit den Serienfiguren mitleben können (Bleicher 1999). Kinder nehmen am Leben der Zeichentrickfiguren teil und diese werden umgekehrt Teil der kindlichen Lebenswelt. Die in den Serien agierenden Personen werden so zu Begleiter(inne)n und Vorbildern (Schuegraf 2014).

Trotz der oben genannten Bedeutung von Zeichentrickserien für Kinder wurde die Frage, welches Familienbild in diesen Serien transportiert wird, bislang nur unzureichend beantwortet. Die Bearbeitung dieser Forschungslücke ist höchst relevant, da die mediale Präsentation von Familienbildern Kindern als Vergleichsfolie im Alltag dient. Kinder erhalten durch ihren Medienkonsum Informationen über Familienleben und können durch die Präsentation und Verfestigung von Stereotypen beeinflusst werden (Douglas 2003) – ganz im Sinne der Kultivierungstheorie, wonach Menschen, die regelmäßig einen bestimmten Sendeinhalt konsumieren, diesen als soziale Realität betrachten (Hannover/Birkenstock 2005). Gleichzeitig stellt die Familie im realen Leben neben Schule und Peergroups den wohl wichtigsten Bezugspunkt und die zentrale Sozialisationsinstanz im Leben von Kindern dar (Hurrelmann 2002; Abels/König 2016).

Dieser Beitrag analysiert daher die Darstellung von Familien in Zeichentrickserien und geht der Frage nach, ob sich das dort dargestellte Familienbild seit den 1980er Jahren einem Wandel unterzogen hat. Zudem steht auch die Herstellung von Familie und Familienleben im Blickpunkt der Analyse. Folgende Forschungsfragen werden beantwortet: Wie wird die Familie in Zeichentrickserien der 1980er Jahre und in aktuellen Zeichentrickserien (ab dem Jahr 2000) dargestellt? Welche Gemeinsamkeiten oder Unterschiede zeigen sich hinsichtlich der Darstellung von (a) Familienformen, (b) Mutter- und Vaterrollen sowie (c) der Herstellung von Familienleben? Zunächst werden nun der aktuelle Forschungsstand sowie theoretische Grundlagen präsentiert und anschließend die untersuchten Zeichentrickserien sowie die Analysemethode vorgestellt. Darauf folgt die Präsentation und Diskussion der Ergebnisse.

2. Familiendarstellungen im Zeichentrick

Vorliegende sozialwissenschaftliche Untersuchungen von Zeichentrickfilmen (Thompson/Zerbios 1995; Towbin 2003; Holcomb et al. 2014; Åström 2015) fokussieren inhaltlich häufig auf die Darstellung von Gender und Gewalt (Davis 2003; Baker/Raney 2007; Hubka et al. 2009; Hovdestad et al. 2009; Streiff/Dundes 2017b). Studien zum Thema Familie basieren überwiegend auf der Analyse von Disney-Zeichentrickfilmen, untersuchen jedoch vorwiegend familiale Geschlechterrollen und weniger das familiale Zusammenleben (Tanner et al. 2003; Balraj/Gopl 2013; Holcomb et al. 2015; Åström 2015; Fraustion 2015; Zurcher et al. 2018). Hinsichtlich der Geschlechterrollen zeigen sich demnach große Unterschiede: Männer bekleiden im Disney-Zeichentrick oft die Hauptrolle und werden aktiv und rational handelnd gezeigt, während Frauen eher in kleineren Rollen gezeigt und als emotional, liebevoll, einfühlsam und stark an ihrem Äußeren interessiert dargestellt werden (Thompson/Zerbinos 1995; Gerding/Signorielli 2014). Erst in den letzten Jahren zeigen sich im Disney-Zeichentrick Veränderungen dieser traditionellen weiblichen Stereotype: Weibliche Charaktere werden mitunter wesentlich mutiger und abenteuerlustiger gezeigt als in früheren Filmen (Keys 2016), wie beispielsweise im Film Die Eiskönigin, wo die Hauptdarstellerin Elsa als machtvoll dargestellt wird. Dennoch muss sie als Frau Abstriche machen und kann nicht wie männliche Hauptcharaktere Macht und Liebe vereinbaren (Streiff/Dundes 2017a).

