„Es gibt nicht die ,eine‘ angemessene Methode.“ – 5 Fragen an Melanie Kubandt und Julia Schütz

5 Fragen an unsere Autor*innen Verlag Barbara Budrich

Methoden und Methodologien in der erziehungswissenschaftlichen Geschlechterforschung von Melanie Jubandt und Julia Schütz (Hrsg.) vereint unterschiedliche empirische Zugänge zu Geschlecht und diskutiert die Potenziale und Grenzen der Forschungsperspektiven. Spannend sind hierbei vor allem die Möglichkeiten und Grenzen der Verknüpfung von Methodologie und Empirie im Hinblick auf die übergeordnete Fragestellung: Auf welche Weise lässt sich Geschlecht empirisch mithilfe welcher Methoden auf welchen Ebenen in den Blick nehmen? Der neue Band will vor allem eine Konturierung spezifischer Zugänge zu Geschlecht herausarbeiten und gegen ein epistemologisches Primat einzelner Zugänge argumentieren.

 

Kurzvita in eigenen Worten:

Kubandt, Melanie und Julia SchützIch, Julia Schütz, bin von Hause aus Erwachsenenbildnerin und habe viele Jahre an der Goethe-Universität in Frankfurt gelehrt und geforscht. Seit 2017 bin ich an der FernUniversität in Hagen und leite das Lehrgebiet Empirische Bildungsforschung. Das passt ganz wunderbar zusammen, weil die FernUni einfach eine ganz besondere Universität ist, an der Erwachsenenbildung und Hochschulbildung gewissermaßen aufeinanderprallen.

Ich, Melanie Kubandt, bin an der Universität Würzburg ausgebildete Diplom-Elementarpädagogin und Sprachheilpädagogin (M.A.). Nach meiner Promotion an der Universität Osnabrück im Jahr 2015, war ich zunächst eineinhalb Jahre Vertretungsprofessorin für Sozialpädagogik und Sozialdidaktik an der Leuphana Universität Lüneburg, wo ich auch Julia Schütz kennenlernte. Nach einer Vertretungsprofessur für Pädagogische Kindheits- und Familienforschung an der Universität Osnabrück bin ich im März 2018 als Juniorprofessorin für Gender und Bildung im Fachgebiet Erziehungswissenschaften an die Universität Vechta gewechselt, wo ich seitdem mein Faible für die Kindheitspädagogik mit meinem Fokus auf die erziehungswissenschaftliche Geschlechterforschung in Lehre und Forschung sinnvoll verknüpfen kann.

 

1) Liebe Frau Kubandt, liebe Frau Schütz, bitte fassen Sie den Inhalt Ihrer aktuellen Publikation Methoden und Methodologien in der erziehungswissenschaftlichen Geschlechterforschung für unsere Leser*innen zusammen.

In Anlehnung an verschiedene methodologische Diskursverortungen zu Geschlecht sowie unterschiedlicher Möglichkeiten der empirischen Fokussierung verfolgt der Herausgeber*innenband die Intention, diverse methodologische und methodische Perspektiven auf Geschlecht im Kontext der Erziehungswissenschaft in den Blick zu nehmen und in einem Werk zu vereinen. Hierbei interessieren weniger konkrete empirische Studienergebnisse und deren Konsequenzen für pädagogische Praxis, sondern vielmehr Möglichkeiten und Grenzen der Verknüpfung von Methodologie und Empirie im Hinblick auf die übergeordnete Fragestellung: Wie kann Geschlecht empirisch mithilfe welcher Methoden auf welchen Ebenen in den Blick genommen werden?

Der Band möchte in diesem Zusammenhang aufzeigen, dass gerade die Vielfalt der unterschiedlichen Zugänge wichtig ist und es nicht die „eine“ angemessene Methode gibt. Um dies einzulösen, werden in den Beiträgen unterschiedliche erkenntnistheoretische Verortungen mit spezifischen methodischen Zugängen vereint und am Beispiel exemplarischer Studienergebnisse veranschaulicht. Das übergeordnete Ziel dieses Bandes ist es, die Potenziale, aber auch Grenzen spezifischer empirischer Zugänge zu Geschlecht – deutlicher als aus unserer Sicht bisher geschehen – herauszuarbeiten.

 

2) Wie kamen Sie auf die Idee, dieses Buch zu schreiben? Gab es einen „Stein des Anstoßes“?

