„Die bisherigen technologischen Revolutionen haben immer auch Soziale Fragen aufgeworfen.“ – 5 Fragen an Stefan Paulus und Bettina Grubenmann

5 Fragen an unsere Autor*innen Verlag Barbara Budrich

Zum Buch:

Die Soziale Frage ist gleichermaßen historisch gewachsen wie hochaktuell. Die Soziale Frage 4.0. Eine soziohistorische Einführung für die Soziale Arbeit heute erörtert in gesellschaftsanalytischer Herangehensweise, welche Rolle Soziale Arbeit in der sozialen Entwicklung einnimmt und einnehmen könnte. Es werden in diesem Kontext die einzelnen Anzeichen sozialer Ungleichheit aufgegriffen: Erwerbslosigkeit, Leiharbeitsmodelle, steigendes Armutsrisiko, Schulden, Obdachlosigkeit, Prekarität in den Industrienationen bis hin zu Massenverelendungen.

Wir haben den Autor*innen Prof. Dr. Stefan Paulus und Prof. Dr. Bettina Grubenmann 5 Fragen zum Buch und zu ihrer Person gestellt.

 

Kurzvitae:

Portrait Stefan PaulusPortrait Bettina GrubenmannStefan Paulus, Prof. Dr. rer.pol, beschäftigt sich mit subjekt- und arbeitswissenschaftlichen Themen im Institut für Soziale Arbeit und Räume der FHSG, St. Gallen.

Bettina Grubenmann, Prof. Dr. phil. lehrt und forscht u.a. zu historischen Zugängen in der Sozialen Arbeit am Fachbereich Soziale Arbeit der FHSG, St. Gallen.

Gemeinsam sind wir im Fachbereichsgremium Sozialen Frage der FHSG, welches sich mit Implikationen für eine künftige Soziale Arbeit in Lehre, Forschung, Weiterbildung und Dienstleistung befasst.

 

1) Lieber Herr Paulus, liebe Frau Grubenmann, bitte fassen Sie den Inhalt Ihrer aktuellen Publikation Soziale Frage 4.0 für unsere Leser*innen zusammen.

In dieser Publikation gehen wir auf die Soziale Frage ein, um das Verhältnis von Gesellschaft und Individuum zu bestimmen und dementsprechend die Soziale Frage als Ausdruck gesellschaftlicher Leidensfragen von Individuen zu verstehen. Es werden in diesem Zusammenhang auch Fragen bezüglich gesellschaftlicher Funktionen und konkreter Aufgabenbereiche der Sozialen Arbeit neu aufgeworfen. Wir wollen allerdings keine abschließenden Antworten geben, sondern den Diskurs um gesellschaftliche Herausforderungen bereichern; dies in der Hoffnung, dass weitere Interessierte, Studierende, Lehrende, Forschende oder Kolleg_innen mit ihrer Arbeit am und im Sozialen angeregt werden, die Soziale Frage – als Artikulation von kollektiven Wünschen an eine andere Zukunft – zu untersuchen und darüber zu debattieren, aber vor allem auch, dass sie handlungsfähig werden.

Im Zeitverlauf betrachtet lassen sich in allen historischen Phasen der kapitalistischen Transformation ähnliche ökonomische Produktionsmechanismen und Leidensformen sowie Formen der Solidarität und Selbstorientierung entdecken. Wir haben diese Leidensfragen anhand von vier historischen Phasen und ihren prägenden Auswirkungen gegliedert:

  1. Mechanisierung in der Industrialisierung
  2. Massenproduktion durch Fließbandarbeit im Fordismus
  3. Automatisierung durch Roboter und Computer im Postfordismus
  4. Digitalisierung der Arbeit in der Industrie 4.0

Wenn von uns die Soziale Frage als Leidensfrage definiert wird, bedeutet das für uns auch, dass es Personen gibt, welche diese Frage stellen und dass diese Personen damit einen Mangel zum Ausdruck bringen – einen Mangel an Lebensmöglichkeiten, Gerechtigkeit, Teilhabe usw. – und dass diese Personen empört sind über ihre nicht selbstverschuldete Lebenslage. Leiden verstehen wir aber nicht ausschließlich als Mangel, sondern auch als ein Begehren oder als einen Wunsch an eine andere künftige Lebensweise.

 

2) Wie kamen Sie auf die Idee, dieses Buch zu schreiben? Gab es einen „Stein des Anstoßes“?

Tatsächlich hat das vorliegende Buch eine eigene kleine Geschichte. Seit 2017 befassen sich die Mitarbeitenden des Fachbereichs Soziale Arbeit der FHS St. Gallen mit der Sozialen Frage. Dieser Fokus erlaubt es, dass sowohl der Studiengang als auch die Forschungsabteilung sich gesellschaftlich relevanten sozialen Fragen der Gegenwart und der Zukunft widmen. Vor diesem Hintergrund erschienen erste Publikationen, wurden Studierendenprojekte durchgeführt, fanden Fachtagungen und diverse Veranstaltungen zum Thema statt. Dieses Buch wurde entsprechend nicht nur von den Hauptautor_innen realisiert, sondern durch die vielen Beiträge der Kolleg_innen bereichert. Dieses Buchprojekt ermöglichte es uns so, über vielfältige Sichtweisen auf die Soziale Frage zu debattieren und stellenweise auch zu streiten.