Die in Disney-Filmen dargestellte Familienstruktur entspricht nicht der statistisch darstellbaren Verteilung. So zeigen Zurcher et al. (2018) in ihrer Analyse von 85 Disneyfilmen aus den Jahren 1937 bis 2018, dass 41,3% der dargestellten Familien Einelternfamilien, 19,2% Familien mit Vormundschaft und lediglich 25% Kernfamilien sind. Familie wird in diesen Filmen, unabhängig von ihrer Struktur, als wichtiger und unterstützender Teil des Lebens der Figuren dargestellt (Tanner et al. 2003; Zurcher et al. 2018).

Biologische Mütter werden in Disney-Zeichentrickfilmen marginalisiert und nur selten gezeigt. Wenn sie vorkommen, werden sie als primäre Bezugspersonen der Kinder dargestellt, nehmen eine beschützende Rolle ein und bringen ihren Kindern bedingungslose Liebe entgegen (Tanner et al. 2003; Holcomb et al. 2015). Vermehrt werden auch stark negative bzw. „böse“ Mutterfiguren (häufig sind dies Stiefmütter) gezeigt, deren Charakterzüge wesentlich deutlicher und ausführlicher  präsentiert werden, als wenn „gute“ Mütter in den Geschichten auftreten (Fraustino 2015: 141).

Väter nehmen wesentlich öfter an den im Disney-Zeichentrickfilm dargestellten Handlungen teil als Mütter (Holcomb et al. 2015; Zurcher et al. 2018). Sie werden als liebevolle, aber strenge Charaktere dargestellt, die Autorität gegenüber der Familie ausstrahlen. Die väterlichen Handlungen werden durchaus als aufopferungsvoll gegenüber den Kindern gezeigt, auch wenn Väter in Disney-Filmen eine gewisse emotionale Distanz zu ihren Kindern aufweisen (Tanner et al. 2003). Dies hat sich erst in den letzten Jahren mit Filmen wie Findet Nemo und Himmel und Huhn, in denen Väter emotional offener und hingebungsvoll gezeigt werden, etwas verändert (Brydon 2009; Åström 2015).

Produktionen für Kinder, die nicht aus dem Hause Disney kommen, zeigen etwas weniger traditionelle Ansätze als Disney-Serien bzw. -Filme. So zeigt die Serie Dora ein kleines Mädchen, das spielerisch die Welt erkundet, stereotypische Vorstellungen durchbricht und als abenteuerlustig, mutig und aktiv dargestellt wird (Keys 2016). Hinsichtlich der Vaterrolle wurde der für Kinder produzierte Zeichentrickfilm Wolkig mit Aussicht auf Fleischbällchen analysiert (Åström 2015). Hier wird der Vater nicht – wie in zahlreichen Disney-Produktionen – als autoritär oder als emotional involvierter Kumpel des Kindes gezeigt, sondern als liebevoller Vater: Er kümmert sich um sein Kind und die Beziehung zwischen Vater und Sohn wird immer wieder neu ausgehandelt (Åström 2015).

3. Doing Gender und Doing Family

In der vorliegenden Studie wurde für die Analyse der Darstellung von Mutter- und Vaterrollen in Zeichentrickserien sowohl auf die körperliche Präsentation (Kleidung und Aussehen) als auch, v.a. in Bezug auf Interaktionen und Handlungen der Figuren, auf den Doing-Gender-Ansatz zurückgegriffen (West/Zimmerman 1987). Somit wird Geschlecht als folgenreiche gesellschaftlich reproduzierte Unterscheidung, die in einem sozialen Prozess hervorgebracht und reproduziert wird, betrachtet. Geschlechtszugehörigkeit wird demnach in einem fortlaufenden Handlungsprozess hergestellt und nicht als naturgegeben, sondern als Ergebnis komplexer Prozesse gesehen (Gildemeister 2010).

