Buen Vivir als Entwicklungsalternative in Lateinamerika

PERIPHERIE 2018 01

Politische Strategien des buen vivir. Sozialistische Regierungspolitik, indigene Selbstbestimmung und Überwindung des wachstumsbasierten Entwicklungsmodells*

Timmo Krüger

PERIPHERIE – Politik • Ökonomie • Kultur, Heft 1/2018, S. 29-54

Keywords: Bolivia, buen vivir, Ecuador, Politics of Scale, post-development, social movements
Schlagwörter: Bolivien, buen vivir, Ecuador, Politics of Scale, Post-Development, soziale Bewegungen

Im Konfliktfeld der sozial-ökologischen Krise[1] positionieren sich kritische Akteur_innen aus der Zivilgesellschaft und der Wissenschaft mit Forderungen nach grundsätzlichen Alternativen zum Primat des Wirtschaftswachstums. Die umfassende Kritik am Status quo initiierte einen Suchprozess nach Gesellschaftsentwürfen jenseits des entwicklungs- und modernisierungstheoretischen Paradigmas. Innerhalb dieser Post-Development-Debatten hat das Konzept des buen vivir eine besondere Stellung, da es im Kontext dekolonialer Bewegungen in Lateinamerika entwickelt wurde. Die dekoloniale Stoßrichtung macht buen vivir zu einem attraktiven Bezugspunkt für die Suche nach Alternativen zum wachstumsbasierten Entwicklungsmodell, das gemeinhin als „westlich“ verstanden wird. Die Forderung nach buen vivir, dem guten Zusammenleben zwischen Menschen und mit der Natur, geht auf politische Kämpfe in Bolivien und Ecuador zurück. Von dort aus wurde sie über verschiedene Akteur_innen in die internationale Umwelt- und Entwicklungspolitik sowie in die politischen Auseinandersetzungen in anderen Ländern getragen. Allerdings können derartige Prozesse nicht unilinear gedacht werden, da sie stets durch vielschichtige Wechselbeziehungen geprägt sind. In diesem Zusammenhang ist elementar, dass die Forderung nach buen vivir als Reaktion auf (neo-)koloniale Verhältnisse artikuliert wird. Gleichzeitig zeigt sich die Verwobenheit in inter- und transnationale Beziehungen in den – von manchen Akteur_innen konstatierten oder geforderten – Anschlüssen an „westliche“ (Denk-)Traditionen. Weiterhin liegt auf der Hand, dass die Rezeption in Europa und die transkontinentale[2] Zusammenarbeit, die beispielsweise durch politische Stiftungen forciert wird, wiederum Effekte auf die Auseinandersetzungen in den Andenländern hat.

Diese reziproken Beeinflussungen sind teilweise direkt intendiert, teilweise verlaufen sie aber auch hinter dem Rücken der involvierten Protagonist_innen. Nichtsdestotrotz ist den beteiligten Akteur_innen selbstverständlich stets bewusst, dass sie in ein komplexes Geflecht sozialer Beziehungen eingebunden sind. Daraus leiten sie bestimmte Handlungsstrategien ab, die ich in diesem Aufsatz als skalare Strategien beschreibe. Damit knüpfe ich an die theoretisch-konzeptionellen Überlegungen zu den Politics of Scale an (für eine Einführung in die Debatte vgl. Wissen u.a. 2008). Skalare Strategien zielen darauf ab, über die Produktion und Veränderung räumlich-institutioneller Politikarenen Machtverhältnisse zu festigen, zu verschieben oder zu bekämpfen (vgl. Wissen 2008). Klassischerweise geht es dabei um die Konstruktion politischer Ebenen (lokale, nationalstaatliche, supranationale und internationale Ebene) sowie die Konstruktion und Legitimation bestimmter Institutionen (Verein, Gemeinde, überregionale Organisation, Staat, Staatenverbund, Vereinte Nationen, internationale Organisation usw.), die auf diesen Ebenen agieren und bestimmte Verantwortungsbereiche sowie Entscheidungskompetenzen beanspruchen, die durchaus auch auf andere politische Ebenen durchschlagen können. Mit dem Scale-Begriff wird betont, dass die Existenz bestimmter Entscheidungsebenen inklusive der darin institutionalisierten Zuständigkeiten bestimmter Akteur_innen das Ergebnis von sozialen Kämpfen ist (vgl. Brad 2016: 356) – auch dann, wenn sie in der konkreten Situation für die beteiligten Akteur_innen als nicht verhandelbare Rahmenbedingungen erscheinen mögen. Mit dem Verweis auf die Kontingenz der etablierten räumlich-institutionellen Politikarenen wird gleichzeitig ihre strategisch-selektive Wirkung auf die gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse (und die Möglichkeit ihrer Veränderung) deutlich. Auf diese Prozesse reagieren Akteur_innen mit skalaren Strategien, die auf „die Schaffung neuer Entscheidungsebenen und die Verlagerung von Entscheidungen“ (Brad 2016: 356) zielen. Diese umkämpften Prozesse der „Rekonfigurierung der interskalaren Anordnungen“ (Mahon & Keil 2008: 35) werden auch als Rescaling bezeichnet. Die skalaren Strategien umfassen die Versuche der (Re-)Konstruktion bestimmter Vorstellungen von und Erwartungen an einzelne Entscheidungsebenen, aber auch die Bildung von Allianzen und Netzwerken innerhalb und zwischen verschiedener Scales sowie die Ausweitung oder Eingrenzung von Entscheidungskompetenzen. Für die Akteur_innen der sozialen Bewegungen, auf die ich in diesem Aufsatz fokussiere, steht dabei die Einschätzung und Produktion von Spielräumen, Einflusssphären und Möglichkeitsräumen im Vordergrund. Insofern interessieren mich weniger die konkreten institutionellen Arrangements auf verschiedenen skalaren Ebenen. Stattdessen lege ich den Schwerpunkt der Analyse auf den Horizont politischer Kämpfe: Auf welchen skalaren Ebenen sehen die Protagonist_innen des buen vivir emanzipatorisches Potenzial und in welche Politikarenen bringen sie sich wie ein, um dieses Potenzial zur Entfaltung zu bringen?

