„Der forschende Blick hat sich verändert.“ – 5 Fragen an Lotte Rose und Elke Schimpf

5 Fragen an unsere Autor*innen Verlag Barbara Budrich

Unsere Autorinnen Lotte Rose und Elke Schimpf haben sich anlässlich der Publikation Ihres Buches Sozialarbeitswissenschaftliche Geschlechterforschung. Methodologische Fragen, Forschungsfelder und empirische Erträge Zeit für unsere 5 Fragen genommen.

 

Zum Buch:

Sozialarbeitswissenschaftliche Geschlechterforschung liefert Erkenntnisse zur ordnenden und regulierenden Macht von Geschlecht und Sexualität. Mit dieser Publikation erfolgt erstmals eine explizite Auseinandersetzung mit Methodologien und Forschungsmethoden der sozialarbeitswissenschaftlichen Geschlechterforschung. Im Kontext unterschiedlicher Forschungsfelder der Sozialen Arbeit zeigen die Autor*innen exemplarisch auf, welche Forschungszugänge genutzt werden und wie Geschlechterverhältnisse und Sexualität als Forschungsgegenstand (re-)konstruiert und analysiert werden können.

Kurzvita Lotte Rose, Dr. phil:

Rose, Lotte

  • seit 1997 an der Frankfurt University of Applied Sciences im Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit als Professorin tätig
  • Leiterin des Gender- und Frauenforschungszentrums der Hessischen Hochschulen (gFFZ)
  • diverse Forschungen und Publikationen im Feld der Gender Studies, Human Animal Studies, Food Studies und Fat Studies

Schimpf, Elke

Kurzvita Elke Schimpf, Dr. rer. soc:

  • seit 1997 an der Evangelischen Hochschule Darmstadt im Fachbereich Sozialarbeit/Sozialpädagogik als Professorin für Soziale Arbeit tätig
  • Mitglied der Fachlichen Leitung des Gender- und Frauenforschungszentrums der Hessischen Hochschulen (gFFZ)
  • Forschungsprojekte zum Gender_Wissen in der Sozialen Arbeit, Gründer*innen von Fachhochschulen und Publikationsbeiträge zum alltags- und lebensweltorientierten Forschen‚ ‚verräumlichten‘ Geschlechterverhältnissen und Sozialen Medien als Konfliktarena

 

1) Liebe Frau Rose, liebe Frau Schimpf, bitte fassen Sie den Inhalt Ihrer aktuellen Publikation Sozialarbeitswissenschaftliche Geschlechterforschung für unsere Leser*innen zusammen.

ES: Inhaltlich geht es in der Publikation um eine geschlechtertheoretische Auseinandersetzung mit der Praxis Sozialer Arbeit, mit Professionalisierungsdiskursen, Impulsen aus Care-Theorien und methodologischen Fragen. Diskutiert werden veränderte Ansprüche und Ziele einer frauen- und genderpolitischen Forschung der letzten Jahrzehnte. Beispielhaft wird auch gezeigt, wie Geschlecht als machtkritische Wissenskategorie in der empirischen sozialarbeitswissenschaftlichen Geschlechterforschung in den Blick genommen und analysiert werden kann.

LR: Wir haben in dem Sammelband historische Untersuchungen und viele, die sich den Geschlechterkonstruktionen in der Sozialen Arbeit widmen. Unter der Autor*innen sind manche ‚altbekannte‘ Geschlechterforscherinnen, aber auch viele junge, neue. Damit ist der Band so eine Art Bestandsaufnahme zur aktuellen Forschungssituation, auch wenn sie natürlich keineswegs vollständig ist. Da gibt es noch einiges mehr. Wir können sehen, wie sich der forschende Blick verändert hat – nämlich weg von der Frauenforschung und hin zur Geschlechterforschung. Wir können aber auch sehen, wie sich Gegenstände verändert haben – nämlich weg von der parteilichen Praxisforschung und weg von Frauenbenachteiligung und Gewalt gegen Frauen hin zu methodologischen Fragen der Konstruktion von Geschlecht in Forschung und Praxis und hin zu sozialpädagogischen Feldern.

 

2) Wie kamen Sie auf die Idee, dieses Buch zu schreiben? Gab es einen „Stein des Anstoßes“?

