5 Fragen an … Margret Xyländer

Buntstifte in einer Reihe

Unsere Autorin Margret Xyländer war so freundlich, unsere „5 Fragen …“ zu beantworten. Bevor wir in das Interview einsteigen, hier ihre Kurzvita in eigenen Worten:

Autorin Margret Xyländer
Margret Xyländer
© Portrait: privat

Nach meiner Promotion (2013) u.a. bei Prof. Dr. Dr. Ralf Bohnsack im Fachbereich Erziehungswissenschaften und Psychologie der Freien Universität habe ich ein qualitatives Praxisforschungsprojekt zur Sterbebegleitung in stationären Pflegeeinrichtungen im Ballungsraum Berlin konzipiert und durchgeführt (Institut für Innovation und Beratung an der Evangelischen Hochschule Berlin (INIB) e.V.). Anschließend war ich als Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) im Forschungsbereich Integrative Rehabilitationsforschung tätig. Seit Oktober 2017 forsche und arbeite ich im Rahmen einer Post-Doc-Stelle im Bereich Rehabilitationswissenschaften / Rehabilitative Versorgungsforschung in der Fakultät für Gesundheitswissenschaften der Universität Bielefeld. In meiner Habilitation werde ich mich – sowohl inhaltlich als auch methodisch – mit der Versorgung erwachsener Menschen mit Behinderungen auseinandersetzen.

 

1.     Welches ist die wichtigste Herausforderung für Ihren Fachbereich in den nächsten Jahren?

Die gegenwärtige demografische Entwicklung konfrontiert unsere Gesellschaft mit verschiedenen komplexen Herausforderungen. In einer älter werdenden Gesellschaft nimmt die Zahl versorgungsbedürftiger und multimorbider Menschen zu. Patient*innen haben in Deutschland die Möglichkeit resp. den Anspruch auf Unterstützung in den verschiedenen Bereichen von Prävention, Akutversorgung, Rehabilitation und Pflege. In diesem Zusammenhang stellt sich beispielweise die Frage, welche Patient*innen bestimmte Versorgungsformen in Anspruch nehmen bzw. nicht in Anspruch nehmen, welche Gründe für diese individuelle Entscheidung verantwortlich sind und welche Bedürfnisse bestehen. Je mehr wir in der Versorgungsforschung über die Art und Weise gesundheitlicher Versorgung wissen und lernen können, umso besser können wir Versorgungspraxis verstehen und damit zu Veränderung beizutragen.

Diesen aktuellen Fragen der Gesundheitswissenschaften – und konkret in der Versorgungsforschung – nähere ich mich mit einer besonderen methodischen Herangehensweise: Ich forsche mit qualitativen Methoden der empirischen Sozialforschung. Als gängige Methoden sind hierfür z.B. Interviews und Gruppendiskussionen mit Patient*innen bekannt, um den Alltag und die Erfahrungswelten der Beteiligten im Versorgungskontext besser verstehen zu können. Die Anwendung qualitativer Methoden ist im Kontext der Erforschung gesundheitsbezogener/versorgungsrelevanter Themen bislang noch nicht selbstverständlich. Demzufolge existiert wenig Methodenliteratur zur Untersuchung spezifischer Kontexte und/oder (vulnerabler) Zielgruppen. Um die verschiedenen Perspektiven der Beteiligten, ihre Meinungen und Einstellungen, verstehen zu können, werden wir künftig verstärkt professionalisierte Forscher*innen benötigen, die hochwertige qualitative Forschung im Feld der Gesundheitswissenschaften/Versorgungsforschung durchführen können.

 

2.     Warum sollte jemand unbedingt in Ihrem Forschungsbereich tätig werden?

Durch das Eintauchen in Gesundheits- und Krankheitsbilder, in Lebenswelten und Versorgungsalltage können die „hinter“ den Zahlen und Fakten verborgenen Prozesse nachvollziehbar gemacht werden. Dabei wird die Akteursperspektive (z.B. Patient*innen, Vertreter*innen verschiedener Gesundheitsberufe) eingenommen und untersucht, was ihre Handlungen leitet. Wir brauchen Forscher*innen, die sich auf diese spezielle Logik einlassen, um die Qualität qualitativer Forschung zukünftig sicherzustellen. Es handelt sich hierbei um ein regelgeleitetes, methodisch kontrolliertes Vorgehen, mit klarem Ziel und wissenschaftstheoretischem Hintergrund. Qualitative Forschung geht auch immer mit einer intensiven Auseinandersetzung der eigenen Person und Subjektivität einher. Insofern begibt man sich als qualitativ Forschender gewissermaßen auf eine Reise zu sich selbst, nur so kann ich mich auch von meinem Untersuchungsfeld überraschen lassen und Neues entdecken.

