Für eine Erweiterung des ethnographischen Schreibens

ZQF 2017 01

Interdisziplinäre Tradition und disziplinäre Konvention in der erziehungswissenschaftlichen Ethnographie

Georg Breidenstein

ZQF – Zeitschrift für Qualitative Forschung, Heft 1/2017, S. 5-23

Zusammenfassung
Der Beitrag möchte eine bestimmte Routine ethnographischen Schreibens, die sich in der deutschsprachigen erziehungswissenschaftlichen Ethnographie etabliert hat, irritieren: Jene Konvention, die Ausschnitte aus Beobachtungsprotokollen als „Daten“ präsentiert und interpretiert, wird auf ihre möglichen Hintergründe sowie auf ihre Implikationen hin diskutiert. Plädiert wird für eine Erweiterung der Repertoires ethnographischen Schreibens, die sich durch den transdisziplinären und internationalen Diskurs anregen lässt.
Schlagworte: Erziehungswissenschaftliche Ethnographie, Ethnographische Autorenschaft

Abstract
This contribution describes and discusses a particular format of ethnographic writing which is identified within Germanspeaking ethnography in education. The format is characterized by the presentation of pieces of fieldnotes as “data” and by the small scale interpretation of this data. The article asks about the methodological implications of this style of ethnographic writing.
Keywords: Ethnography in Education, Ethnographic Writing

Vorbemerkung: Der folgende Beitrag geht auf einen Vortrag im Rahmen einer Tagung zum Zusammenhang von Ethnographie und Erziehungswissenschaft zurück[1]. Es handelte sich also zunächst einmal um einen Diskussionsbeitrag zum Zwecke der Selbstverständigung unter Ethnographinnen und Ethnographen innerhalb der Erziehungswissenschaft. Mit der Publikation im Kontext eines Themenheftes zu Interdisziplinarität in der qualitativen Bildungsforschung ist nun möglicherweise das Risiko verbunden, das eigene „Nest“ zu beschmutzen und ethnographisch forschenden Kolleginnen und Kollegen auf die Füße zu treten. Doch ich trete mir zunächst einmal und hauptsächlich selbst auf die Füße, wobei die Reaktionen auf den erwähnten Vortrag mich dazu ermutigt haben, die Thesen auch in dieser Form zur Diskussion zu stellen. Ich bin mir dabei darüber im Klaren, mit den folgenden zugespitzten Überlegungen, weder der differenzierten Praxis ethnographischen Schreibens noch dem Stand der methodologischen Diskussion tatsächlich gerecht zu werden. Ich wäre dementsprechend froh, wenn der Text als ein Diskussionsbeitrag verstanden werden würde, der darauf zielt, eine gewisse Routine ethnographischen Forschens und Schreibens zu irritieren.

1 Interdisziplinäre Irritationen

Die Ethnographie hat sich in den Erziehungswissenschaften in den letzten 10 bis 15 Jahren als eine zentrale Strategie empirischer Forschung etabliert. Ablesen lässt sich das an zahlreichen Forschungsprojekten und Publikationen. Ethnographische Studien finden sich in allen Feldern erziehungswissenschaftlicher Forschung: in der Schul- und Unterrichtsforschung, in der Kindheits- und Jugendforschung, in sozialpädagogischen Praxisfeldern und in der Erwachsenenbildung[2]. Seit 2006 finden etwa alle zwei Jahre größere Tagungen zu erziehungswissenschaftlicher Ethnographie statt. Diese Tagungen erfreuen sich großen Zulaufs, greifen aber interessanter Weise auf keinerlei institutionalisierte Basis zurück, sondern finden an wechselnden Orten auf Initiative wechselnder Veranstalter statt. Die Tagungsbeiträge, die in entsprechenden Publikationen dokumentiert sind (vgl. Hünersdorf/Maeder/Müller 2008; Heinzel u.a. 2010; Friebertshäuser u.a. 2012; Tervooren u.a. 2014), befassen sich mit spezifischen Problemen ethnographischen Forschens in pädagogischen Feldern, stellen exemplarische Studien vor und diskutieren in methodologischer Perspektive sowie grundlagentheoretischer Absicht die Frage nach der Spezifik erziehungswissenschaftlicher Ethnographie. Diese wird in der Regel im Gegenstandsbezug gesehen, dem Forschungsfeld oder auch pädagogischer Praxis als solcher (vgl. Hünersdorf 2008; Thole 2010). Zur Debatte steht gelegentlich auch eine besondere Affinität pädagogischer Reflexion und ethnographischer Feldforschung (vgl. Zinnecker 2000; Friebertshäuser 2008).