LR: Stein des Anstoßes war eine Tagung, die vor zwei Jahren zur Genderforschung in der Sozialen Arbeit stattfand und auf der viele neue spannende Studien in Feldern der Sozialen Arbeit vorgestellt wurden. Zudem war es das erste Mal, dass sich Genderforschende explizit unter dem gemeinsamen Dach der Sozialen Arbeit versammelten. Ansonsten ist es ja eher so, dass die sozialarbeitswissenschaftliche Genderforschung auf erziehungs- oder sozialwissenschaftlichen oder sozialpädagogischen Tagungsbühnen ‚eingemeindet‘ ist. Mit dem Sammelband wollten wir diesen Impuls der Markierung einer sozialarbeitswissenschaftlichen Geschlechterforschung verstärken.

ES: Mich hat vor allem die Podiumsdiskussion angeregt, die wir am Ende dieser Tagung hatten und die sich mit der Frage beschäftigte, was die Merkmale einer sozialarbeitswissenschaftlichen Geschlechterforschung sind. Dieser Frage wollten wir mit dem Buch systematischer nachgehen.

 

3)  Welche neuen Perspektiven können Geschlechterforschung und geschlechtertheoretische Überlegungen aus Ihrer Sicht zum Professionalisierungsdiskurs in der Sozialen Arbeit beisteuern?

ES: Geschlechterforschung und queertheoretische Perspektiven verweisen auf Zusammenhänge geschlechtlicher Arbeitsteilung und einer vergeschlechtlichten Professionsentwicklung in der Sozialen Arbeit. Personenbezogene Dienstleistungen werden häufig ‚geschlechtsneutral‘ untersucht, wodurch Geschlechterordnungen verdeckt bleiben.

LR: Wenn wir mehr dazu wissen, sensibilisiert dies für die vielen banalen Vorgänge der Herstellung von Geschlechterordnungen im Praxisalltag des Berufes wie auch der Hochschulen. Das sind Vorgänge, die wir als Handelnde i.d.R. gar nicht wahrnehmen können, die sich sozusagen hinter unserem Rücken vollziehen und dies selbst dann, wenn wir meinen, dass wir qualifiziert sind für Geschlechterfragen. Entsprechende Forschungen helfen uns dabei, uns vom Alltag zu distanzieren und das zu begreifen, was wir ansonsten kaum registrieren, geschweige denn begreifen können.

 

4) Ihr Buch Sozialarbeitswissenschaftliche Geschlechterforschung in einem Satz:

ES: Sozialarbeitswissenschaftliche Geschlechterforschung verfügt über einen breiten Fundus an Gender_Wissen und vielfältigen interdisziplinären Bezügen und v.a. spannenden empirischen Erkenntnissen aus unterschiedlichen Handlungsfeldern der Sozialen Arbeit, die zur Diskussion gestellt werden.

LR: Es gibt nach der Konjunktur der Frauenforschung jetzt eine reichhaltige Geschlechterforschung in Feldern der Sozialen Arbeit, die aber nicht unbedingt eine sozialarbeitswissenschaftliche Geschlechterforschung ist.

 

5) Darum sind wir Autor*innen bei Budrich:

LR: Einen Sammelband zu produzieren ist mit vielen ätzenden Arbeitsaufgaben verbunden, bei denen man als Herausgeberin oft genug das Projekt verflucht. Da ist sehr schön, wenn man im Verlag mit Menschen zu tun hat, die bereit sind, bei Problemen zuzuhören und sich schnell und unkompliziert zu kümmern.

ES: Unsere Ansprechpartnerinnen im Verlag haben uns bei dem oftmals mühsamen Arbeitsprozess immer wieder ermutigt, bei Konflikten beraten und mit uns gemeinsam nach konstruktiven Lösungen gesucht.

 

Im Budrich-Shop kaufen:

3D Cover Rose SchimpfLotte Rose, Elke Schimpf: Sozialarbeitswissenschaftliche Geschlechterforschung. Methodologische Fragen, Forschungsfelder und empirische Erträge

Reihe Theorie, Forschung und Praxis der Sozialen Arbeit, Band 19

 

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