„Demokratie wird im Moment gesellschaftlich verhandelt und nicht mehr als selbstverständlich betrachtet.“ – 5 Fragen an … Michaela Köttig und Dieter Röh

Buntstifte in einer Reihe

Unsere Autor*innen Michaela Köttig und Dieter Röh waren so freundlich, uns „5 Fragen …“ zu ihrer Publikation „Soziale Arbeit in der Demokratie – Demokratieförderung in der Sozialen Arbeit“ zu beantworten. Bevor wir in das Interview einsteigen, hier die Kurzvitae in eigenen Worten:

Dr. Michaela Köttig, Jahrgang 1965, ist Professorin für Gesprächsführung, Kommunikation und Konfliktbearbeitung und Sprecherin des Kompetenzzentrums Soziale Interventionsforschung an der Frankfurt University of Applied Sciences. Sie hat als Sozialarbeiterin Berufserfahrung im Bereich der politischen Jugendbildung und hier vor allem im Bereich der Partizipation von Mädchen und jungen Frauen. In ihrer Forschung beschäftigt sie sich seit Jahrzehnten mit dem Thema Rechtsextremismus und Gender, familienhistorische Ursachenkonstellationen sowie Fragen der Sozialen Arbeit in diesem Feld.

Portrait Dieter RöhDr. Dieter Röh, Jahrgang 1971, ist Professor für Soziale Arbeit an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg. Er studierte in den 1990ern Diplom-Sozialarbeit/Sozialpädagogik sowie danach Gesundheitswissenschaften und lehrt und forscht seit 2005 an der HAW. Seit 2014 ist er Mitglied im DGSA-Vorstand. Er befasst sich mit Theorien Sozialer Arbeit und hat dazu u.a. 2013 eine Monografie mit dem Titel „Soziale Arbeit, Gerechtigkeit und das gute Leben. Eine Handlungstheorie zur daseinsmächtigen Lebensführung“ verfasst, in dem er auf der Basis des Capabilities Approach versucht, Soziale Arbeit als Wissenschaft zu konzipieren. Zu seinen handlungsfeldspezifischen Schwerpunkten zählen darüber hinaus die Klinische Sozialarbeit in der Rehabilitation und die Behindertenhilfe/Sozialpsychiatrie.

 

1) Liebe Frau Köttig, lieber Herr Röh, bitte fassen Sie den Inhalt Ihrer aktuellen Publikation Soziale Arbeit in der Demokratie – Demokratieförderung in der Sozialen Arbeit für unsere Leser*innen zusammen.

Der Sammelband entstand aus der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Soziale Arbeit (DGSA). Die DGSA behandelt als wissenschaftlicher Dachverband und angeregt durch die jährliche Tagung ein aktuelles gesellschaftspolitisches Thema aus der Sicht der Sozialen Arbeit und versammelt verschiedene Perspektiven darauf. Im vergangenen Jahr war das Thema der Tagung „Demokratie und Soziale Arbeit – Teilhabe, Solidarität und bürgerschaftliche Identifikation in einer pluralen Gesellschaft“, sie fand an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg im April 2018 statt. Das Buch enthält ausgewählte Beiträge, zu deren Gegenstand dort auch vorgetragen wurde. So enthält der Band neben einführenden gesellschaftstheoretischen Überlegungen, etwa zu den aktuellen Herausforderungen aber auch historischen Wurzeln der in bzw. an Demokratie mitwirkenden Wissenschaft und Profession Sozialer Arbeit, theoretische Beiträge, die zeigen, wie Gesellschaft und Demokratie heute zusammen gedacht werden müssen. Einen großen Teil nehmen jedoch erstens Beiträge ein, die vielfältige Handlungsfelder Sozialer Arbeit forschend-analytisch beleuchten und Chancen, Grenzen und Herausforderungen der partizipativen Gestaltung von Unterstützungsprozessen im Gemeinwesen, in politischer Bildungsarbeit, in der Zivilgesellschaft sowie mit bestimmten Adressat*innen aufzeigen. Zweitens werden mit dem Kontext „Flucht“ und „Rechtsextremismus“ zwei aktuelle Bereiche thematisiert, die nicht nur die Gesellschaft als solches, sondern auch die Soziale Arbeit als gesellschaftlichen Akteur herausfordern. Und drittens und letztens haben wir Beiträge aufgenommen, die aus methodischer, institutioneller oder professioneller Sicht die durchaus vorhandenen Möglichkeiten der Demokratieförderung in und durch Soziale Arbeit in diversen Arbeitsfeldern aufzeigen.

