Maßnahmen für den Übergang an die Hochschule

ZeHf – Zeitschrift für empirische Hochschulforschung 2-2019: „Und das hat RICHTIG geholfen.“ − Wirkungsweisen von Angeboten für den Studieneinstieg

„Und das hat RICHTIG geholfen.“ − Wirkungsweisen von Angeboten für den Studieneinstieg

Elke Bosse, Julia Mergner

ZeHf – Zeitschrift für empirische Hochschulforschung, Heft 2-2019, S. 105-122

 

Zusammenfassung: Hochschulpolitische Forderungen nach höheren Studienerfolgsquoten haben in den letzten Jahren zu vielfältigen Maßnahmen geführt, die den Übergang an die Hochschule unterstützen sollen. Zu den Wirkungen dieser Angebote für den Studieneinstieg liegen bislang nur punktuelle Befunde für einzelne Maßnahmen und Erfolgsindikatoren vor. Für einen näheren Einblick nutzt der vorliegende Beitrag einen qualitativen Ansatz und geht dem komplexen Wirkungszusammenhang von Studieneinstiegsangeboten aus der Sicht von Studierenden nach. Im Zentrum der auf 19 Leitfadeninterviews basierenden Fallstudie steht dabei die Frage, wie die Teilnahme an Studieneinstiegsangeboten zur Bewältigung von Studienanforderungen beiträgt. Mittels qualitativer Inhaltsanalyse werden unterschiedliche Wirkungsweisen rekonstruiert, die sich sowohl aus den individuellen Nutzungsformen als auch aus den Gestaltungsmerkmalen von Studieneinstiegsangeboten ergeben. Die Ergebnisse liefern nicht nur Hinweise für weiterführende Mixed-Methods-Studien, sondern legen für die Praxis nahe, den unterschiedlichen Nutzungsformen mit einem breiten Spektrum an Studieneinstiegsangeboten Rechnung zu tragen.

Schlüsselwörter: Studieneingangsphase, Studienanforderungen, Studieneinstiegsangebote, Wirkungsweisen, Leitfadeninterviews, Qualitative Inhaltsanalyse

 

„And that has REALLY helped.“ – Effects of first-year support programmes in higher education

Abstract: Political demands to improve study success rates have lately led to a variety of programmes that seek to support the transition to higher education. So far though, findings on the effects of these programmes are limited to selected interventions and single success factors. To gain further insights, the present study adopts a qualitative approach and explores the complex effects of first year support programmes from the students’ perspective. Based on 19 semi-structured interviews, the casestudy examines how the participation in first-year support programmes helps students to handle the formal and informal requirements that are characteristic for the first year. Thematic analysis reveals that the students experience different types of effects that depend on both, the individual ways in which students use the programmes and the particular design of the programmes. The findings may not only contribute to future mixed-methods studies but also suggest that a broad range of support programmes is needed in order to meet the students’ individual ways of using first-year support.

Keywords: Transition to higher education, first-year requirements, support programmes, effects, semistructured interviews, thematic analysis

 

1 Einleitung

Im Zuge hochschulpolitischer Forderungen nach einer Steigerung von Studienerfolgsquoten und der sozialen Öffnung von Hochschulen (z.B. Wissenschaftsrat, 2017) hat insbesondere die Gestaltung von Übergängen an die Hochschule an Bedeutung gewonnen. Mit Hilfe von Förderprogrammen, die wie der Qualitätspakt Lehre (QPL) Anreize „zur Ausgestaltung der Studieneingangsphase im Hinblick auf eine heterogener zusammengesetzte Studierendenschaft“ (BMBF, 2010, S. 2) bieten, wurden an zahlreichen Hochschulen Angebote für den Studieneinstieg ausgeweitet bzw. neu eingeführt. Dieser Fokus korrespondiert mit der internationalen Studierendenforschung, die die Relevanz der Studieneingangsphase für den Studienerfolg hervorhebt (Coertjens, Brahm, Trautwein & Lindblom-Ylänne, 2017) und sie sowohl auf individuelle Faktoren als auch auf den institutionellen Kontext zurückführt (Jenert, Brahm, Gommers & Kühner, 2017). Welchen Beitrag Studieneinstiegsangebote in diesem Zusammenhang leisten können, ist allerdings erst in Ansätzen untersucht.

Jüngere Studien an deutschen Hochschulen belegen nicht nur eine allgemein gestiegene Nutzung von Studieneinstiegsangeboten und eine wachsende Zufriedenheit seitens der Teilnehmenden (Bargel, 2015; Grützmacher & Willige, 2016), sondern widmen sich auch spezifischen Effekten ausgewählter Maßnahmen. Untersucht wird beispielsweise, wie Mentoringprogramme die Selbstwirksamkeitserwartung von Studierenden unterstützen (Öhlschlegel-Haubrock, Rach & Wolf, 2014), wie sich Peer-Learning-Ansätze auf das Studier- und Lernverhalten auswirken (Gerholz, 2014) oder wie wirksam Kursangebote zur Förderung studienrelevanter Kompetenzen sind (Schmied & Hänze, 2015). Für einzelne Maßnahmen liefern diese Arbeiten zwar Hinweise auf Zusammenhänge mit ausgewählten erfolgsrelevanten Faktoren. In der letzten hochschulübergreifend angelegten Untersuchung zum Studienabbruch (Heublein et al., 2017, S. 133) konnte für die Teilnahme an Studieneinstiegsangeboten allerdings kein Effekt auf den erfolgreichen Studienabschluss ermittelt werden.

