„Mir geht es darum, die arbeitenden Kinder wieder als Subjekte mit eigenen Sichtweisen und Rechten sichtbar werden zu lassen.“ – 5 Fragen an Manfred Liebel

5 Fragen an unsere Autor*innen Verlag Barbara Budrich

Unser Autor Manfred Liebel hat sich anlässlich des Erscheinens seiner Publikation Kindheit und Arbeit. Wege zum besseren Verständnis arbeitender Kinder Zeit für unsere 5 Fragen genommen.

 

Zum Buch:

Arbeitende Kinder sind weder ein Relikt vergangener Zeiten noch vermeintlich „zurückgebliebener“ Gesellschaften. Mit Blick auf Afrika, Asien und Lateinamerika ebenso wie auf Europa und Deutschland schärft Manfred Liebels neue Publikation den Blick für die Vielfalt der Formen und Bedeutungen, die Arbeit für Kinder hat. Der Autor stellt festgefahrene Reflexe und vermeintliche Gewissheiten und Urteile in Frage und zeigt anhand von Studien, dass bisherige Maßnahmen gegen Kinderarbeit kritisch zu hinterfragen sind.

 

Liebel, ManfredKurzvita von Prof. Dr. Manfred Liebel in eigenen Worten:

Nach meiner jahrelangen Tätigkeit als Hochschullehrer für Soziologie an der Technischen Universität Berlin habe ich von 2007 bis 2016 den von mir mitgegründeten internationalen und interdisziplinären Masterstudiengang „Childhood Studies and Children’s Rights“ an der Freien Universität Berlin geleitet. Dem Studiengang, der seitdem an der Fachhochschule Potsdam fortgesetzt wird, bleibe ich als Dozent und Schirmherr verbunden. In den letzten Jahren habe ich mich mit Blick auf Kindheiten intensiv mit der Kolonialgeschichte und den weiter anstehenden Prozessen der Entkolonialisierung befasst. In den ersten Monaten des Jahres 2020 befinde ich mich zu einem Studienaufenthalt in Chile, Peru und Argentinien, wo ich mich der Realität indigener und afroamerikanischer Kindheiten anzunähern versuche, gelegentlich Vorträge halte und mich an Konferenzen und Treffen von Kindern und Jugendlichen beteilige. Mein primäres Interesse ist dabei auf die Entkolonialisierung der Kindheiten und der Kindheitswissenschaften gerichtet.

 

1) Lieber Herr Liebel, bitte fassen Sie den Inhalt Ihrer aktuellen Publikation Kindheit und Arbeit für unsere Leser*innen zusammen.

Im Buch untersuche ich die verschiedenen Bedeutungen, die Arbeitserfahrungen für Kinder haben können. Mein Blick richtet sich sowohl auf die arbeitenden Kinder in Afrika, Asien und Lateinamerika als auch auf die arbeitenden Kinder in Europa und Deutschland. Besondere Beachtung widme ich den Sichtweisen der Kinder, ihren Rechten und ihren Möglichkeiten, sich gegen Ausbeutung zu wehren. Ebenso leuchte ich die Möglichkeiten aus, die Arbeit als Teil von Bildungs- und Emanzipationsprozessen haben kann. Ich will damit der verbreiteten Vorstellung entgegenwirken, dass die Arbeit von Kindern ein überholtes und aussterbendes Relikt der Vergangenheit sei, und die Aufmerksamkeit auf ein gesellschaftliches und kulturelles Phänomen richten, das in der Kindheitsforschung und Kinderpolitik bisher vernachlässigt oder unzureichend behandelt wurde.

 

2) Wie kamen Sie auf die Idee, dieses Buch zu schreiben? Gab es einen „Stein des Anstoßes“?

Meine Erfahrungen mit arbeitenden Kindern in den 90er-Jahren in Lateinamerika und Afrika und sich daraus ergebende Untersuchungen machten mir klar, dass die bei uns übliche Rede von „Kinderarbeit“ der Realität dieser Kinder nicht gerecht wird. Sie ist viel zu pauschal, legt nur negative Assoziationen nahe und vernebelt den Blick auf die vielfältige Realität. Viele arbeitende Kinder sagen, nicht die Arbeit ist für uns ein Problem, sondern die Bedingungen, unter denen sie stattfindet. Meine Analysen der dominierenden Politiken zur Kinderarbeit brachten mich zu dem Schluss, dass pauschale Verbote die Probleme der Kinder nicht lösen, sondern noch größer werden lassen. Im Buch zeige ich Alternativen auf.

 

3) In ihrem Buch unterscheiden Sie zwischen arbeitenden Kindern im globalen Süden und im globalen Norden. Wo liegen die Unterschiede?

Im Süden ist die Arbeit für Kinder meist eine existenzielle Angelegenheit, im Norden eher eine zusätzliche Aktivität, die neue Erfahrungen und mehr Unabhängigkeit ermöglicht. Aber ähnlich ist, dass im Süden wie im Norden die Kinder ihre Arbeit meist positiv bewerten, wenn sie ihnen nicht aufgezwungen wird und nicht unter Bedingungen stattfindet, die ihre Menschenwürde und ihre Rechte verletzen. Wenn Kinder sich zu ihrer Arbeit äußern, sprechen sie sich im Süden wie im Norden meist gegen Verbote aus und fordern stattdessen das Recht, in Würde arbeiten zu können. Staat und Gesellschaft sehen sie in der Pflicht, ihnen hierfür die nötigen Bedingungen zu verschaffen.

 

4) In Kindheit und Arbeit beschreiben Sie Ausblicke auf eine „subjektorientierte Theorie des arbeitenden Kindes“. Wie sieht diese Theorie aus?

Mir geht es darum, die arbeitenden Kinder wieder als Subjekte mit eigenen Sichtweisen und Rechten sichtbar werden zu lassen. Die vorherrschende Rede von Kinderarbeit und entsprechende Politiken behandeln die Kinder nur als Objekte von Maßnahmen, die von oben herab dekretiert werden. Sie basieren zudem nicht auf wissenschaftlichen Erkenntnissen, die sich auf einem intensiven Studium der sozialen und kulturellen Realitäten der Kinder ergeben, sondern sind ideologisch und zudem aus einer eurozentristischen Perspektive konzipiert. Die von mir konzipierte subjektorientierte Theorie des arbeitenden Kindes verstehe ich als Herausforderung für eine Kindheitsforschung und Kinderpolitik, die nicht auf die westliche Vorstellung einer rundum behüteten Kindheit fixiert bleibt, sondern sich Kindheiten vorstellen kann, in denen Kinder ein aktiver Teil der Gesellschaft sind und diese als Bürgerinnen und Bürger in eigener Verantwortung und aus eigenem Interesse mitgestalten.

 

5) Ich bin Autor bei Budrich, weil …

… meine Idee zur aktualisierten Neuauflage dieses Buches sofort aufgegriffen wurde und sich in den folgenden Monaten ein reger Gedankenaustauch ergab, der für mich anregend war und die Arbeit an dem Buch stimuliert hat.

 

Erschienen bei Budrich:

3D Cover LiebelManfred Liebel: Kindheit und Arbeit. Wege zum besseren Verständnis arbeitender Kinder

 

 

© Pixabay 2020 / Foto: Bru-nO; Autorenfoto: Carolina Gonzalez; Titelbild gestaltet mit canva.com