 

2) Wie kamen Sie auf die Idee, dieses Buch herauszugeben? Gab es einen „Stein des Anstoßes“?

Dass Demokratie im Moment gesellschaftlich verhandelt wird und nicht mehr als selbstverständlich und uneingeschränkt schützenswert betrachtet wird, schien uns Anlass genug, über den Stand der Dinge im Bereich der Sozialen Arbeit zu fragen und hierzu eine Tagung und später das Buch zu veröffentlichen. Das Thema selbst erschien uns so wichtig, weil es einerseits historische Bezüge Sozialer Arbeit zur Demokratie gibt und diese andererseits durch ökonomische Unsicherheit, rechtspopulistische bis rechtsextreme gesellschaftliche Tendenzen, aber auch durch neue Herausforderungen, wie die Entwicklung hin zu einer Einwanderungsgesellschaft gekennzeichnet ist. Um dieses zu verstehen und die Funktion Sozialer Arbeit im Rahmen der Demokratieförderung und -wahrung analysieren,  beschreiben oder entwickeln zu können, ist eine Publikation für die scientific community quasi als Selbstvergewisserung, aber auch als Statement in die Gesellschaft und gegenüber anderen Disziplinen und Profession sehr wichtig. Und nicht zuletzt haben wir uns als aktueller Vorstand – getragen durch die Unterstützung und Zuarbeit unserer Mitglieder und auch der Kolleg*innen aus den Sektionen und Fachgruppen –  immer wieder zu Wort gemeldet, wenn aus fachlicher Sicht der Sozialer Arbeit ethisch und theoretisch unvernünftige und falsche politische Entscheidungen verhandelt wurden, wie z.B. zur Asylpolitik.

 

3) Hat sich der Forschungsbereich Demokratieförderung in der Sozialen Arbeit im Laufe der Zeit gewandelt? Wenn ja, inwiefern?

Die Auseinandersetzung mit dem Thema und auch die Arbeit an dem Sammelband hat gezeigt, dass der Forschungsbereich ‚Demokratie und Soziale Arbeit‘ momentan im Begriff ist, sich als eigener Bereich zu etablieren. Im Kontext von Sozialer Arbeit sind Forschungsfelder wie Partizipation, Teilhabe und Mitbestimmungsformen viel stärker entwickelt als mit dem großen Begriff der Demokratie zu arbeiten. Wir sehen es allerdings als dringend notwendig an, sich in der gegenwärtigen politischen Lage und vor dem Hintergrund der Infragestellung demokratischer Grundrechte für spezifische Adressat*innengruppen Sozialer Arbeit auch dem übergeordneten Kontext zu widmen.

 

4) Planen Sie derzeit weitere Publikationen?

Ja, nach dem Sammelband ist vor dem Sammelband! Derzeit arbeiten unsere beiden Vorstandskolleginnen, Barbara Thiessen und Claudia Steckelberg, an der Publikation zu unserem diesjährigen Tagungsthema „Wandel der Arbeitsgesellschaft – Soziale Arbeit in Zeiten von Globalisierung, Digitalisierung und Prekarisierung“, auch hier sind wieder spannende Beiträge zu erwarten. Zudem ist die Buchreihe auch immer offene für andere Themen bzw. Publikationsformate. So hatten wir vor unserem Band eine Monografie von Wolf Rainer Wendt („Wirtlich handeln in Sozialer Arbeit – Die ökosoziale Theorie in Revision“) sowie zu „Forschen und Promovieren in der Sozialen Arbeit, herausgegeben von DGSA-Mitgliedern, u.a. Gudrun Ehlert, Silke Gahleitner und Michaela Köttig.

 

5) Wir sind Autor*innen bei Budrich, weil …

… wir schon lange mit Budrich erfolgreich zusammenarbeiten und uns richtig gut aufgehoben fühlen.

 

Erschienen bei Budrich:

Cover Soziale Arbeit in der DemokratieMichaela Köttig, Dieter Röh (Hrsg.): Soziale Arbeit in der Demokratie – Demokratieförderung in der Sozialen Arbeit. Theoretische Analysen, gesellschaftliche Herausforderungen und Reflexionen zur Demokratieförderung und Partizipation

 

 

© pixabay 2019 / Foto: Bru-nO; Portrait Dieter Röh: privat