„Um das wissenschaftliche Publizieren ranken sich viele Mythen und Legenden.“ – 5 Fragen an Barbara Budrich

5 Fragen an unsere Autor*innen Verlag Barbara Budrich

Noch immer gilt für den Weg auf der akademischen Karriereleiter das alte Motto Publish or Perish. Ob etablierte*r Wissenschaftler*in oder noch No-Name: eigene Veröffentlichungen sind ein wichtiger, wenn nicht sogar der wichtigste Bestandteil des wissenschaftlichen Lebens. In ihrem Buch Erfolgreich Publizieren vermittelt Verlegerin Barbara Budrich mit Fokus auf die Sozial-, Erziehungs- und Geisteswissenschaften wertvolles Wissen für Autor*innen, um sich mit einer guten Publikationsstrategie erfolgreich in der scientific community zu platzieren.

 

Barbara Budrich PortraitKurzvita:

Barbara Budrich, MA; gelernte Verlagskauffrau (IHK); Studium der Anglistik, Geografie und Soziologie in Köln, St. Andrews und Berlin. Seit 2004 Verlegerin im Verlag Barbara Budrich, seit 2007 Schulungen und Coachings im Rahmen von budrich training. Mitglied im Verleger-Ausschuss sowie im Urheber- und Verlagsrechts-Ausschuss des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels.

 

1) Liebe Frau Budrich, bitte fassen Sie den Inhalt Ihrer aktuellen Publikation Erfolgreich Publizieren für unsere Leser*innen zusammen. Und wer sollte Ihr Buch unbedingt lesen?

Der Impuls, das Buch „Erfolgreich Publizieren“ zu verfassen, kam aus meiner langjährigen Erfahrung als Lektorin und Verlegerin. Aus Gesprächen mit dem wissenschaftlichen Nachwuchs – aber auch aus dem Austausch mit gestandenen Wissenschaftler*innen – hatte ich über die Jahre immer wieder viele Mythen und Legenden gehört, die sich um das wissenschaftliche Publizieren ranken. Kaum jemand hatte einen Überblick, niemand hatte mehr als die unmittelbaren eigenen Erfahrungen. Außer vielleicht noch ein paar unsystematisch weitergegebene individuelle Erfahrungen von anderen. Das Bild, das sich auf diese Weise zusammen- und im Kopf festsetzt, ist für jene Wissenschaftler*innen eine Katastrophe, die noch dabei sind, die eigene Karriere auf- und auszubauen.

Um hier einen Weg aufzuzeigen, um Verständnis für die Prozesse zu generieren, die in der „Black Box“ Verlag ablaufen, und um Kriterien an die Hand zu geben, die eigene Erfahrung zu kontextualisieren – das alles sind die Gründe, aus denen ich das Buch geschrieben habe. Und das sind die Inhalte.

 

2) Gab es einen konkreten Stein des Anstoßes für Sie, dieses Buch zu schreiben?

Ausschlaggebend dafür, dass ich mich auf zahlreichen Zugfahrten hingesetzt und die erste Auflage verfasst habe, war eine konkrete Begegnung. Ich war als Referentin eingeladen, zwei Stunden eines ganztägigen Workshops zu bespielen. Das Oberthema lautete „Wissenschaftskarriere“ und mein Part war „Publizieren im Verlag“. Ich war zu früh dran und die Workshopleiterin erlaubte mir, ihr zu lauschen. Sie sprach auch über wissenschaftliches Publizieren – und mir standen die Haare zu Berge!

Dann kamen Rückfragen aus dem Kreis der Teilnehmenden: Wie sie denn einen Verlag kontaktieren könnten? Was ihre Aufgaben seien? Wie sich das mit den Druckkostenzuschüssen verhielte? Ob sie unbedingt in der Buchreihe ihrer Betreuerin oder ihres Betreuers bzw. deren Zeitschrift veröffentlichen müssten? Und derlei mehr. Ich hörte einen Augenblick zu – und bat darum „ergänzen“ zu dürfen, was die Workshopleiterin sagte. Es ist einfach nicht wahr, dass nur gestandene Wissenschaftler*innen bei guten Verlagen eine Chance haben. Es stimmt einfach nicht, dass Verlage darauf aus sind, ihre Autor*innen „auszunehmen“. Es stimmt nicht, dass Verlage „nur einen Umschlag drum“ machen (für den Druck und das digitale Äquivalent für das eBook). Keine der Antworten meiner Gastgeberin konnte ich so stehen lassen. Und mir war das sehr unangenehm. Damals konnte ich weder ihr noch den Teilnehmenden ein Buch in die Hand drücken – das hat sich seither geändert und ich bin sehr froh darum!

 

3) Inwiefern unterscheidet sich die 3. Auflage des Buches von der vorherigen?

