Helfen ist unsere Kultur

Die Welt retten Kurz-Adam

Maria Kurz-Adam hat in unserem Hause 2016 und 2017 zwei Bücher veröffentlicht. „Kinder auf der Flucht“ erschien 2016, gefolgt von „Die Welt retten“ 2017. Beide Bücher betonen die Wichtigkeit des Helfens und der Menschlichkeit angesichts der aktuellen Migrationslage. Wer ist die Autorin und wie kam sie auf die Idee, „Die Welt retten“ zu schreiben?

Maria Kurz-Adam

Maria Kurz-Adam in Stichworten: früher Professorin für Psychologie in der Sozialen Arbeit, später Leitung des Stadtjugendamtes München, jetzt, in behutsamen Schritten in die Zukunft, möglicherweise eine Schriftstellerin.

Liebe Frau Kurz-Adam, was hat Sie bewogen, dieses Buch zu schreiben?

Zu Beginn des Schreibens hatte ich die Bilder der vielen Helfenden im Kopf, die in der Zeit der „Flüchtlingskrise“ ohne Umstände und ohne Bedingungen geholfen haben. Wie haben sie diese festgezurrten und abgesicherten Formen bürokratisch organisierter Hilfe überwinden können? Und zugleich habe ich – mit wachsendem Erstaunen und Grauen – die erst leisen, dann immer lauteren Veränderungen im gesellschaftlichen Diskurs zu Flucht und Migration wahrgenommen. Sätze sind wieder gefallen, die ich nicht für möglich gehalten hätte – „Wir können nicht allen helfen“ ist einer davon, oder: „Wir können nicht die Welt retten“. Oder: „Wir müssen die Widersprüche aushalten“. Oder: „Wir dürfen keine Anreize schaffen“.

Diese Sprachformen sind nicht alleine Äußerungen, wie wir sie aus einer medial vermittelten Politik kennen. Erschreckender war für mich, dass sie mir auch in der wirklichen Praxis der helfenden Professionen – auch in der Sozialen Arbeit – begegnet sind. Wohin ist das Helfen verschwunden? Wohin ist diese Form des Helfens gewandert, die sich nicht zögerlich hinter Bedenken, Vorschriften, Theorien und Diskursen versteckt? Hat die Professionalisierung des Helfens am Ende ihren Beitrag dazu geleistet, dass das Helfen verschwindet? Hat die Soziale Arbeit das Helfen verlernt?

Ich wollte ein Buch schreiben, das dieses Helfen, das einmal die Wurzel der helfenden Berufe war, sucht und vielleicht wiederfindet und verteidigt. Ich wollte darüber schreiben, dass es, wie Adam Smith vor vielen hundert Jahren geschrieben hat, eine extreme Humanität geben muss, die nur scheinbar hilflos ist. Sie ist, obwohl sie hilflos ist, die wirkliche Kultur in unseren sozialen Beziehungen. Ich wollte dieses Helfen, diese einfache und absolute Humanität, herausschälen aus dem Panzer, den die Professionalisierung der helfenden Berufe um das Helfen in der Wirklichkeit gelegt hat.

Was lehrt uns Ihr Buch?

Jede und jeder macht irgendwann im Leben eine Erfahrung des Helfens, die sich in der Erinnerung festsetzt. Das ist mein Ausgangspunkt. Was bedeutet diese Erfahrung für mich? Was lehrt sie mich, über das Helfen als einen kulturellen Akt der Beziehung zwischen Menschen? Warum erinnere ich mich an dieses Helfen? Was war daran besonders, einzigartig?

Von diesem Punkt aus suche ich nach Antworten auf die Frage nach der Bedeutung des Helfens für uns und unsere Kultur.  Eine schwierige Suche: Denn ich sehe, dass das Helfen vor allem dort, wo es professionell organisiert ist, allmählich verschwindet hinter Theorien, Formularen, hinter professionellen Fragetechniken, hinter Eingangstüren, Praxisschildern, Wartezeiten, hinter Diskursen über Selbstverantwortung und vieles andere mehr.

Mein Buch macht sich auf die Suche nach der Bedeutung des Helfens für unsere Kultur und nach dem Verschwinden in der Geschichte des Helfens. Und es macht dabei die Entdeckung, dass das Helfen an unerwarteten Stellen wiederentdeckt wird, dass es gebraucht wird, dass es möglich ist. Wer hilft, bezieht Position. Wer hilft, ist nicht naiv, sondern zeigt Mut.

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