„Dialog als ethische Haltung, als Beziehungsqualität, Kommunikations- und Arbeitsform“ – 5 Fragen an Friederike Höher

5 Fragen an unsere Autor*innen Verlag Barbara Budrich

Unsere Autorin Friederike Höher hat sich anlässlich des Erscheinens der 2. Auflage ihres Buchs Menschliche Resilienz in Unternehmen – Dialog als Ressource. Grundlagen und Methoden auch für die agile Arbeitswelt Zeit für unsere 5 Fragen genommen.

 

Über das Buch:

Wie kann das Potenzial des Dialogs für Einzelne, Teams und Organisationen als Ressource für Resilienz genutzt werden? Wie unterstützt der Dialog Achtsamkeit in Organisationen, ihre Selbsterneuerungsfähigkeit und Agilität? Welchen Beitrag leistet er für persönliche Resilienz? Zu diesen Fragen erkundet dieses praxisnahe Buch Antworten. Es ist für alle geschrieben, die neue Wege in der Zusammenarbeit gehen wollen, für Führungskolleg*innen, Coaches, Facilitators sowie für Menschen aus pädagogischen und beratenden Berufen. Die zweite Auflage bietet aktualisierte Fallbeispiele, eine verbesserte Lesefreundlichkeit und eine aktualisierte Literaturliste.

 

Friederike HöherKurzvita von Dr. Friederike Höher in eigenen Worten:

Hier spielt meine Forschung zum Thema Mentoring eine wichtige Rolle. Das Angebot meiner Professorin zur Promotion habe ich 40 Jahre nach meinem Studium der Pädagogik inklusive Psychologie, Soziologie, Frauen- und Geschlechterforschung endlich umgesetzt, nachdem ich in Pädagogik, Beratung und Coaching reichhaltige Berufserfahrung gesammelt habe. Das Thema der Dissertation „Mentoring als vernetztes Lernen“ hat mich theoretisch wie empirisch auf die Spur wechselseitiger, dialogischer Lern- und Entwicklungsbeziehungen gebracht, wie sie in Mentoring und Coaching wirksam sind. Meine Forschungsarbeit diente primär einer wissenschaftlich fundierten Praxisreflexion und nicht der wissenschaftlichen Karriere. Ich freue mich, auch für die Wissenschaft Impulse gegeben zu haben, dieser Ansatz wurde von jungen Wissenschaftlerinnen und Studierenden ebenso wie von der wissenschaftlichen Coaching Community zu Kenntnis genommen. An diesem Dialog wünsche ich mir, weiter zu partizipieren.

 

1) Liebe Frau Höher, bitte fassen Sie den Inhalt Ihrer aktuellen Publikation Menschliche Resilienz in Unternehmen – Dialog als Ressource für unsere Leser*innen zusammen.

Ich stelle den Dialog als ethische Haltung, als Beziehungsqualität, Kommunikations- und Arbeitsform vor. Außerdem lote ich sein Potenzial für die Resilienz einzelner, Teams und Organisationen aus. Menschen und auch Organisationen stehen vor der dauerhaften Herausforderung, Krisen zu meistern und sich vorausschauend neu auszurichten. Dazu können aus meiner Sicht dialogische Lern- und Entwicklungsbeziehungen, dialogische Führung und Kommunikation und entsprechende Arbeitsformen einen entscheidenden Beitrag leisten. Wie, das erläutere ich an Beispielen und stelle Übungsanleitungen für die Umsetzung in der Praxis zur Verfügung. Dazu erfolgt themenbezogen jeweils eine kurze theoretische Grundlegung, Begriffe wie „systemisch“, „Resilienz“, „Achtsamkeit“, „Führung“, „Organisation und Organisationskultur“ u.a. werden erklärt, sodass die Leserinnen und Leser nicht nur Tools an die Hand bekommen, sondern sich auch ein gewisses Grundlagenwissen erschließen können, bis hinein in einige philosophischen Wurzeln des Dialogs.

 

2) Wie kamen Sie auf die Idee, dieses Buch zu schreiben? Gab es einen „Stein des Anstoßes“?