Auch in internationalen Metaanalysen und Forschungssynthesen finden sich allenfalls punktuelle Wirknachweise für ausgewählte Interventionen (Crisp & Taggart, 2013; Robbins, Oh, Le & Button, 2009; Sneyers & De Witte, 2018). Diese Überblicksstudien verdeutlichen zudem, dass die Vielfalt an Maßnahmen und die Unterschiedlichkeit der untersuchten Erfolgsindikatoren einen systematischen Vergleich von Einzelstudien erschweren (Hatch & Bohlig, 2016). Zudem steht die Wirkungsforschung allgemein vor der Herausforderung, der Komplexität hochschuldidaktischer Interventionen gerecht zu werden (Altfeld, Schmidt & Schulze, 2015). Wie Angebots-Nutzungs-Modelle für den Hochschulkontext (Braun, Seidel & Weiß, 2014) zeigen, spielen neben individuellen und institutionellen Faktoren nicht nur die Teilnahme, sondern auch die Art und Weise der Nutzung eine wichtige Rolle für die Wirkung von Studieneinstiegsangeboten.

Der vorliegende Beitrag knüpft hier mit der Frage an, wie Studieneinstiegsangebote von Studierenden genutzt werden und aus ihrer Sicht zum gelingenden Studieren beitragen. Anhand subjektiver Sichtweisen soll der komplexe Wirkungszusammenhang von Studieneinstiegsangeboten möglichst ganzheitlich erfasst werden, um ihre Effekte eingebettet in den Teilnahmeprozess zu beleuchten. Dazu wird zunächst ein Analyserahmen entwickelt, der die Nutzung von Studieneinstiegsangeboten in den Zusammenhang erfolgsrelevanter Faktoren einordnet. Darauf folgt die Darstellung des methodischen Vorgehens, das auf qualitativen Leitfadeninterviews basiert, die im Rahmen der Begleitforschung zum Qualitätspakt Lehre im Projekt StuFHe1 erhoben wurden. Die mit Hilfe der qualitativen Inhaltsanalyse gewonnenen Ergebnisse zu den unterschiedlichen Nutzungsformen und Wirkungsweisen von Studieneinstiegsangeboten werden anhand von Fallportraits vorgestellt und abschließend mit Blick auf ihre Aussagekraft sowie ihre Implikationen für weitere Untersuchungen und die praktische Gestaltung der Studieneingangsphase diskutiert.

2 Analyserahmen für den Wirkungszusammenhang von Studieneinstiegsangeboten

Da Studieneinstiegsangebote den Übergang an die Hochschule erleichtern und längerfristig zum Studienerfolg beitragen sollen, orientiert sich die folgende Untersuchung an der Transitionsforschung und greift zudem Ergebnisse der Studienerfolgsforschung auf. Aus der Transitionsforschung, die Übergänge als „Schnittstelle von individuellen Handlungspotentialen und Bewältigungsvermögen und von gesellschaftlichen Handlungsanforderungen und Rahmensetzungen für mögliche Bewältigungsprozesse“ (Welzer, 1993, S. 137) untersucht, lässt sich zunächst die übergeordnete Analyseperspektive ableiten. So steht das Zusammenspiel der für die Bewältigung des Übergangs an die Hochschule relevanten individuellen und institutionellen Faktoren im Zentrum der Untersuchung. Für den Analyserahmen sind nicht nur diese erfolgsrelevanten Faktoren näher zu bestimmen, sondern zunächst eigene Erfolgskriterien für die Studieneingangsphase festzulegen.