 

3.     Warum haben Sie sich damals für Ihr Forschungsgebiet/Forschungsthema entschieden? Was motiviert Sie an Ihrem Forschungsthema ganz besonders?

Aus der Soziologie kommend hat mich die qualitative Forschungslogik seit Beginn meiner akademischen Ausbildung fasziniert, geprägt und begleitet. Ich empfinde es als großen Gewinn, die wissenschaftstheoretischen Grundlagen (qualitativer Methodologie) bei den dafür stehenden Vertreter*innen erworben zu haben. Als ich mich für die Gesundheitswissenschaften entschieden habe, kam noch die starke Praxisrelevanz und Anwendbarkeit der Forschungsergebnisse hinzu. Diese Nähe (des qualitativen Forschens) zur Praxis stellte für mich eine große Motivation des Forschens und Arbeitens in den Gesundheitswissenschaften dar. Gerade die Versorgungsforschung greift aktuelle und relevante Probleme aus dem Versorgungsalltag der Menschen auf. Mit qualitativer Forschung wollen wir Versorgungsabläufe aus verschiedenen Perspektiven verstehen und daraus Empfehlungen entwickeln, wie die Forschungsergebnisse in die Praxis eingehen können. Das wissenschaftliche Arbeiten ist in den Gesundheitswissenschaften zudem durch ein besonderes Merkmal geprägt: die inter- und teils transdisziplinäre Zusammenarbeit. Dies empfinde ich als sehr bereichernd, weil die Kooperation mit Akteuren verschiedener Fächertraditionen als auch im Gesundheits- und Sozialsystem mir selbst immer wieder neue Perspektiven eröffnet. Der dafür erforderliche stete Austausch und achtsame Umgang miteinander sensibilisiert für Selbstreflexion, wofür Erfahrungen qualitativen Forschens hilfreich sein können.

 

4.     Welches Buch hat Sie persönlich am meisten geprägt?

Nach wie vor beeindruckend finde ich die Beschreibung Herbert Blumers zur interpretativen Haltung in seinem Buch Symbolischer Interaktionismus – Aufsätze zu einer Wissenschaft der Interpretation. Er vergleicht die Erforschung sozialer Lebenswelten mit der Betrachtung eines unbekannten Gegenstands, den wir aufheben und aufmerksam aus allen Perspektiven anschauen und hinterfragen können und so Schritt für Schritt zum Experten für diesen Gegenstand werden. Dies ist kein standardisierbarer Vorgang, sondern erlaubt und erfordert ein Sich-darauf-Einlassen für die Entwicklung eines Theoriemodells. Dieses Bild hat mich in meiner qualitativen Forschungstätigkeit stets begleitet.

 

5.     Ich bin Autorin bei Budrich, weil …

… ich zum einen die enge, kontinuierliche und stets konstruktive Begleitung während des gesamten Schreibprozesses schätze. Es hätte für mich kein Anliegen gegeben, mit dem ich mich nicht an den Verlag hätte wenden können.

… zum anderen die Öffentlichkeitsarbeit hervorragend organisiert ist. Der Verlag sensibilisiert für sehr unterschiedliche Möglichkeiten der Bekanntmachung der Publikation (Interviews, Rezensionen, Hinweise auf Veranstaltungen etc.), die ich als Autorin in der Hektik des Alltages vielleicht gar nicht im Blick hätte.

 

Zuletzt bei Budrich:

Cover Xyländer 3DXyländer, Margret und Peter Sauer (): Zwischen Gestalten und AushaltenSterbebegleitung in stationären Pflegeeinrichtungen im urbanen Raum.

Xyländer, Margret: Die Familie als BildungsgemeinschaftAbendrituale in rekonstruktiver Analyse.

 

 

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