„Vom Wissen zum Handeln zu kommen ist eben keine Kausalität.“ – 5 Fragen an Gregor Lang-Wojtasik

5 Fragen an unsere Autor*innen Verlag Barbara Budrich

Die Welt ist in transformativer Bewegung: der Klimawandel, die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich, die Friedensfrage und die globalen Migrationsbewegungen. Diese Herausforderungen spiegeln sich in alten Fragen der Sozialwissenschaften und Pädagogik: Wie wollen und sollen wir leben, damit alle überleben können und wie können wir durch erziehungswissenschaftlich reflektierte und fundierte Bildungsprozesse maßgeblich zu einer lebenswerten Welt beitragen? Die Beiträge in Gregor Lang-Wojtasiks neuem Sammelband Bildung für eine Welt in Transformation. Global Citizenship Education als Chance für die Weltgesellschaft beleuchten verschiedene Perspektiven auf Global Citizenship Education, um sich zukunftsfähigen Antworten anzunähern.

Portrait Gregor Lang-WojtasikKurzvita in eigenen Worten: Prof. Dr. Gregor Lang-Wojtasik, Jg. 1968, seit 2007 Professor für Erziehungswissenschaft/Pädagogik der Differenz, Pädagogische Hochschule Weingarten; seit Kindheit und Jugend Engagement und Interesse an querschnittlichen Zukunftsfragen. Als studierter Grund- und Hauptschullehrer derzeit Studiendekan der Fakultät I, Direktor des Forschungszentrums für Bildungsinnovation und Professionalisierung sowie Senatsbeauftragter für die Auslandsbeziehungen mit Asien; Mediator und Trainer für Gewaltfreie Kommunikation.

 

1) Lieber Herr Lang-Wojtasik, bitte fassen Sie den Inhalt Ihrer aktuellen Publikation Bildung für eine Welt in Transformation für unsere Leser*innen zusammen.

Die Welt, in der wir leben, ist mit großen Wandlungsprozessen konfrontiert. Es wird immer sichtbarer, was seit Jahrzehnten international diskutiert wird: Die Grenzen des Wachstums sind überschritten! Der aktuell stärker wahrnehmbare und diskutierte Klimawandel ist eine Chiffre für ein ganzes Bündel von Herausforderungen, vor denen die Menschheit steht: Globale Migrationsbewegungen, die Friedensfrage sowie die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich. Die damit zusammenhängenden gesamtgesellschaftlichen Fragestellungen haben auch Konsequenzen für erziehungswissenschaftliche Optionen. Dabei wird eine grundlegende Aporie sichtbar, die aktuell jeden Freitag weltweit auf die Straßen getragen wird: Vom Wissen zum Handeln zu kommen ist eben keine Kausalität, sondern braucht eine aufrichtige Berücksichtigung dessen, was in den Bildungswissenschaften seit langem diskutiert wird.

 

2) Wie kamen Sie auf die Idee, dieses Buch herauszugeben? Gab es einen „Stein des Anstoßes“?

Ausgangspunkt der Publikation war ein Workshop auf der Tagung der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft in Essen im Jahr 2018. Die Motivation für diesen wissenschaftlichen Austausch kam v.a. daher, dass seit geraumer Zeit in verschiedenen Wissenschaften intensiv über Transformationsprozesse im Kontext der Nachhaltigkeit diskutiert wird. Spätestens mit dem Bericht des Wissenschaftlichen Beirats für Globale Umweltfragen 2011 ist der Begriff einer „Großen Transformation“ im Anschluss an den Wirtschaftshistoriker Karl Polanyi in vielerlei Munde. Auffällig ist dabei, dass der Transformationsbegriff in sehr vielfältiger Weise verwendet wird (Transformationsforschung, transformative Forschung, Transformationsbildung und transformative Bildung), dass dabei allerdings die erziehungswissenschaftliche Expertise der Bildung für nachhaltige Entwicklung oder des Globalen Lernens mit intensiver wissenschaftstheoretischer und -historischer Bodenerdung weitgehend ausgeblendet werden.

 

3) Was genau bedeutet Global Citizenship Education und welche Bedeutung hat sie für einen verantwortungsbewussten und zukunftsorientierten Umgang mit der Welt?

Global Citizenship Education (GCED) hat eine lange Tradition in der weltbürgerlichen Erziehung mit Bezügen bis in die griechische Antike. Aus heutiger Sicht ist es der ernst gemeinte Versuch, Menschen als Bürger*innen im Horizont der Weltgesellschaft und Weltgemeinschaft jenseits nationalgesellschaftlicher Referenzen Orientierungen anzubieten und postkoloniales Denken zu überwinden. Das bedeutet auch, nationalistischen Rückschrittlichkeiten die Förderung einer Weltidentität zwischen lokalen und globalen Prozessen anzubieten. Menschen sollen als Change Agents und Pioniere der Zukunftsfähigkeit aktiv werden und Mut machende Narrative des Könnens entwickeln. Normative Leitplanken sind dabei Nachhaltigkeit, Gerechtigkeit, Partnerschaftlichkeit und Gewaltfreiheit. Konzeptionelle Bezüge finden sich im Globalen Lernen, einer Bildung für Nachhaltige Entwicklung, der Interkulturellen Pädagogik sowie der Friedens- und Menschenrechtspädagogik.

 

4) Wie bewerten Sie das Potenzial von Global Citizenship Education, zukünftig eine zentrale Position in der politischen Bildung einzunehmen?

GCED ist ein Querschnittsanliegen, dem ein hohes Orientierungspotenzial in der Erziehungswissenschaft, den Bildungswissenschaften, den Fachdidaktiken sowie dem Anliegen inter- und transdisziplinärer Bezüge innewohnt. GCED bietet als international diskutiertes und gewinnbringend erkanntes Konzept auf UN-Ebene zudem die Chance, konzeptionelle Unschärfen und Konfliktlinien unter einem gemeinsamen Dach zu vereinen. Dabei helfen die erwähnten normativen Leitplanken.

 

5) Ich bin Autor bei Budrich, weil …

… ich mit einem Verlag zusammenarbeiten kann, der sich gesellschaftlich herausfordernden Themen widmet und an interdisziplinärer Dissemination interessiert ist. Dazu gehört auch eine autor*innenorientierte Betreuung mit hohem Wertschätzungspotenzial.

 

Erschienen bei Budrich:

3D Cover Lang-Wojtasik Global Citizenship EducationGregor Lang-Wojtasik (Hrsg.): Bildung für eine Welt in Transformation. Global Citizenship Education als Chance für die Weltgesellschaft

 

 

© Pixabay 2019 / Foto: Bru-nO; Portraitfoto Autor: Gregor Lang-Wojtasik; Titelbild gestaltet mit canva.com