Während Studienerfolg zumeist anhand ergebnisorientierter Kriterien (z.B. Studienabschluss, Studiendauer) definiert wird (Bornkessel, 2018), bietet es sich für die Untersuchung von Studieneinstiegsangeboten an, eine auf den Studienverlauf bezogene Perspektive einzunehmen und gelingendes Studieren anhand der Bewältigung von Studienanforderungen zu erfassen. Denn die Studieneingangsphase zeichnet sich durch besonders verdichtete Anforderungen aus, die „von der selbstständigen Orientierung an der Hochschule und Integration in die Hochschulgemeinschaft, über die Entwicklung eines eigenen Studien- und Lernrhythmus, bis hin zur Aufarbeitung fehlender Vorkenntnisse und Fähigkeiten“ reichen (Heublein et al., 2017, S. 47). Wie eine fächerübergreifende Untersuchung kritischer Studienanforderungen (Trautwein & Bosse, 2017) zeigt, lassen sich aus der Sicht von Studierenden vier Anforderungsdimensionen unterscheiden. Danach gehört die zitierte Aufarbeitung von Vorkenntnissen zu den inhaltlichen Anforderungen, die sich aus den Besonderheiten der Studienfächer und Curricula ergeben. Der Studien- und Lernrhythmus ist dagegen Teil der personalen Anforderungen, wie sie aus der im Studium verlangten Lern- und Selbstorganisation der Studierenden resultieren. Soziale Anforderungen beziehen sich wiederum auf die Integration in die Hochschulgemeinschaft durch studienbezogene Kontakte und Zusammenarbeit, während organisatorische Anforderungen die Orientierung im Hochschulsystem betreffen und sich aus den institutionellen Rahmenbedingungen ergeben. Neben der Bewältigung von Studienanforderungen als verlaufs- und subjektbezogenes Erfolgskriterium umfasst der Analyserahmen ausgewählte Bedingungen für gelingendes Studieren, die sich aus der Studienerfolgsforschung ableiten lassen. Hierzu gehören vor allem individuelle Faktoren, zu denen neben dem Vorwissen z.B. auch Persönlichkeitseigenschaften, Motivation und Lernstrategien zählen (Richardson, Abraham & Bond, 2012). Zugleich sind die Startbedingungen von Studierenden als erfolgsrelevant anzunehmen (Sarcletti & Müller, 2011), die sich aus ihren sozialen Merkmalen und ihrer Lebenssituation (z.B. Bildungsherkunft, Erwerbstätigkeit) ergeben.

Darüber hinaus folgt aus der Hochschulsozialisationsforschung (Huber, 1991), institutionelle Kontextfaktoren wie z.B. Hochschultyp, Fächergruppen und auch Studieneinstiegsangebote in den Analyserahmen aufzunehmen. Dabei kann auf eine im Vorfeld der Untersuchung entwickelte Typologie zurückgegriffen werden, die auf einer Dokumentenanalyse der Selbstdarstellungen von 80 QPL-Projekten und acht ergänzenden Experteninterviews basiert (Bosse & Mergner, 2019). Die ermittelten Angebotstypen fokussieren den Projektdarstellungen zufolge jeweils ein bestimmtes Spektrum an Studienanforderungen, so dass ihnen aus institutioneller Sicht eine spezifische Funktion in der Studieneingangsphase zukommt. Zu den Angebotstypen, die sich im Zuge des QPL besonders verbreitet haben, gehören Angebote zur Vermittlung von Fachwissen (z.B. Brückenkurse), die vor allem inhaltliche Anforderungen fokussieren und der Erweiterung fachlicher Vorkenntnisse dienen. Dagegen adressieren Angebote zur Begleitung im Studieneinstiegsprozess (z.B. Mentoring-Programme) diverse personale, organisatorische und soziale Anforderungen, indem sie den Projektdarstellungen zufolge Lernstrategien und Zeitmanagement behandeln sowie die Orientierung im Hochschulbetrieb und das Kennenlernen von Mitstudierenden fördern. Dazwischen liegen Angebote zur Vermittlung überfachlicher Kompetenzen und wissenschaftlicher Arbeitsweisen (z.B. Workshops zu Lern- und Arbeitstechniken), die sich neben inhaltlichen auch personalen Anforderungen widmen, da sie Themen wie wissenschaftliches Schreiben, aber auch Lernstrategien und Zeitmanagement behandeln.

Insgesamt berücksichtigt der Analyserahmen das Zusammenspiel der genannten Faktoren unter der Annahme, dass sie sowohl die Wahrnehmung von Studienanforderungen als auch die Nutzung von Studieneinstiegsangeboten bedingen und zur Bewältigung von Studienanforderungen beitragen. Dieser Wirkungszusammenhang ist in Abbildung 1 veranschaulicht.

Der Analyserahmen zeichnet sich dadurch aus, dass die für den Studienerfolg als relevant geltenden Faktoren im Zusammenhang mit den für die Studieneingangsphase identifizierten Anforderungen und Angeboten betrachtet werden. Gelingendes Studieren beruht dabei auf der Bewältigung von Studienanforderungen, zu der die Nutzung von Studieneinstiegsangeboten beitragen kann. Um die Rolle von Studieneinstiegsangeboten für gelingendes Studieren näher zu bestimmen, soll der in Abbildung 1 veranschaulichte Wirkungszusammenhang im Folgenden möglichst ganzheitlich untersucht werden. Angesichts der aus institutioneller Perspektive bereits rekonstruierten Funktion von Studieneinstiegsangeboten stellt sich insbesondere die Frage nach ihren Wirkungen aus der Sicht von Studierenden. Ausgehend von den im Analyserahmen aufgezeigten Bedingungsfaktoren soll deshalb untersucht werden, wie die Nutzung von Studieneinstiegsangeboten aus der Sicht von Studierenden zur Bewältigung von Studienanforderungen beiträgt.

1 Das Akronym steht für „Studierfähigkeit – institutionelle Förderung und studienrelevante Heterogenität“. Das Projekt wurde 2014−2018 aus Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung unter dem Förderkennzeichen 01PB14005 gefördert. Die Verantwortung für den Inhalt dieser Veröffentlichung liegt bei den Autorinnen.

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