„Frauen, die eine politische Karriere anstreben, haben immer noch viele Hürden zu überwinden“ – Prof. Dr. Gabriele Abels im Interview

Statue Justitia Waage Schwert Augenbinde

Am 12. November 1918 wird das Frauenwahlrecht in Deutschland eingeführt. Vor 100 Jahren, am 19. Januar 1919, durften Frauen dann erstmalig im Rahmen der Deutschen Nationalversammlung wählen und selbst gewählt werden. Die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift für feministische Politikwissenschaft Femina Politica widmet sich diesem wichtigen Jubiläum. Zu diesem Anlass war Prof. Dr. Gabriele Abels, Mitherausgeberin der Zeitschrift, so freundlich, sich Zeit für ein Interview zu nehmen.

 

Portrait Prof. Dr. Gabriele Abels
Prof. Dr. Gabriele Abels, ©Alexander Kobusch

Bevor wir mit dem Interview beginnen, hier ihre Kurzvita:

Promotion 1999, Habilitation 2006. Frau Dr. Abels ist seit 1995 Mitherausgeberin der Femina Politica: Zeitschrift für feministische Politikwissenschaft. Seit 2007 Professorin für politische Systeme Deutschlands und der EU sowie Europäische Integration am Institut für Politikwissenschaft, Universität Tübingen. 2011 wurde sie zur Jean Monnet-Professorin ernannt und war von 2012-2015 Vorsitzende der Deutschen Vereinigung für Politische Wissenschaft (DVPW).

 

Am 19. Januar 1919 konnten Frauen bei den Wahlen zur Deutschen Nationalversammlung zum ersten Mal ihre Repräsentant*innen wählen und auch selbst kandidieren. Wie gestaltet sich aus Ihrer Sicht heute, 100 Jahre später, die politische Gleichheit von Frauen?

Mit dem aktiven und passiven Wahlrecht haben Frauen de jure (also rechtlich) die politische Gleichheit erhalten. Und zweifelsohne wurden v.a. seit den 1980er Jahren gravierende Erfolge erzielt. Gleichwohl: Faktisch sind Frauen immer noch in politischen Institutionen unterrepräsentiert, d.h. in Parlamenten, Regierungen und anderen politischen Spitzenpositionen – und zwar von der kommunalen, über die Landes- bis zur Bundes- und auch auf der EU-Ebene. Frauen, die eine politische Karriere anstreben, haben immer noch viele Hürden zu überwinden. Sei es die Konfrontation mit Stereotypen (zuletzt war die Diskussion um Annegret Kramp-Karrenbauer als mögliche Kanzlerinnennachfolge hierfür ein gutes Beispiel), sei es die in den Parteistrukturen fixierten männlichen Rekrutierungsnormen (z.B. die zeitliche Verfügbarkeit, Abendsitzungen), seien es andere formelle und informelle Normen in Parlamenten (z.B. keine Elternzeit für Abgeordnete) – um nur einige Hürden zu nennen.

 

Konnte die Frauenquote in der deutschen Politik etwas bewegen? Wie bewerten Sie diese Quotenregelung?

Erst seit den 1980er Jahren hat sich der Frauenanteil in den Parlamenten in Deutschland erhöht. Am Bundestag wird dies sehr schön deutlich. Erst nach dem Einzug der Grünen, die von Anfang an eine 50% Quote mit Reißverschluss-Verfahren hatten, erhöhte sich allmählich der Anteil der Frauen unter den Bundestagsabgeordneten und stieg auf über 10% an. Andere politische Parteien sind dem Beispiel gefolgt. Der Rückgang von Frauen im aktuellen Bundestag von vorher 37% auf nun 31% liegt daran, dass die Parteien ohne (AfD, FDP) bzw. mit schwachen Quoten (CDU/CSU) viele Mandate gewonnen haben. Insofern: Ja, die Quote hat eindeutig was bewirkt. Sie ist aber auch kein Allheilmittel gegen Diskriminierung und von einer 50:50 Parität sind wir nach wie vor weit entfernt. Hierfür würde es wohl einer gesetzlichen Vorgabe bedürfen, wie sie derzeit intensiver – und zumeist mit Verweis auf eine entsprechende Regelung in Frankreich – diskutiert wird.

 

Mit Angela Merkel hat seit 2005 eine Frau das Kanzler*innenamt inne. Hat dies aus Ihrer Perspektive etwas für die politische Gleichheit von Frauen bewirkt? Sehen Sie Aspekte, die Frau Merkel aus feministischer Perspektive hätte „besser“ machen können?