Um zu analysieren, wie Familienleben in Zeichentrickserien hergestellt, wie Familie gelebt wird und ob in der Präsentation der Herstellung des Familienalltages eine Veränderung festgestellt werden kann, wurde der Doing-Family-Ansatz verwendet, der auf praxeologischen Konzepten basiert (z.B. Dermott/Seymour 2011; Morgan 2011). Im Mittelpunkt steht die Herstellung von Familie als zusammengehörige Gruppe, ihre Selbstdefinition und Inszenierung, welche von praktischen und symbolischen Verschränkungsleistungen individueller Lebensführungen im Kontext von Familie getragen wird (Jurczyk 2018). Zudem stehen Familien, familiales Handeln sowie die Vorstellungen darüber permanent in Relation zu gesellschaftlichen Normen und Wertvorstellungen (Jurczyk et al. 2009). Familie wird demnach nicht als etwas selbstverständlich Gegebenes betrachtet, sondern es müssen aktive Handlungen gesetzt werden, damit sie zustande kommt und erhalten bleibt (Heaphy 2007; Jurczyk 2014). Im Mittelpunkt stehen dabei Handlungszusammenhänge auf individueller und interpersonaler Ebene, im Besonderen die Ebene der alltäglichen Lebensführung. Hierbei ist nicht die Familie oder der Haushalt der Ort der Lebensführung, sondern das Individuum, das permanent Handlungsfelder überschreitet und in verschiedene gesellschaftliche Sphären eingebunden ist (Jurczyk 2014).

Die alltägliche Lebensführung wurde in den letzten Jahren herausfordernder, insbesondere aufgrund fortschreitender Tendenzen der Entgrenzung von Arbeits- und Familienwelt, d.h. der zunehmenden Brüchigkeit, Ausdünnung bzw. Auflösung bis dahin sicher geglaubter Ab- und Begrenzungen von Sphären der Gesellschaft und des persönlichen Lebens (Jurczyk et al. 2009, 2018). Hinsichtlich der Arbeitswelt zeigen sich ein Rückgang von Normalarbeitsverhältnissen, erhöhte berufliche Mobilität und atypische Arbeitszeiten (Jurczyk 2018). Für das Familienleben resultiert dies in einer Ent-Traditionalisierung von Familienbeziehungen und Familienleben, wie zum Beispiel Veränderungen in Geschlechts- und Rollenidentitäten, neue Familienformen (z.B. Patchwork- und Adoptivfamilien) und vermehrte Multilokalität von Familien (Jurczyk et al. 2009). Dies erfordert die aktive Herstellung familialer Kopräsenz und gemeinsamer Familienzeit und zwar durch alle beteiligten Familienmitglieder. Denn durch die Entgrenzung ergibt sich Familie nicht mehr ohne Zutun, sondern sie muss hergestellt werden (Jurczyk 2014).

Jurczyk (2018) unterscheidet zwei Grundformen der aktiven Herstellung von Familie: Vereinbarkeits- und Balancemanagement sowie die Konstruktion von Gemeinsamkeiten. Die erste Grundform umfasst Abstimmungsleistungen und alltägliche Praktiken, die den familiären Alltag funktionieren lassen. Die zweite Grundform geht der sinnhaften Konstruktion von gemeinschaftlichen Beziehungsgefügen nach und teilt sich in drei Unterformen: Grenzarbeit (Abgrenzung, wer zur Familie gehört und wer nicht), We-ness (Herstellung von Intimität und Zugehörigkeit) und Displaying Family (Selbstinszenierung der Familie, insbesondere wenn diese nicht dem gängigen Familienbild entspricht (Finch 2007; Dermott/Seymour 2011; Jurczyk 2018). Für die Herstellung von Familie erweisen sich Rituale und Routinen als Typen von Praktiken besonders relevant. Als zentrales Ritual neben Familienfeiern und Festen (z.B. Geburtstag, Weihnachten) erweisen sich gemeinsame Mahlzeiten. Hier wird aktiv und bewusst Familie inszeniert und diese sowohl nach außen als auch innerhalb der Familie dargestellt. Es wird gemeinsam Zeit verbracht, die Erlebnisse des Tages werden besprochen und gemeinsame Aktivitäten geplant (Keppler 1999; Hagen-Demszky 2006).

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