Kinder auf der Flucht – was die Kinder- und Jugendhilfe lernen kann

Maria Kurz-Adam hat in unserem Hause 2016 und 2017 zwei Bücher veröffentlicht. „Kinder auf der Flucht“ erschien 2016, gefolgt von „Die Welt retten“ 2017. Beide Bücher betonen die Wichtigkeit des Helfens und der Menschlichkeit angesichts der aktuellen Migrationslage. Wer ist die Autorin und wie kam sie auf die Idee, „Kinder auf der Flucht“ zu schreiben?

Maria Kurz-AdamMaria Kurz-Adam  in Stichworten: früher Professorin für Psychologie in der Sozialen Arbeit, später Leitung des Stadtjugendamtes München, jetzt, in behutsamen Schritten in die Zukunft, möglicherweise eine Schriftstellerin.

Frau Kurz-Adam, Was hat Sie bewogen, dieses Buch zu schreiben?

Einmal bin ich spät nachts durch eine Kaserne gegangen, die zum Auffanglager für Geflüchtete bestimmt war. In dieser Nacht bin ich zwei Kindern begegnet, sehr kleinen Kindern, die mit ihrer jungen Mutter auf dem unheimlich leeren Gelände unterwegs waren. Ich weiß noch, wie ich gedacht habe: warum sind diese Kinder jetzt, mitten in der Nacht, hier unterwegs? Gibt es keinen anderen Ort für sie, einen, zu dem die Mutter Vertrauen hat? Und: Wo sind die Helfenden?

Später haben sich die Bilder von Kindern auf der Flucht tausendfach potenziert – wir haben den kleinen aufgedunsenen Jungen sehen müssen an der Küste des Mittelmeers, wir haben Kinder und Jugendliche gesehen, die in den Schlangen an den Grenzen Europas stehen, Kinder, die in den Erstaufnahmeeinrichtungen, den ganzen Tag unbetreut zwischen den traumatisierten Erwachsenen wie kleine Geister herumziehen. Und wieder die Frage: Wo ist die Pädagogik, wo sind pädagogisch gestaltete Räume der Hilfe, dort, ganz vorne, wo das Elend der Flucht so eindringlich sichtbar ist?

Viele Jahre habe ich mich mit dem Ausbau, dem Umbau, der Professionalisierung und der rechtlichen Weiterentwicklung der Kinder- und Jugendhilfe in Deutschland befasst. Eine schöne Aufgabe, ein schönes Hilfesystem, sehr offen, immer noch eine großzügig gefasste Hilfe im Vergleich zu vielen anderen Hilfesystemen. Aber wo war die Jugendhilfe jetzt, wo sie einem massenhaften Elend gegenüberstand, das im eigenen Land zu sehen war? Wo waren die Helfenden, wo waren die Diskussionen, die Fachtagungen, die Streitschriften? Es hat viel zu lange gedauert, bis den Kindern geholfen wurde, und es dauert auch heute noch vielerorts zu lange. Und wir wissen alle, dass Zeit für Kinder etwas anderes ist als für uns: Ein Tag, eine Woche, ein Monat ohne Hilfe können für Kinder eine Lebenszeit sein.

Das war der Anfang. So ist mein Buch entstanden.

Und was soll Ihr Buch erreichen?

„Kinder auf der Flucht“ ist eine Streitschrift, die sich für eine offene und selbstbewusste Kinder- und Jugendhilfe einsetzt. Kindeswohl ist nicht durch Grenzen, Nationalitäten oder Zuständigkeiten teilbar. Was kann, was muss ein sozialpolitisch so wichtiges Hilfesystem aus seinen Erfahrungen mit der Flucht lernen, wie kann es sich auch politisch positionieren, wie kann es sich für die Zukunft öffnen, damit den Kindern auf der Flucht früh und selbstbewusst Hilfe zukommen kann?

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