Wie auch immer man deren Spezifik bestimmen möchte, Einigkeit herrscht darüber, dass eine erziehungswissenschaftliche Ethnographie nur vor dem Hintergrund der ethnographischen Forschungstraditionen in der Ethnologie und in der Soziologie zu verstehen und zu begründen ist (vgl. Tervooren u.a. 2014). Aus der Herkunftsdisziplin der Ethnographie, der Ethnologie bzw. Kulturanthropologie, übernimmt man das Konzept der Feldforschung als einer methodenpluralen Forschungsstrategie, in deren Zentrum die teilnehmende Beobachtung steht und die sich auf umfassende kulturanalytische Fragestellungen richtet (vgl. z.B. Friebertshäuser/Panagiotopoulou 2010). Aus der soziologischen Tradition der „Chicago School“ heraus interessiert der alltags- und kultursoziologische Analysefokus; es ist das viel zitierte Konzept von der „Befremdung der eigenen Kultur“ (Amann/Hirschauer 1997) dass die die methodologische Grundlage dafür liefert, dass man ethnographische Forschungsstrategien auch und gerade in jenen Forschungsfeldern in Anschlag bringen kann, die scheinbar (allzu) vertraut sind, wie etwa schulischer Unterricht (vgl. Breidenstein 2008; 2010).

Während die disziplinäre Spezifik einer erziehungswissenschaftlichen Ethnographie sich also im Wesentlichen über den Forschungsgegenstand und zum Teil auch über die Forschungsfragen konstituiert, verortet man sich methodologisch und methodisch in einer interdisziplinären Forschungstradition. Demgegenüber möchte der folgende Beitrag dem Verdacht nachgehen, dass sich (unter der Hand) in der deutschsprachigen erziehungswissenschaftlichen Ethnographie eine Konvention ethnographischen Forschens und Schreibens etabliert hat, die ihrerseits möglicherweise als disziplinäre Spezifik reflektiert werden muss.

Die Routinen und selbstverständlichen Gepflogenheiten der eigenen Forschungspraxis zeigen sich wahrscheinlich am ehesten, wenn sie durch einen Außenblick irritiert werden. Der angesprochene Verdacht hat sich bei mir jedenfalls angesichts einer befremdenden Begegnung mit der anderen Disziplin eingestellt. Diese Begegnung liegt zwar schon einige Jahre zurück, aber sie war doch recht eindrücklich: Ich war im gemeinsamen Kolloquium des Instituts für Ethnologie der Universität Halle und des Max-Planck-Instituts für Ethnologie eingeladen, um meine Arbeit vorzustellen. Dort habe ich das getan, was ich in der Regel tue, wenn ich ethnographische Forschung präsentiere: Ausschnitte aus Beobachtungsprotokollen zeigen und diese, zumeist sequenzanalytisch, interpretieren. Die Kolleginnen und Kollegen aus der Ethnologie waren interessiert, aber doch auch befremdet. In der anschließenden Diskussion wurde deutlich, dass ein solches Vorgehen keineswegs ethnologischen Gepflogenheiten entspricht. Ethnologen zeigen auch gerne Daten aus der Feldforschung, aber weniger um sie irgendeinem Verfahren folgend zu interpretieren, als um das, was sie eigentlich erzählen wollen, zu illustrieren. Das Ergebnis ethnologischer Ethnographie beruht zwar in Teilen auch auf bestimmten Prozeduren der Datenanalyse, stellt sich aber im Kern als eine Mischung aus erworbener Feldkenntnis, spezifischer Expertise sowie der Auseinandersetzung mit vorliegender Forschung und aktuell gehandelten Großtheorien dar. In der Diskussion meines Beitrages hat man sich dann jedenfalls darauf geeinigt, dass es sich dabei wohl um eine besondere Spielart „mikrosoziologischer“ Ethnographie handeln müsse. Ein weiteres, ähnliches, Befremdungserlebnis hatte ich bei meiner ersten Teilnahme auf der „Oxford Ethnography in Education Conference“. Auch dort hat der Stil der Darstellung der Ethnographie für eine gewisse Verwunderung beim internationalen, englischsprachigen Publikum gesorgt. Man kam ebenfalls zu dem Schluss, es müsse sich um so etwas wie „micro-ethnography“ handeln, wenn jemand so an den Interaktionsdaten hängt und sich so wenig um Gesellschaftstheorie kümmert[3].

Vor dem Hintergrund solcherart Irritationen soll im Folgenden also eine Konvention der Darstellung ethnographischer Forschungsergebnisse als mögliches Spezifikum deutschsprachiger erziehungswissenschaftlicher Ethnographie herausgearbeitet und in ihren Implikationen diskutiert werden. Ich nenne diese Konvention den „Daten interpretierenden Stil“. Doch zunächst soll auf Probleme ethnographischer Autorschaft in einem übergreifenden Sinn aufmerksam gemacht werden – Probleme, die in der ethnologischen Tradition intensiv diskutiert, aber in der erziehungswissenschaftlichen Diskussion noch wenig aufgegriffen worden sind (vgl. allerdings Reh/Ricken 2014; Althans 2014).

[1] Die Tagung „Ethnographie der Praxis – Praxis der Ethnographie“ fand im Februar 2016 an der Universität Hildesheim statt und wurde federführend von Katrin Audehm organisiert.
[2] Ethnographische Studien im Kontext der Erziehungswissenschaft sind inzwischen so zahlreich, dass es einigermaßen aussichtslos sein dürfte, diese alle zur Kenntnis nehmen oder gar hier aufführen zu wollen.
[3] Inzwischen hat man sich in Oxford, glaube ich, an den deutschen Stil erziehungswissenschaftlicher Ethnographie gewöhnt und man erwartet von deutschen Beiträgen gar nichts anderes mehr.

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