Ja. Sicher trug dazu bei, dass ich, wie im Buch beschrieben, als junge Frau die Qualität des Dialogs in Selbsterfahrung erleben konnte. Später, als ich dann meinerseits Dialogprozessbegleiter*innen ausbildete, hat mich gestört, dass vorwiegend Menschen aus sozialen, therapeutischen und pädagogischen Arbeitsfeldern sich dafür interessierten, obgleich es seit Anfang der 90er Jahre einen Zweig dialogischer Organisationsentwicklung, der in den USA am MIT (Massachusets Institute for Technology) entwickelt und in Unternehmen eingeführt wurde. Jetzt, viele Jahre später ist dieser Ansatz meines Erachtens im Zusammenhang mit kollegial geführten Unternehmen und kollaborativen Arbeitsformen im Zuge der Digitalisierung zu beerben und neu zu formulieren.  Diesen Ansatz, dialogische Lern- und Entwicklungsbeziehungen in Organisationen zu stärken, die einen Kulturwandel tragen und in Transformationsprozessen umso nötiger sind, will ich fördern.

 

3) Inwiefern unterscheidet sich die zweite Auflage des Buches konkret von der ersten?

Natürlich ist es aktualisiert, nicht nur hinsichtlich der verwendeten Literatur. Die Welt dreht sich sehr rasch weiter, und so nehmen die im Buch erzählten realen Geschichten drei Jahre später manchmal einen anderen Ausgang als beschrieben. Außerdem steht die Leserfreundlichkeit noch mehr im Vordergrund, der Fußnotenapparat ist verschlankt und es sind aus pragmatischen Gründen Kürzungen vorgenommen worden.

 

4) Die Zielgruppe des Buches ist vielfältig: Organisationsberater*innen, Coaches, Supervisor*innen, Personalentwickler*innen, Führungskräfte. Wie wird ein einzelnes Buch diesen sehr verschiedenen Gruppen gleichermaßen gerecht?

Ich denke, ja. Zumindest erhalte ich aus allen diesen Gruppen Rückmeldungen und Anfragen. Erfreulicherweise ist das Buch in entsprechenden Fachorganen positiv rezensiert worden. Die genannten Professionen haben ja auch durchaus miteinander zu tun, es gibt Schnittmengen.

 

5) Menschliche Resilienz in Unternehmen – Dialog als Ressource beinhaltet zahlreiche Übungen. Würden Sie uns eine davon kurz vorstellen?

Zentral sind Grundelemente des Dialogs nach David Bohm. Sie lassen sich mit anderen Arbeitsformen für Trainings, Team- und Organisationsentwicklung verbinden: Die Teilnehmenden sitzen im Kreis, Hierarchien spielen für die Phase des Dialogs keine Rolle. Das Gespräch entwickelt sich auf Basis der folgenden Prinzipien selbstgesteuert und ohne Gesprächsleitung:

  • Suspendieren: Bewertungen und Urteile in der Schwebe halten,
  • deep listening: nicht nur auf das Gesagte hören, auch auf das, was es in einem selbst an Gefühlen und Gedanken auslöst, und auf das, was noch nicht gesagt, aber implizit im Kreis vorhanden ist
  • authentisch und von Herzen sprechen, konkret und erfahrungsbezogen
  • plädieren statt andere überzeugen oder recht haben zu wollen
  • erkunden mit der Absicht, das Ganze zu entwickeln, statt zu analysieren, um Fehler anderer nachzuweisen
  • Entschleunigung

Um das zu ermöglichen, wird ein Sprechgegenstand eingesetzt: Wer diesen in der Hand hat, spricht, alle anderen hören zu. Anfangs kreist er reihum, man kann sich äußern, ist aber nicht gezwungen, es zu tun, Schweigen ist immer möglich. Dann liegt er in der Mitte des Kreises, und wer spürt, dass etwas gesagt werden will, nimmt ihn und spricht. Nach der eingangs vereinbarten Dialogzeit kreist er anders herum, und die Teilnehmenden geben ein Abschlussstatement. So kommen alle wichtigen Informationen, Ideen, Gefühle usw. zur Sprache. Das ist dann eine gute Grundlage für reife, durchdachte Entscheidungen und die Planung von Handlungsschritten, die sich in einem anderen Setting anschließen.

 

Friederike Höher im Budrich-Shop:

3D Cover Höher 2AFriederike Höher: Menschliche Resilienz in Unternehmen – Dialog als Ressource. Grundlagen und Methoden auch für die agile Arbeitswelt

2., überarbeitete Auflage

 

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