Mariam Tazi-Preve im Interview

Das Versagen der Kleinfamilie

Die Kleinfamilie am Rande des Nervenzusammenbruchs?

Mariam Irene Tazi-Preve in Stichworten: geboren in Innsbruck, Professorin für Politikwissenschaft und Geschlechterforschung in den USA, Zivilisationstheoretikerin mit visionärem Blick, langjährige wissenschaftliche Tätigkeit in Wien, Vorträge in Nordamerika und Europa. Schwerpunkte in Zivilisations- und Geschlechtertheorie, Politik und Reproduktion, Autorin bzw. Koautorin und Herausgeberin von mehreren Büchern und zahlreichen wissenschaftlichen Beiträgen, bei uns jüngst „Das Versagen der Kleinfamilie“ (2017), . 2015 war sie Mitbegründerin von “Bumerang. Zeitschrift für Patriarchatskritik”.

Frau Tazi-Preve, Was hat Sie bewogen, dieses Buch zu schreiben?

Mariam Tazi-Preve mit BuchDas werde ich inzwischen in vielen Interviews gefragt. Meine Leserinnnen haben den Inhalt zumeist ganz genau verstanden und in zahlreichen Rückmeldungen bekomme ich z.B. gesagt, dass ich den „Müttern endlich Gerechtigkeit widerfahren lasse“ und überhaupt genau sage „wo der Has’ im Pfeffer liegt“.

Ausgangspunkt für mich war das Leiden an den Verhältnissen. Ich arbeite seit über 20 Jahren an den Themen Mutterschaft, Familie, Vaterschaft und es wurde mir zunehmend klar, dass ich dieses Buch nicht bloß schreiben will, sondern dass ich es schreiben muss. Als Sachbuch konzipiert ging es mir darum, nicht einfach noch mehr empirische Forschung zu verbreiten, sondern um ein Neudenken von Familie und mich damit als Vordenkerin zu positionieren. Damit begab ich mich zurück zu meinen Anfängen, nämlich der Politischen Theorie, konkreter dem kritischen und historischen Denken und einer sehr breiten interdisziplinären Herangehensweise. Und im Sinne des alten feministischen Slogans „das Private ist politisch“ war es mir auch ein Anliegen, einen Ausschnitt aus meiner Familiengeschichte zu beschreiben. Damit wollte ich das durchbrechen, was im deutschsprachigen Bereich als „objektiv“ gilt – im Gegensatz zum englischsprachigen Bereich, wo das Aufzeigen des subjektiven Zugangs in Büchern durchaus üblich ist. Ich denke, die Mischung macht das Buch wirklich authentisch.

An welche Ereignisse der jüngsten Zeit bzw. an welche allgemeineren Erfahrungen knüpft Ihr Buch thematisch an?

Das Buch ist zum einen „zeitlos“: Praktisch jede/r hat Erfahrungen mit Kleinfamilie, aus der man kommt oder in die man geht. Zudem ist das Thema ein Dauerbrenner mit den Slogans „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“, „Geburtenrückgang“, der Frage der Reproduktionstechnologie und dem „Dauerbrenner“ Schwangeschaftsabbruch, der z.B in den USA das Kriterium der Einschätzung von Politikern ins politiche Spektrum ist.

Welche Erkenntnisse aus Ihrem Buch können den LeserInnen den größten Vorteil bieten?

Das Buch gibt den LeserInnen eine neuartige kritische Analyse, die sie Familie mit völlig neuen Augen sehen lässt. Ich artikuliere ein Unbehagen in der Kultur und Gesellschaft, das so noch nie dargelegt worden ist. Diese Erkenntnisse helfen den „Familien-InsassInnen“ weiter, sich in ihrem persönlichen Leben und Arbeitsethos neu entscheiden zu können. Zum anderen zeige ich Lebensweisen auf, die derzeit in manchen nicht-westlichen Gesellschaften gelebt werden, die in der breiten Bevölkerung gar nicht bekannt sind. Sie helfen uns weiter, neue Lebensformen zu kreieren, ohne das Rad neu zu erfinden. Ich gebe Orientierungspunkte, anhand derer neue Familienmodelle entwickelt werden können.