„Wie alles zusammenhängt“ – 5 Fragen an … Detlef Garz, Klaus Kraimer und Gerhard Riemann

5 Fragen an unsere Autor*innen Verlag Barbara Budrich

In narrativen Interviews erzählen die beiden Soziologen Fritz Schütze und Ulrich Oevermann in Im Gespräch mit Ulrich Oevermann und Fritz SchützeEinblicke in die biographischen Voraussetzungen, die Entstehungsgeschichte und die Gestalt rekonstruktiver Forschungsansätze davon, wie sich ihre Arbeit – auch vor dem Hintergrund ihrer Lebensgeschichte – entwickelt hat und dabei spezifische Fragestellungen, thematische Linien, Forschungsmilieus und Arbeitsweisen entstanden sind. Unsere Autoren und Herausgeber des Bandes Detlef Garz, Klaus Kraimer und Gerhard Riemann waren so freundlich, uns „5 Fragen …“ zur Publikation zu beantworten.

  • Detlef Garz, Prof. Dr., Erziehungswissenschaftler und bis zu seiner Pensionierung 2016 Professor für Allgemeine Pädagogik und Qualitative Methoden an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz.
  • Klaus Kraimer, Prof. Dr., Privatdozent an der Universität Osnabrück, emeritierter Professor für Theorie, Empirie und Methoden der Sozialen Arbeit an der Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlandes (htw). Mitglied der study group „Tötungshandlungen in Einrichtungen des Gesundheitswesens“ am Hanse-Wissenschafts Kolleg in Delmenhorst.
  • Gerhard Riemann, Prof. Dr., Soziologe und bis zu seiner Pensionierung 2016 Professor für Soziale Arbeit an der Fakultät Sozialwissenschaften der Technischen Hochschule Nürnberg Georg Simon Ohm.

 

1) Liebe Herausgeber, bitte fassen Sie den Inhalt Ihrer aktuellen Publikation Im Gespräch mit Ulrich Oevermann und Fritz Schütze für unsere Leser*innen zusammen.

Der Band beruht auf autobiographisch-narrativen Interviews, die wir gemeinsam mit einigen Kolleg*innen vor einigen Jahren mit den Soziologen Ulrich Oevermann und Fritz Schütze durchgeführt haben. Mit ihren Namen verbinden sich jeweils zwei Analyseansätze, die in der rekonstruktiven Sozialforschung eine wichtige Rolle spielen: die Objektive Hermeneutik und die soziolinguistisch basierte Analyse sozialer Prozesse. Als wir sie baten, uns ihre Geschichte als Soziologen vor dem Hintergrund ihrer Lebensgeschichte zu erzählen, ging es uns darum, etwas von der Komplexität der unterschiedlichen Bedingungen und Prozesse sichtbar werden zu lassen, die zur Entstehung dieser Ansätze geführt haben. Solche Ansätze erscheinen oft – in der unübersichtlich gewordenen qualitativen Forschungslandschaft – als fremde und geschichtslose Gebilde, häufig tauchen stereotype, entwertende Fremdzuschreibungen und oberflächliche Leistungsvergleiche auf, die scheinbar die Orientierung erleichtern, aber tatsächlich Verwirrung stiften. Oft handelt es sich um elegant formulierten Quatsch. Die Idee war, solchen Tendenzen einer dekontextualisierten und verdinglichenden Rezeption dadurch etwas entgegenzusetzen, dass in den Erzählungen von Protagonisten sichtbar wird, „wie eins zum anderen gekommen ist“. Wir hofften, dass gerade durch mündliche autobiographische Stegreiferzählungen der Zugang zu den hier relevanten Entwicklungen erleichtert würde. Die Reaktion von ersten Leser*innen zeigt uns, dass das gelungen ist.

 

2) Wie kamen Sie auf die Idee, dieses Buch zu verfassen? Gab es einen „Stein des Anstoßes“?