 

3) Was sind die Widersprüche der neuen Sozialen Frage und wie geht die Soziale Arbeit als Profession mit ihnen um?

Wie sich im Laufe der Geschichte der Sozialen Frage gezeigt hat, sind gegen die Wünsche der Bevölkerung an eine andere, soziale Zukunft vielfältige Strategien und Maßnahmen entstanden wie der Wohlfahrstaat oder auch die Soziale Arbeit. Es sind auch disziplinierende Maßnahmen, wie die aktivierende Arbeitsmarktpolitik oder Ökonomisierungstendenzen in der Sozialen Arbeit entstanden. Der Konflikt zwischen eigenen Bedürfnissen und Wünschen einerseits und Macht- und Herrschaftsverhältnissen inkl. gesellschaftlicher Teilhabemöglichkeiten andererseits stellt Menschen vor eine unabweisbare schwierige Frage, die persönlich und auch gesellschaftlich entschieden werden muss, und zwar wie in Bezug zur Sozialen Frage gehandelt werden kann. Diese individuelle und soziale Positionsbestimmung nennen wir die Gewissensfrage. Die Gewissensfrage stellt sich auch für die Soziale Arbeit, wie sie sich in Bezug auf die Soziale Frage verhält. Die Geschichte der Sozialen Arbeit ist demnach auch gekennzeichnet von der inneren Zerrissenheit der Profession, da es unterschiedliche Handlungsweisen im Umgang mit der Sozialen Frage gibt. Allerdings hat die Soziale Arbeit vor dem Hintergrund einer universellen Menschenrechtsprofession keine legitimierte Kontrollfunktion im Sinne der Durchsetzung kapitalistischer Verwertungs- und staatlicher Disziplinierungsinteressen, sondern allein einen einzigen Auftrag zu erfüllen: sich am individuellen Wohl der Klient_innen zu orientieren und gleichzeitig für das Gemeinwohl zu arbeiten.

 

4) Welche Themen werden Ihrer Einschätzung nach die Soziale Frage in der Zukunft prägen?

Die Transformationen der kapitalistischen Perioden und der Lebensweisen sind geprägt von vergangenen Strukturen und gleichzeitig aber auch geprägt von Ideen zur Gestaltung der Zukunft.  Zum Beispiel stand das Treffen des Weltwirtschaftsforums (WEF) 2016 in Davos unter dem Motto „Mastering the Fourth Industrial Revolution“. Die Prognose des Forums für die Zukunft ist, dass in der vierten Phase durch modernste Informations- und Kommunikationstechniken elementare Veränderungen von Arbeitsformen und Arbeitsverhältnissen ins Zentrum rücken. Damit werden gleichzeitig künftige Soziale Fragen umrissen. Das Thema der Gestaltung guter bzw. gelingender Arbeits- und Lebensbedingungen wurde in dieser Debatte aber bisher vernachlässigt. In welche digitale Zukunft der Weg mit den intelligenten Maschinen führen wird, bleibt ein zentraler Handlungsaspekt für Individuen, Organisationen und für die Gesellschaft. Der Umgang mit der Ausbeutung von natürlichen Ressourcen, die Vergiftung der Erdatmosphäre durch Kohlenstoffdioxid seit Beginn der Industrialisierung und die damit einhergehende Erhaltung des menschlichen Lebensraums auf dem Planten, die Verschärfung der materiellen Existenzsicherung in Bezug auf Arbeitsplätze sowie der psychosozialen Risiken als Zeit-, Gesundheits- und Vereinbarkeitsproblematiken werden sicher auch künftige sozialen Fragen bleiben. Ebenso wie die Nazis versuchten die Soziale Frage umzudeuten, versuchen auch heute wieder rechte Parteien und Gruppierungen wie AFD, „Pegida“, oder „Alt-Right“ gegen wirtschaftliche Ungleichheit und Arbeitslosigkeit auf der Grundlage von rassistischen, islamfeindlichen und antisemitischen Ideologien die Soziale Frage zu besetzten. Wenn noch unklar ist, welche Entwicklung die Industrie 4.0 nehmen wird, ist eine Entwicklung offensichtlich: Die bisherigen technologischen Revolutionen haben nicht nur dazu geführt, Arbeitsprozesse effektiver zu gestalten, sondern sie haben auch immer Soziale Fragen aufgeworfen. Entsprechend dieser Entwicklungen formieren sich auch soziale Bewegungen wie „Fridays for Future“, „Mouvement des Gilets Jaunes“, „Black Lives Matter“ oder „Occupy Wall Street“. Letztlich scheint ein Blick in die Zukunft schwierig, wenn nicht sogar unmöglich, aber aus der Vergangenheit lassen sich zumindest Trends ableiten, welche unsere heutigen und zukünftigen Arbeits- und Lebensweisen beeinflussen.

 

5)     Wir sind Autor*innen bei Budrich, weil …

… wir bereits sehr gute Erfahrungen mit dem Team von UTB in Betreuung, Satz und Vertrieb mit der Publikation von Bronner/Paulus: Intersektionalität: Geschichte, Theorie und Praxis gesammelt und die Bücher des Verlages im eigenen Studium kennen- und schätzen gelernt haben.

 

Stefan Paulus und Bettina Grubenmann im Budrich-Shop:

3D Cover Paulus GrubenmannStefan Paulus und Bettina Grubenmann: Die Soziale Frage 4.0. Eine soziohistorische Einführung für die Soziale Arbeit heute

 

 

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