Neues und Tiefgehendes zu Autoritarismus

Björn Milbradt

Über autoritäre Haltungen in ‘postfaktischen’ Zeiten„Die Autoritarismusforschung hat sich lange Zeit insbesondere auf die Entwicklung neuer Skalen beschränkt und wenig theoretische Überlegungen angestellt. Ich hoffe, dass mein Buch hier als ein Kontrapunkt gelesen werden könnte, dass einen Versuch macht, aktuellen Entwicklungen nicht nur beschreibend, sondern auch erklärend zu begegnen und der derzeit zahlreichen, aber doch sehr oberflächenhaft-phänomenbezogen und beschreibenden Literatur zum Rechtspopulismus einen erneuerten Erklärungsversuch an die Seite zu stellen.“, sagt Björn Milbradt, Autor des Buches „Über autoritäre Haltungen in ‚postfaktischen‘ Zeiten“. Lesenswert für alle mit einem Hang zur tieferen Durchdringung der Materie und der Gewohnheit, selbst zu denken.

Der Autor war so nett, uns ein paar Fragen zu seinem Buch zu beantworten.

Lieber HErr Milbradt, was hat Sie bewogen, dieses Buch zu schreiben?

Björn Milbradt: Ich habe mich bereits während meines Studiums für Fragen von Ausgrenzung, Ideologien, Gewalt, Autoritarismus und Vorurteilen auf der einen Seite und solchen nach einer gelingenden, demokratischen, freien und gerechten Gesellschaft auf der anderen Seite interessiert. Warum befürworten Menschen autoritäre Gesellschaftsordnungen? Warum glauben Menschen Propaganda? Was ist überhaupt Autoritarismus, und wie entsteht er? Wie hängt er mit Ideologien wie dem Rassismus und dem Antisemitismus zusammen? Dies beschreibt nach wie vor einen großen Teil meiner akademischen Tätigkeit. Mein Buch „Über autoritäre Haltungen in ‘postfaktischen’ Zeiten“ ist hier ein Versuch, über diese Fragen in ganz grundsätzlicher Art und Weise nachzudenken, dies für andere zugänglich zu machen und hoffentlich den einen oder anderen sinnvollen Gedanken zu entwickeln, der mir und meinen Leserinnen und Lesern ein paar Aspekte der Gesellschaft besser zu verstehen hilft. Wichtig ist mir auch, den theoretischen Charakter des Buches zu betonen. Es gibt mittlerweile diverse Bücher im Stile von „Logik für Demokraten“ oder „Mit Rechten reden“ – diese sind sicherlich sehr sinnvoll und werden von mir ja auch zitiert und verwendet. Gleichzeitig kommt man zum Verständnis komplexer gesellschaftlicher Problemlagen aber nicht um entsprechend komplexe theoretische Gedanken herum. Diese zu entwickeln ist ein weiterer Beweggrund für das Buch – zumal es meiner Ansicht nach gerade die theoretischen Versuche des Verstehens sind, die derzeit nicht unbedingt wie Sand am Meer publiziert werden.

An welche Ereignisse der jüngsten Zeit bzw. an welche allgemeineren Erfahrungen knüpft Ihr Buch thematisch an?

Dies sind zweifellos die Erfolge rechtspopulistischer Bewegungen und autoritärer Staaten in den letzten Jahren. Einen erheblichen Teil meines Lebens (ich bin 1979 geboren) habe ich in der Hoffnung verbracht, dass undemokratische, totalitäre Ideologien und Systeme auf dem Rückzug sind. Auch wenn ich mich in meiner Arbeit früh auf Gewalt, Autoritarismus und Vorurteile konzentriert habe, so habe ich sie lange Zeit unbewusst doch als ein „Spezialphänomen“ angesehen, das zwar gewisse Bevölkerungsgruppen betrifft, aber doch sicherlich kaum mehr in demokratischen Gesellschaften die Oberhand gewinnen kann. Die Entwicklungen der letzten Jahre haben nicht nur mir schmerzlich bewusst gemacht, dass diese Annahme falsch ist. In verschiedenen osteuropäischen Staaten und Russland sind die demokratischen Bewegungen und Aufbruchshoffnungen längst von autoritären Gesellschaftsformationen überlagert oder ersetzt. In Österreich regieren die Rechtspopulisten, in den USA eine weit nach rechts gerückte republikanische Partei, und auch in Deutschland feiern rechtspopulistische Bewegungen und Parteien Erfolge. Diese Entwicklungen, insbesondere das „Wie?“ und „Warum?“, verlangen nach Antworten und nötigen uns auf, uns erneut ganz grundlegend mit den individuellen, institutionellen und gesellschaftlichen Voraussetzungen für Freiheit und Demokratie zu befassen.

Welche Erkenntnisse aus Ihrem Buch bieten den LeserInnen den größten Vorteil?

Ein vertieftes, soziologisches Verständnis für gegenwärtige Entwicklungen. Zum Thema Rechtspopulismus kommen derzeit viele Bücher auf den Markt, die aber entweder vor allem das Phänomen beschreiben oder teilweise recht ratgeberhaft daherkommen. Das hat seine Berechtigung und trägt zu unserem Verständnis dieser Phänomene bei. Soziologische und sozialphilosophische Theorien aber helfen uns, hier eine breitere Reflexion und Einordnung zu entwickeln und einen Blick gewissermaßen auf die „Tiefenschichten“ der Gesellschaft zu werfen. Eine gewisse Skepsis habe ich bei der Frage nach „Vorteilen“ aber, falls man sie so versteht, dass man hier eine Art soziologisches Kochbuch in die Hand bekommt, das einem Rezepte zum umstandslosen Verständnis der Gesellschaft liefert. Denn warum Menschen derzeit aus freien Stücken lieber die Unfreiheit, den Autoritarismus und die Lüge wählen als Freiheit, Demokratie und Wahrheit, kann man nicht in ein paar Absätzen erklären und verstehen. Dies zu realisieren und mit meinem Buch ein unzeitgemäß „langsames“ Denken und Nachdenken über die Gesellschaft in die Hand zu bekommen, könnte – wenn man so will – ein weiterer Vorteil des Buches sein.


Ebenfalls von Björn Milbradt mit verfasst:

Ruck nach Rechts? Rechtspopulismus, Rechtsextremismus und die Frage nach Gegenstrategien

 

Foto: privat – mit freundlicher Genehmigung des Autors.