Das wissenschaftliche Publizieren hat sich in den letzten Jahren einerseits überhaupt nicht, andererseits stark verändert. Beidem trägt die Neuauflage Rechnung: Die Teile, die das traditionelle Publizieren in den Geistes- und Sozialwissenschaften erläutern, habe ich nur wenig aktualisiert.

Bereits in der 2. Auflage bin ich stärker auf die Besonderheiten der Dissertationspublikation und das Publizieren in Zeitschriften eingegangen. Und die 3. Auflage befasst sich nun noch intensiver mit dem Publizieren im Open Access unter CC-Lizenzen.

Freilich ist das wissenschaftliche Publizieren auch in unseren Fachbereichen weiterhin im Fluss – und dem wird die 4. Auflage gerecht werden müssen.

Ich bin von Verlagskolleg*innen und gestandenen Wissenschaftler*innen gefragt worden, warum ich das Buch nicht im Rahmen der utb publiziert hatte: Die utb ist als Marke für Studierende seit 50 Jahren eingeführt und zwar auch in jenen Fachbereichen, in denen ich mich aufgrund meiner Aktivitäten im Rahmen von budrich training gut auskenne, der Verlag Barbara Budrich aber nicht aktiv ist – namentlich in angrenzenden Sozialwissenschaften und den Geisteswissenschaften. Da Publizieren für die Wissenschaftskarriere und die wissenschaftliche Kommunikation insgesamt zentral ist, halte ich die Kenntnisvermittlung auch in diese Fachbereiche für wichtig – und die ist über die Publikation im Rahmen der utb leichter möglich.

 

4) Hat sich das Publizieren in den Sozial-, Erziehungs- und Geisteswissenschaften in Deutschland seit der 1. Auflage Ihres Buches gewandelt? Gibt es neue Herausforderungen, denen Autor*innen heute gegenüberstehen?

Open Access ist aus Sicht der Autor*innen ein neues Publikationsmodell, das viel Gutes verheißt, jedoch kritisch beäugt werden darf. Aus meiner Perspektive ist es naiv, anzunehmen, dass allein die kostenlose, nahezu ubiquitäre Verfügbarkeit von Material und Texten dazu führt, dass diese entsprechend rezipiert werden. Hier ist die Rolle der Verlage mit ihrer aktiven Programmpflege, Qualitätssicherung und ihren Vertriebs- und Marketingaktivitäten nach auch für Open Access enorm wichtig.

Auch die Annahme, die Autor*innen würden bei Open Access-Publikationen ihre „Rechte behalten“ – wie es häufig heißt –, erschließt sich mir nicht. Und doch ist Open Access eine Publikationsvariante, über die sich es lohnt, nachzudenken.

Die Publikation in „international ranked, peer-reviewed journals“, die vor allem für die Wissenschaftskarriere mehr und mehr an Bedeutung zu gewinnen scheint, ist eine Anforderung an Wissenschaftler*innen. Ob diese Forderung wirklich für alles und immer gilt – dies sollten sich Autor*innen durchaus fragen. Und: Es wird jungen Autor*innen gar zugeraten, den gleichen Text mehrfach in unterschiedlichen Medien zu veröffentlichen – rechtlich und ethisch ein No-Go –, um ausreichende Mengen an Publikationen vorzuweisen. Absurde Urständ, für deren Vermeidung Aufklärung und Beratung enorm wichtig ist.

In der allgemeinen Flut wissenschaftlicher Publikationen eine sinnvolle Positionierung und Karriereentwicklung zu verfolgen, ist in den letzten Jahren sicherlich nicht einfacher geworden.

 

5) Welche drei Tipps möchten Sie Autor*innen zum akademischen Publizieren mit auf den Weg geben?

  1. Kenne Dein Ziel! Nur wer weiß, was er oder sie erreichen möchte, hat eine Chance, dort hinzugelangen.
  2. Gute wissenschaftliche Texte zu verfassen, ist Handwerk und Kunst und braucht seine Zeit. Lerne, was gelernt werden muss, bilde Dich auch in diesem Bereich laufend weiter, lege den Schwerpunkt auf Qualität, nicht auf Masse und bleib dran!
  3. Wissenschaftliches Publizieren ist kein Großes Mysterium, das nur von den Eingeweihten erfolgreich betrieben werden kann. Wer sein Ziel kennt, eine Publikationsstrategie hat und dran bleibt, findet immer einen angemessenen Weg in die Fachöffentlichkeit.

 

Neu bei Budrich/utb:

3D Cover Erfolgreich PublizierenBarbara Budrich: Erfolgreich Publizieren. Grundlagen und Tipps für Autorinnen und Autoren aus den Sozial-, Erziehungs- und Geisteswissenschaften. 3. Auflage.

 

 

 

© Pixabay 2019 / Foto: Bru-nO; Autorinnenfoto: Verlag Barbara Budrich; Titelbild gestaltet mit canva.com