„Tragfähige europäische Kompromisse zu erarbeiten ist alles andere als selbstverständlich.“ – 5 Fragen an Henrik Uterwedde

5 Fragen an unsere Autor*innen Verlag Barbara Budrich

Deutschland und Frankreich sind wichtigste Partner in Europa. Dennoch: Es treten immer wieder Konflikte zwischen den beiden Ländern auf. Es drängt sich die Frage auf: Sind sie zu verschieden, um ein echter deutsch-französischer Motor zu sein? Henrik Uterweddes neues Buch Die deutsch-französischen Beziehungen. Eine Einführung beschreibt die vielfältigen Aspekte der bilateralen Beziehungen und erörtert Potenziale, Probleme und Grenzen einer spannungsreichen, aber konstruktiven Partnerschaft.

Kurzvita in eigenen Worten:

Ich bin Politikwissenschaftler (Studium, Abschluss und später Promotion an der FU Berlin) und habe ein Studienjahr am Politikinstitut Sciences Po in Paris verbracht. Daraus ergab sich die berufliche Weichenstellung, am Deutsch-Französischen Institut (dfi), einer kleinen Denkfabrik in Ludwigsburg, als Wissenschaftler und später als stellvertretender Direktor zu arbeiten. In diesem Spannungsfeld zwischen Wissenschaft und Politik habe ich mein gesamtes Berufsleben verbracht, ergänzt durch die Lehre an den Universitäten Stuttgart als Honorarprofessor und an der Universität Osnabrück als Privatdozent. Seit 2014 im Ruhestand, bleibe ich dem dfi weiter als freier Mitarbeiter verbunden. Schwerpunkte meiner Publikationen sind Politik, Wirtschaft und Gesellschaft in Frankreich und Deutschland, die deutsch-französischen Beziehungen in Europa sowie speziell die Wirtschaftspolitik.

 

1) Lieber Herr Uterwedde, bitte fassen Sie den Inhalt Ihrer aktuellen Publikation Die deutsch-französischen Beziehungen für unsere Leser*innen zusammen.

Diese Einführung beschreibt zum einen die vielen Facetten des deutsch-französischen Verhältnisses, die weit über die eigentlichen Regierungsbeziehungen hinausreichen: die wechselvolle Geschichte einer spannungsreichen Nachbarschaft, die Wirtschafts- und Währungsverflechtung, Bildung und Forschung, die vielfältigen zivilgesellschaftlichen Netzwerke, kulturelle Wechselwirkungen, …

Zum anderen geht es um die Zusammenarbeit der Regierungen und die Rolle beider Länder in der Europäischen Union. Das Buch erklärt, wie die Kooperation der Regierungen funktioniert, warum unterschiedliche Positionen, Streit und die Suche nach Kompromissen eng zusammengehören. Dabei wird klar: Die Fähigkeit, tragfähige europäische Kompromisse zu erarbeiten, ist alles andere als selbstverständlich und wird in einer auseinanderdriftenden EU immer schwieriger.

 

2) Wie kamen Sie auf die Idee, dieses Buch zu schreiben? Gab es einen „Stein des Anstoßes“?

Das Thema hat mich ja schon seit langem begleitet, aber in den letzten Jahren ist der nüchterne Blick auf Möglichkeiten, Leistungen und Grenzen der deutsch-französischen Zusammenarbeit zunehmend verloren gegangen. Statt dessen wird die schwierige Arbeit an Kompromissen herabgewürdigt oder gar als „Verrat“ an nationalen Interessen denunziert. Als ob es eine einfache „reine Lehre“ gäbe! Dieses Buch will zeigen, dass Europa nicht anders als durch Kompromisse zusammenwachsen kann; dass dies ein schwieriger, langwieriger, aber auch möglicher und letztlich lohnender Weg ist.

3) Wie würden Sie die deutsch-französischen Beziehungen in maximal drei Sätzen zusammenfassen?

Es handelt sich um ein besonderes Verhältnis – aufgrund der wechselvollen historischen Erfahrungen, die nach 1945 zu einem Neuanfang geführt haben, aber auch wegen der intensiven zivilgesellschaftlichen Verflechtungen. Es ist ein schwieriges Verhältnis, weil beide Länder unterschiedliche Erfahrungen, Kulturen, Interessen und politische Sichtweisen vorweisen. Schließlich sind beide Länder Kernstaaten der Europäischen Union, die die bilaterale Zusammenarbeit weitgehend bestimmt und ihren eigentlichen Horizont darstellt.

 

4) In Ihrem Buch beschreiben Sie auch zivilgesellschaftliche Kooperationen zwischen Deutschland und Frankreich, beispielsweise Städtepartnerschaften oder Austauschprogramme. Wie wichtig sind solche Aktivitäten jenseits der Regierungsebene aus Ihrer Sicht?

Die breite zivilgesellschaftliche Unterfütterung der deutsch-französischen Beziehungen ist in ihrer Art weltweit einmalig und gibt diesen Beziehungen ein breites bürgerschaftliches Fundament, das auch Spannungen und Konflikte zwischen den Regierungen aushalten kann. Alle diese Initiativen leben und gestalten die bilaterale Zusammenarbeit aktiv mit, aber ihr Horizont ist längst weiter geworden: Sie verstehen sich heute als Bausteine einer europäischen Bürgergesellschaft. Es stimmt zuversichtlich, dass auch andere europäische Länder immer stärker in diese partnerschaftlichen Netzwerke einbezogen werden.

 

5) Ich bin Autor bei Budrich, weil …

… ich mich mit meinen Buchprojekten hier gut aufgehoben fühle. Ob zu Beginn einer Publikationsidee, während der Schreibphase, im Herstellungsprozess oder bei der Vermarktung: Ich hatte immer Ansprechpartnerinnen, die meine Projekte sachkundig begleitet haben. Man spürt die Nähe und Präsenz der Verlegerin und ihres Teams, ebenso wie die Wertschätzung, die den Buchprojekten in diesem Verlag entgegengebracht wird.

 

Erschienen bei Budrich:

3D Cover Uterwedde Die deutsch-französischen BeziehungenHenrik Uterwedde: Die deutsch-französischen Beziehungen. Eine Einführung

Rezension zum Buch auf france-blog.info

 

 

© Pixabay 2019 / Foto: Bru-nO; Autorenfoto: Henrik Uterwedde; Titelbild gestaltet mit canva.com