Wir haben vor einigen Jahren zusammen mit Ulrich Oevermann und Fritz Schütze und weiteren Kolleg*innen am Hanse-Wissenschaftskolleg, Institute for Advanced Study, in Delmenhorst eine Study Group „Rekonstruktive Sozialforschung“ etabliert. In diesem Rahmen haben wir seitdem als Sozial- und Erziehungswissenschaftler*innen, die entweder in der Objektiven Hermeneutik oder der soziolinguistisch basierten Analyse sozialer Prozesse „zu Hause sind“, gemeinsam in Forschungswerkstätten Fallanalysen durchgeführt, um dem auf die Spur zu kommen, was uns verbindet und trennt. Das geschah primär in der Beschäftigung mit autobiographisch-narrativen Interviews, die einige von uns (vor allem Anja Wildhagen und Ursula Blömer) mit Informant*innen aus der ehemaligen DDR geführt hatten. Uns wurde immer wieder deutlich, wie viel man mit solchen Texten und anderen sprachlichen Materialien anfangen kann – welche Einblicke man auf diese Weise in Lebensgeschichten, aber auch in gesellschaftliche Zusammenhänge und die deutsche Geschichte erhält und darin, „wie alles zusammenhängt“. Vor diesem Hintergrund entstand die Idee, solche Materialien für etwas ganz anderes zu nutzen: um den Blick auf Prozesse zu richten, die zur Entstehung unserer eigenen Arbeitsweisen und -zusammenhänge beigetragen haben. Ulrich Oevermann und Fritz Schütze waren damit einverstanden, uns ihre Geschichte zu erzählen, auch wenn sie anfangs mit dieser Idee fremdelten. Aber sie haben das dann zu ihrer Sache gemacht.

 

3) Sie haben sich dazu entschieden, die Interviews nicht nur auf die akademische Laufbahn von Ulrich Oevermann und Fritz Schütze zu fokussieren, sondern auch deren private Lebensgeschichten einzubinden. War dies von vorneherein so geplant oder hat sich diese Entwicklung erst während der Interviews ergeben?

Das war uns von Anfang an so geplant. Allen Beteiligten war aufgrund ihrer eigenen Forschung  klar, wie viel mehr man mit Texten anfangen kann, die nicht durch vorschnelle thematische Engführungen eingeschnürt wurden. Wenn wir nur nach der „Karriere“ gefragt hätten oder nach der Entstehungsgeschichte des jeweiligen Ansatzes, dann wäre vieles außen vor geblieben, was jetzt in seiner Bedeutsamkeit sichtbar geworden ist. Uns ging es ja gerade darum, dass möglichst viel vom Ineinander von Lebensgeschichte, Gesellschaftsgeschichte, Universitäts- und Disziplingeschichte, von Generationenerfahrungen, von der Entstehung von Haltungen und Sinnquellen, von  Krisen und Suchbewegungen erkennbar werden sollte.

 

4) Gab es während der Aufnahme der Interviews einen Moment, der Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben ist?

Es gab viele Momente. So wie sich Leser*innen sicher ganz unterschiedliche Geschichten einprägen, ist es uns als Zuhörer*innen (und später Leser*innen) auch gegangen. Wir erinnern uns beispielsweise an Ulrich Oevermanns Darstellung, wie er schon als Kind eine Begeisterung für vogelkundliche  Erkundungen und Streifzüge entwickelt hat – und sich damit schon sehr früh eine ganz selbstverständliche Präferenz für In-situ-Forschung ausgebildet hat, die ihn bis heute geprägt hat. Und in Fritz Schützes Erzählung wird deutlich, wie wichtig bestimmte Freundschaften für seine Forschung und sein Leben wurden, vor allem die Freundschaft zu dem amerikanischen Soziologen Anselm Strauss und seiner Frau Fran.

 

5) Planen Sie derzeit weitere Publikationen im Stil von Im Gespräch mit Ulrich Oevermann und Fritz Schütze?

Nee. Aber vielleicht werden auch andere durch unseren Band dazu angeregt, so etwas zu machen. Wir glauben, dass solche Texte wertvoll sind, um den Blick auf Prozesse zu richten, die für die Entstehungsgeschichte der (rekonstruktiven) Sozialforschung bedeutsam sind. Und darüber hinaus tragen sie zur Aufklärung von Prozessen der Erkenntnisbildung in der rekonstruktiven Sozialforschung überhaupt bei.

 

Erschienen bei Budrich:

3D-Cover Im Gespräch mit Ulrich Oevermann und Fritz SchützeDetlef Garz, Klaus Kraimer, Gerhard Riemann (Hrsg.): „Im Gespräch mit Ulrich Oevermann und Fritz SchützeEinblicke in die biographischen Voraussetzungen, die Entstehungsgeschichte und die Gestalt rekonstruktiver Forschungsansätze

 

 

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