Read and Feed: Rezension zu „Der Schreibzeitplan“

Read and Feed ist ein Angebot der Budrich-Verlage für den wissenschaftlichen Nachwuchs.

Christian Wymann: Der Schreibzeitplan. Zeitmanagement für Schreibende

Der Titel mag abschrecken, so ging es zumindest mir. Überall soll es effizienter zugehen, insbesondere in der Universität. Die erfolgreiche Neoliberalisierung der Universitäten hat auch hier, wie in klassischen Unternehmen, die Selbstausbeutung zum höchsten Prinzip werden lassen. Oft genug versteckt sie sich auf perfide Weise hinter der eigenen Überzeugung, alles doch genau so zu wollen. Wenn die eigene Produktionsmaschinerie mal nicht so will und die Bilanz des Outputs nicht stimmt, muss halt mehr Selbstkontrolle, mehr Selbstdisziplin, mehr Selfmanagement her. Sich einen Schreibzeitplan aufzuerlegen, um seine Zeit besser zu managen und mehr zu schaffen – natürlich ganz aus freien Stücken –, passt da doch hervorragend ins Bild.

Ja, das stimmt… aber: Auch so kritische Geister wie Karl Marx, Rosa Luxemburg oder Susan Sontag waren darauf angewiesen ihr Schreiben und wissenschaftliches Arbeiten so zu organisieren, dass sie ihre diversen intellektuellen und politischen Aktivitäten unter einen Hut bekommen. Natürlich ist der Hinweis kein ausreichender Grund seine kritische Distanz zum Geschriebenen ganz aufzugeben. Allerdings reicht sie nach meinem Dafürhalten nicht aus, das Vorhaben eines Schreibplans per se als affirmative Anpassung an den Universitätsbetrieb zu disqualifizieren und das Ganze links (oder besser gesagt: rechts) von sich liegen zu lassen.

Denn das Problem dürfte vielen Schreibenden bekannt vorkommen: Es geht nur quälend voran, man ist unzufrieden mit dem, was man schreibt (oder man sitzt vor dem weißen Blatt und schreibt gar nichts), ständig sitzt es einem im Nacken, so dass man auch an das Schreibprojekt denkt, wenn man gerade nicht daran denken sollte, und wenn die Deadline näher rückt, folgen die schlaflosen Nächte und Schreibexzesse. Oder auch die Frage: Wie soll ich das (noch) schaffen bei all den anderen Verpflichtungen? Oft fühlen sich diese Phänomene an wie individuelle Unzulänglichkeiten. Wieso klappt es bei den anderen nur besser? Eben nicht – zumindest in den meisten Fällen. Und wenn doch, dann machen sie tatsächlich etwas anders. Und diese Dinge sind erlernbar. In etwas pathetischen Worten: Schreiben ist erlernbar.

An erster Stelle steht da wohl, eine beobachtende Distanz zum eigenen Schreiben einzunehmen, und an zweiter Stelle die Umsetzung bestimmter Methoden und Werkzeuge. Für beides ist das Buch Der Schreibzeitplan. Zeitmanagement für Schreibende von Christian Wymann zweifellos eine Lektüre und einen Praxistest wert. In zehn Schritten gibt er der Leserin übersichtlich einen Bausteinkasten an die Hand, um einen eigenen Schreibzeitplan zu erstellen. Das gesamte Buch ist auf eine pragmatische Anwendung ausgelegt, so dass die Kapitel kurz gehalten sind, zwischendurch zu Reflexionsübungen anregen, der Autor sowohl von eigenen wie auch von den Erfahrungen anderer Schreibenden berichtet und am Ende der Lektüre, folgt man dem Tipp des Autors, der eigene Schreibplan erstellt ist. Angenehm hervorzuheben ist dabei die Betonung, den methodischen Hinweisen nicht dogmatisch und verkrampft folgen, sondern sie für sich ausprobieren zu müssen. Zugleich wird aber auch die Wichtigkeit betont, den eigenen Plan ernst zu nehmen.

Eine solche Balance zu finden braucht Zeit und ist sicher kein Garant dafür, dass alle Probleme und Hindernisse beim Schreiben verschwunden sind. Schreiben bleibt, auch mit einem Schreibzeitplan, ein anstrengender und oft zäher Prozess, der einem viel Disziplin abverlangt. Realistisch gesehen, ist ein solcher Plan also eher ein idealtypisches Konstrukt, als einer, der eins zu eins umzusetzen ist. Dennoch ist es gut, ihn zu haben, um sich daran festzuhalten. Einerseits ermöglicht er einem, sich der Dynamiken bewusst zu werden, die sich beim Schreiben abspielen. Schon sie zu kennen und zu wissen, wie mit ihnen umgegangen werden kann, ist die Grundvoraussetzung für ein zufriedeneres Gefühl. Andererseits ist der Plan eine Hilfe, die Übersicht zu behalten über die verschiedenen Verpflichtungen und Schreibprojekte, um sich nicht zu verzetteln, später in Zeitnot zu geraten (es zumindest zu versuchen) und auch anderen Dingen noch nachgehen zu können. Mein kurzes Fazit lautet also: lesen, ausprobieren und hoffentlich weniger verzweifelte Schreibmomente haben.

verfasst von AS

 

Der Schreibzeitplan von Christian WymannChristian Wymann
Der Schreibzeitplan
Zeitmanagement für Schreibende
utb S.126 S. Kt. 9,99 € (D), 10,30 € (A)
ISBN 978-3-8252-4308-1

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*