Im Sinne einer explorativen Analyse dieser Dynamiken werde ich im Folgenden die skalaren Strategien der beteiligten Akteur_innen herausarbeiten und diskutieren. Dazu gebe ich zunächst einen Überblick über die Aktivitäten, mit denen die verschiedenen Protagonist_innen versuchen, die Forderung nach buen vivir in lokalen, überregionalen, internationalen und transkontinentalen Arenen zu etablieren (1). Dabei zeigt sich, dass die Unterschiede in den skalaren Strategien in einem engen Zusammenhang mit Unterschieden in der verfolgten Programmatik stehen. Vor diesem Hintergrund diskutiere ich, inwieweit sich diese unterschiedlichen Strategien gegenseitig ergänzen oder Zielkonflikte darstellen (2).

Die Informationen und Einschätzungen der im nächsten Abschnitt folgenden Übersicht über die Protagonist_innen des buen vivir und ihrer Aktivitäten basieren auf einer ausführlichen Literatur- und Dokumentenrecherche. Aus der großen Anzahl an Publikationen zum buen vivir habe ich die Texte bzw. Textstellen analysiert, in denen explizit oder implizit Aussagen über skalare Strategien getroffen werden. Zusätzlich habe ich einzelne Protagonist_innen[3] um ihre Einschätzung zu bestimmten Prozessen und Strategien gebeten, um Erkenntnisse aus der Recherche verifizieren und offen gebliebene Fragen klären zu können. Aus dem von mir gewählten Zugang zum Untersuchungsfeld ergeben sich einige Einschränkungen. Aus forschungspragmatischen Gründen habe ich meine Recherche auf Akteur_innen aus Bolivien, Ecuador und Deutschland beschränkt: auf organische Intellektuelle[4], indigene Gemeinden und Organisationen, politische Stiftungen und Regierungsparteien. Da diese Protagonist_innen in den Auseinandersetzungen um buen vivir sehr präsent sind, werden mit diesem Fokus besonders wirkungsmächtige Akteur_innen erfasst. Allerdings gibt es auch in anderen Gesellschaften politische Dynamiken rund um die Forderung nach buen vivir (neben weiteren lateinamerikanischen Ländern trifft dies beispielsweise auf Frankreich, Österreich und Spanien zu), über die ich hier keine Aussagen treffen kann. Weiterhin bringt der gewählte Zugang zum Untersuchungsfeld zwangsläufig einen Fokus auf Eliten mit sich – wenngleich immerhin Eliten verschiedener gesellschaftlicher Bereiche Beachtung finden. Die Folge ist, dass die Bedeutung von organisationsinternen Bottom-up-Prozessen kaum berücksichtigt werden kann. Gleiches gilt für interne (Macht-)Konflikte und Deutungskämpfe kollektiver Akteur_innen (beispielsweise innerhalb einzelner Organisationen), die ebenfalls nicht beleuchtet werden. Insofern sind die folgenden Ausführungen diesbezüglich etwas schematisch, weil sie den Brüchen und Hybriditäten innerhalb der (hier als homogen beschriebenen) Akteur_innen nicht nachspüren.

* Ich danke Philipp Altmann für seine präzisen Anmerkungen zu den zentralen Argumenten dieses Aufsatzes. Weiterhin danke ich den beiden anonymen Gutachter_innen für ihre wertvollen Kommentare und Anregungen.
[1] Seit den 1970er Jahren wird in der politischen und wissenschaftlichen Öffentlichkeit das Verhältnis des Menschen zur Natur als krisenhaft begriffen (vgl. Görg 2003: 9f). Auslöser dieser Problematisierung der gesellschaftlichen Naturverhältnisse waren Phänomene wie der anthropogene Klimawandel oder der Verlust der Biodiversität. Diese Phänomene als Krise zu interpretieren, impliziert die Annahme, dass die herkömmlichen gesellschaftlichen Institutionen nicht (mehr) angemessen auf ökologische Probleme reagieren können.
[2] Ich verwende im Folgenden den Begriff „transkontinental“, um den Unterschied zu transnationalen Prozessen innerhalb der kontinentalen Ebene zu betonen.
[3] Ich habe zu allen in diesem Aufsatz behandelten Akteurstypen Kontakt aufgenommen (mit Ausnahme der Regierungen, da sich aus der Recherche keine offenen Fragen in Bezug auf deren skalare Strategien ergeben haben). Geantwortet haben mir: Alberto Acosta (Wirtschaftswissenschaftler am ecuadorianischen Sitz der Lateinamerikanischen Fakultät der Sozialwissenschaften FLACSO sowie ehemaliger Präsident der Verfassunggebenden Versammlung Ecuadors), Ulrich Brand (Politikwissenschaftler an der Universität Wien sowie Mitglied der Grupo Permanente de Trabajo sobre Alternativas al Desarrollo), Gustavo Endara (Mitarbeiter der Friedrich-Ebert-Stiftung, Regionalbüro Ecuador) und Miriam Lang (Soziologin an der Universidad Andina Simón Bolívar in Ecuador, von 2009-2015 Leiterin des Regionalbüros Anden der Rosa-Luxemburg-Stiftung).
[4] Der Begriff des „organischen Intellektuellen“ wird im Abschnitt 1.2 erläutert.

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