Frau Merkel hat durchaus einiges bewirkt. Sie hatte anfangs sehr stark mit Stereotypen zu kämpfen; im Wahlkampf 2005 hieß es noch „Kann-die-dat“. Sie hat in mehr als 13 Jahren bewiesen: Eine Frau kann Kanzler. So gut, dass ihr möglicherweise eine zweite Frau nachfolgen wird. Insofern hat sie viel für die politische Gleichheit erreicht. Sie hat sich auch jüngst (auf dem Festakt zu 100 Jahre Frauenwahlrecht) explizit für die Forderung nach echter Parität ausgesprochen. Allerdings fällt ihre tatsächliche Bilanz weniger positiv aus. Sie hat Quotenforderungen in ihrer Partei oder auch für andere Spitzenpositionen nicht aktiv unterstützt und durchgesetzt. Insofern ist die gleichstellungspolitische Bilanz der Kanzlerin als „heimlicher Feministin“ durchaus durchwachsen. Hier wäre mehr aktives Engagement möglich gewesen.

 

Welchen Herausforderungen stehen Forschung und politische Praxis in Bezug auf die politische Gleichheit von Frauen gegenüber?

Frauen sind nicht gleich Frauen. Will sagen: Von Frauen zu sprechen, als seien sie eine homogene Gruppe, ist eine problematische Konstruktion. Sie kann essentialistisch sein, insofern sie qua Geschlecht gegebene gemeinsame Erfahrungen etwa von Diskriminierung unterstellt. Faktisch gibt es sehr unterschiedliche Gruppen von Frauen bzw. es gibt weitere soziale Kategorien wie Klasse/Schicht, Behinderung, sexuelle Identität, Ethnizität etc., die mit der Kategorie Geschlecht zusammenwirken. So sind nicht nur Frauen als Großgruppe unterrepräsentiert, sondern soziale Herkunft hat z.B. einen wichtigen Einfluss auf die Möglichkeit politischer Karrieren – egal ob für Frauen oder Männer. Konkret: Für mich als gutverdienende und gut vernetzte Professorin wäre es wohl einfacher, eine politische Karriere zu machen (wenn ich dies denn anstreben wollen würde), als wenn ich als Frau in einem der vielen schlechtbezahlten Teilzeitjobs etwa als Reinigungskraft tätig wäre.

Für die Forschung, aber auch für die Praxis, bedeutet dies, dass das Zusammenwirken unterschiedlicher sozialer Kategorien (Intersektionalität) in seiner Bedeutung für politische Karrieren berücksichtigt und untersucht werden muss. Parteien müssen, wenn sie unterrepräsentierte Gruppen fördern wollen, komplexere Instrumente entwickeln. Wie kann ich als Partei etwa auch die schlechtbezahlte, hart arbeitende Reinigungskraft erreichen und mobilisieren, um nicht nur über sie zu sprechen, sondern um sie selber zu Wort kommen zu lassen und zu „empowern“.

 

Welche(n) Themenbereiche(n) politischer Gleichheit für Frauen wird aus Ihrer Sicht in der aktuellen Forschung (noch?) zu wenig Beachtung geschenkt und aus welchem Grund?

Für die Forschung ist es sehr wichtig, zum einen die genannte Intersektionalitätsperspektive systematisch in der Repräsentations- und Partizipationsforschung zu berücksichtigen. Hier stehen wir noch relativ am Anfang. Erste Studien untersuchen z.B. die Wege von eingebürgerten Migrantinnen in die Politik. Hierfür müssen auch die Methoden zur Erforschung von Intersektionalität weiterentwickelt und für die Partizipationsforschung fruchtbar gemacht werden. Zum anderen muss die Verknüpfung von deskriptiver Repräsentation mit substantieller Repräsentation erforscht werden. Hierbei geht es darum zu ergründen, ob es überhaupt und welchen Unterschied es macht, wenn mehr Frauen in Parlamenten sind. Welche Interessen vertreten sie? Wie verändern sie die Politik? Wie gehen sie damit um, dass an sie teils hohe Erwartungen für einen Wandel gestellt werden? Die Erwartungen an das jüngere, weiblichere und „buntere“ Repräsentantenhaus in den USA, als Ergebnis der Wahlen vom November 2018, sind hierfür ein Beispiel. Auch zu diesem Komplex gibt es in den letzten Jahren erste Forschungsergebnisse. Hier brauchen wir noch weitere vergleichende Forschung, die ebenso Strukturähnlichkeiten wie auch spezifische nationale Kontext berücksichtigt.

 

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