Die Idee entstand in einer kalten Winternacht auf den Straßen von Hamburg. Wir waren gemeinsam zum Abendessen, haben über das Verhältnis von empirischer Bildungsforschung und Geschlechterforschung diskutiert und mussten feststellen: Es ist noch relativ ungeklärt bzw. zeigt sich bis heute seitens der erziehungswissenschaftlichen Geschlechterforschung eine kritische Haltung gegenüber quantitativen Zugängen. Unser Vorhaben, die empirische Bildungsforschung und die erziehungswissenschaftliche Geschlechterforschung einander näherzubringen, lösen wir mit diesem Buch ein. Wichtig war es uns sehr eindeutig gegen ein Primat spezifischer Zugänge zu argumentieren, sondern vielmehr für das Potenzial unterschiedlichster Forschungsperspektiven. Und abgesehen davon: Wir wollten auch unbedingt ein gemeinsames Projekt realisieren, weil wir uns und unsere Forschungsinteressen gegenseitig sehr schätzen und sich diese außerordentlich gut ergänzen!

 

3) Gibt es einzelne Methoden und Methodologien, die Sie selbst in Ihrer Forschungspraxis bevorzugen?

Also ich, Melanie Kubandt, arbeite bisher vorwiegend ethnographisch, qualitativ-rekonstruktiv und bin primär im interpretativen Paradigma verankert. Gerade für die Erforschung ethnomethodologischer doing gender-Prozesse bietet sich insbesondere die teilnehmende Beobachtung gut an. Aber auch Interviews und Gruppendiskussionen können im Hinblick auf Geschlechterkonstruktionen sehr aufschlussreich sein, daher greife ich auch hierauf immer wieder zurück.

Und ich, Julia Schütz, habe in diesem Jahr gemeinsam mit weiteren Kolleg*innen das Zentrum für pädagogische Berufsgruppen- und Organisationsforschung (ZeBO) an der FernUni in Hagen gegründet. Die pädagogische Berufsgruppenforschung ist methodisch sehr vielfältig; alles geht, solange es empirisch ist. Ich bevorzuge eigentlich keine Methode explizit. Die alte Weisheit: Es kommt halt immer auf die Fragestellung drauf an …

 

4) Was denken Sie, wie sich die Geschlechterforschung methodisch und methodologisch in den nächsten Jahren entwickeln wird?

Prinzipiell zeigt sich ja eine deutliche Verschiebung weg von einzelnen Differenzlinien zu eher intersektional ausgerichteten Forschungsperspektiven, in denen Geschlecht in seiner Verschränkung mit anderen Differenzlinien empirisch fokussiert wird. Hier hinkt die Empirie jedoch häufig noch den theoretischen Ansprüchen hinterher bzw. wird diesen nicht immer ganz gerecht. In diesem Zusammenhang wird es sicherlich in den kommenden Jahren noch spannende Weiterentwicklungen geben bzw. ist darauf zu hoffen. Wir hoffen zudem, dass innerhalb der erziehungswissenschaftlichen Geschlechterforschung zukünftig eine größere Offenheit auch für quantitative Zugänge zunimmt, was natürlich voraussetzt, dass entsprechende Perspektiveinnahmen auch dahingehend weiterentwickelt werden, nicht dazu beizutragen, Geschlechterverhältnisse durch starre Kategorisierungen letztlich empirisch lediglich zu reproduzieren oder gar Stereotype zu verfestigen. Wenn unser Band hierbei einen konstruktiven Diskussionsbeitrag leisten kann, wären wir sehr glücklich.

 

5) Wir sind Autorinnen bei Budrich, weil …

… wir sofort wussten, dass ein solches Buch bei Budrich genau richtig ist! Denn ich, Melanie Kubandt, stehe seit Jahren mit dem Barbara Budrich Verlag im Austausch und habe dort immer ein offenes Ohr für Projektideen vorgefunden. Dies hat sich auch direkt bewahrheitet, als Julia Schütz und ich mit der Projektidee auf Miriam von Maydell zugegangen sind. Dann ging es auch schon richtig schnell los!

Zudem zählt der Budrich Verlag gerade in Punkto erziehungswissenschaftliche Geschlechterforschung zu den führenden Verlagen. Das heißt, unser Band befindet sich hier in sehr guter Gesellschaft!

 

Erschienen bei Budrich:

3D Cover Kubandt Schütz GeschlechterforschungMelanie Kubandt, Julia Schütz (Hrsg.): Methoden und Methodologien in der erziehungswissenschaftlichen Geschlechterforschung

 

 

© Pixabay 2019 / Foto: Bru-nO; Autorinnenfoto: Melanie Kubandt und Julia Schütz; Titelbild gestaltet mit canva.com